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Pharmaindustrie:"Es wird alles gefälscht. Von Antibiotika bis zur Antibabypille"

"Ich habe in 30 Jahren bei der Kripo viel gesehen, aber während meiner Arbeit für die Pharmaindustrie hat es mich schockiert, in welchem Ausmaß man die Gesundheit von Menschen gefährdet, um Geld zu verdienen", sagt der ehemalige Sicherheitschef einer der weltgrößten Pharmafirmen, der anonym bleiben will. "Die deutschen Apotheken sind relativ sicher, aber man ist auch dort nicht davor gefeit, eine Fälschung zu bekommen. Es wird alles gefälscht. Von Antibiotika bis zur Antibabypille."

Riesige Gewinnmargen locken längst die Organisierte Kriminalität an, es werden nicht nur Lifestyle-Produkte gefälscht, sondern auch hochpreisige Krebsmedikamente. "In Deutschland halte ich die Gefahr durch gefälschte Medikamente zwar noch nicht für groß", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt für Krebsmedizin in Berlin und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. "Aber wir haben Patienten aus dem Ausland, aus Russland beispielsweise. Da ist es ein riesiges Problem. Bei manchen Medikamenten, etwa Antikörpern, sehen wir, dass die nicht wirken, weil sich die Blutwerte nicht verändern."

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Mitteleuropa mag im Vergleich zu anderen Ländern gut dastehen. "Wir sind in Deutschland zwar noch auf der sicheren Seite", sagt André Said, von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. "Aber wir befinden uns seit Jahren im Wettbewerb mit Kriminellen, um zu verhindern, dass gefälschte Mittel hier in den Handel kommen. Produktions- und Vertriebswege sind verschlungen, da wäre mehr Transparenz unbedingt von Vorteil."

Deutschland galt einst als "Apotheke der Welt"

Denn auch in Deutschland lässt sich kaum nachverfolgen, wo welche Bestandteile einer Arznei herkommen. So hat das BfArM alle 17 546 Arzneimittel in ihrem Zuständigkeitsbereich auf ihre Herkunft untersucht. "Davon weisen 19 Prozent mindestens einen Wirkstoffhersteller in China und 37 Prozent mindestens einen Wirkstoffhersteller in Indien aus", teilt das BfArM mit. Bei vier von fünf Medikamenten aus der Apotheke kommt keine Substanz aus hiesiger Produktion, "78 Prozent der betrachteten Arzneimittel weisen keinen Wirkstoffhersteller in Deutschland aus".

Deutschland galt einst als "Apotheke der Welt", ehrwürdige Unternehmen wie Bayer und Höchst waren Weltmarktführer. Jetzt haben Preisdruck und Profitstreben dazu geführt, dass die Herstellung über die ganze Welt verteilt ist. Während bei jedem Hühnerei ein Stempel Aufschluss gibt über die Herkunft, ist bei Arzneimitteln sogar für Experten manchmal kaum nachzuvollziehen, wo was geschüttelt und gerührt wurde. "Die Produktion von Ausgangsstoffen, Wirkstoffen, Hilfsstoffen, Zwischenprodukten sowie die Endfreigabe kann an unterschiedlichen Orten stattfinden", sagt Maik Pommer vom BfArM. "Eine Kennzeichnung wie bei Eiern ist daher nicht möglich. Jedoch unterliegen auch Herstellungsstätten in Drittstaaten der Überwachung, die zum Teil von zuständigen Behörden aus EU-Mitgliedstaaten durchgeführt wird."

Kann das gelingen? Die schäbige Arzneimittelfirma in Indien, die in "Gift" gezeigt wird, war nicht künstliche Filmkulisse, sondern ein von der dortigen Zulassungsbehörde zertifizierter Produktionsort für Medikamente. Und kann es in Deutschland tatsächlich nicht zu Zwischenfällen durch gepanschte Medikamente kommen? Ist ausgeschlossen, dass auch hier Patienten an verunreinigten Arzneimitteln sterben wie Robert Allen 2008?

Im März 2017 rief die Firma Rotexmedica aus Schleswig-Holstein Teile ihrer Heparin-Injektionslösungen zurück. Nachdem die Mittel zur Blutverdünnung gegeben wurden, gab es "Meldungen zur Unwirksamkeit bei der Anwendung". Bei der beanstandeten Charge 60 502 handelte es sich um 205 000 Durchstechflaschen. 68 Kliniken und Institutionen in Deutschland waren beliefert worden. Zwar erklärte die Geschäftsführung von Rotexmedica, dass es "sich nicht um einen Qualitätsmangel" handele, "sondern um eine vermutete verminderte Wirksamkeit, bei der keine Patienten zu Schaden gekommen sind". Doch wie will man das ausschließen, wenn ein Medikament nicht ausreichend wirkt und beispielsweise Heparin das Blut nicht verdünnt, sodass Gerinnsel entstehen?

Auch der Wirkstoff aus der aktuell zurückgerufenen Heparin-Charge von Rotexmedica ist von einem Zulieferer aus China geliefert worden, allerdings sei dies "ein durch deutsche Behörden zertifizierter Lieferant", wie die Firma betont. Ob das ausreicht, um jene Qualität zu gewährleisten, die von Medikamenten zu recht erwartet wird, ist fraglich. Die letzte behördliche Kontrolle des chinesischen Heparin-Zulieferers sei nach Auskunft von Rotexmedica "im Juni 2014 durchgeführt worden".

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