Personalisierte Medizin Besser von "Präzisionsmedizin" sprechen

Wie viel Potenzial die personalisierte Medizin hat, wurde Anfang Juni bei der Jahrestagung der American Society of Oncology in Chicago deutlich: Dort präsentierte ein Team vom MD Anderson Cancer Center der Universität Texas eine Langzeitstudie mit 3700 austherapierten Krebspatienten. 711 von ihnen konnten aufgrund einer Mutation, die in ihrem Krebs gefunden wurde, eine spezialisierte Therapie erhalten. Von diesen Patienten lebten nach drei Jahren noch 15 Prozent, von den übrigen waren es nur sieben Prozent.

Der personalisierten Medizin wird häufig vorgeworfen, dass sie am Ende zu kostenintensiv sein werde. Aber bei genauer Betrachtung bedeutet personalisierte Medizin nur im Ausnahmefall eine Spezialbehandlung für den einzelnen Patienten, wie dies bei manchen Immuntherapien der Fall ist - etwa bei der derzeit mit Nachdruck erforschten Car-T-Zelltherapie, bei der die eigenen Immunzellen von Patienten gentechnisch so verändert werden, dass sie den Krebs des Patienten wirksam bekämpfen. In der Regel wäre es besser, von "zielgerichteter Medizin" oder "Präzisionsmedizin" zu sprechen. Patienten werden einer Untergruppe zugeteilt und erhalten innerhalb des Verfügbaren die am besten auf sie zugeschnittene Therapie.

Dabei werden Patienten auch nicht unbedingt menschlicher behandelt. Die Bioethikerin Barbara Prainsack vom King's College London befürchtet sogar, dass die personalisierte Medizin Arzt und Patient noch weiter auseinanderrücken wird. Personalisiert bedeute leider nicht persönlich, so Prainsack. Irgendwann werde womöglich nur noch ein Datensatz des Patienten am Computer erstellt und dieser dann von einem Algorithmus analysiert, der die erfolgversprechendste Therapie auswirft.

Genau das fände Hans Lehrach klasse. Der Molekularbiologe war eine der Größen der frühen Genforschung. Mit einem Team des Comprehensive Cancer Center an der Berliner Charité arbeitet er an einem Tumoranalyseprogramm. Das Team legt im Computer digitale Doubles seiner Patienten an und lässt den Rechner testen, welche Medikamente am besten helfen können. "Wenn wir ein Hochhaus bauen", sagt Lehrach, "warten wir schließlich auch nicht, ob es beim nächsten Sturm zusammenbricht, sondern wir simulieren das im Voraus." Erste Erfolge bei Patienten, die als austherapiert galten, gab es schon.

"Es wird noch Generationen von Ärzten dauern, bis wir die Technik voll ausschöpfen können"

Längst hat die personalisierte Medizin außerhalb der Onkologie weitere Bereiche erobert. Florian Holsboer, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, hat Labortests entwickelt, um vorherzusagen, auf welche Medikamente Patienten mit Depressionen am besten reagieren. Denn auch hier bietet sich häufig das Bild: Ärzte probieren lange aus, wundern sich mitunter, weshalb sich die Krankheit eines Patienten gar nicht bessert, und verdächtigen ihn mitunter sogar, seine Medikamente nicht zu nehmen.

Und an der Medizinischen Universität Wien nutzt der Allergologe Heimo Breiteneder genetische Analysen, um vorherzusagen, ob ein Patient auf eine Immuntherapie reagieren wird. Bisher werden bei Heuschnupfen Extrakte aus ganzen Pollen der quälenden Pflanze hergestellt. Diese enthielten aber nicht immer die für den einzelnen Patienten beste Zusammensetzung an Allergenen, sagt Breiteneder. Er erzählt von einem Bienengiftallergiker, der nach einem Stich trotz mehrjähriger Immuntherapie einen Schock erlitt. Es stellte sich heraus: Von der Substanz "Api m 3" aus dem Bienengift, gegen die sein Immunsystem so rebellierte, war in der Immuntherapie nur wenig enthalten.

In alle Bereiche der Medizin wird die Personalisierung wohl nicht vordringen. Sie ist aufwendig und teuer und gar nicht überall nötig. Gerade Volkskrankheiten wie Herzleiden und Diabetes sind in ihrer Ausprägung oft ähnlicher als Krebs- oder immunologische Erkrankungen; deshalb ist eine Aufteilung der Patienten in Untergruppen nicht immer sinnvoll, meint Malek. Und wie groß können die Erfolge bei den übrigen Krankheiten sein? Kritiker bemängeln mitunter, dass die personalisierte Behandlung Krebspatienten oft nur ein etwas längeres Leben schenke. Das werde mehr werden, meint Malek. Er ist sich sicher: Die Zukunft hat erst angefangen. "Wir stehen noch ganz am Anfang. Es wird noch Generationen von Ärzten dauern, bis wir die Technik voll ausschöpfen können."

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Personalisierte Medizin - das klingt nach einem intensiven Arzt-Patienten-Verhältnis, geprägt von Respekt und Verständnis. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht um eine PR-Strategie von Pharmaindustrie und interessierten Wissenschaftlern.   Werner Bartens