Personalisierte Medizin Eine Therapie für alle, das war einmal

Die personalisierte Medizin verfolgt den Anspruch, individuelle Therapien für Patienten anbieten zu können.

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  • Eine personalisierte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Medizin ist im Kommen.
  • Schon heute gibt es zahlreiche Ansätze, Patienten nicht mehr nach dem Prinzip Gießkanne zu behandeln, sondern sich ihre Krankheiten sehr viel genauer anzuschauen.
  • Der personalisierten Medizin wird allerdings häufig vorgeworfen, dass sie am Ende zu kostenintensiv ist. Experten widersprechen.
Von Christina Berndt

Heute kämpfen viele Patienten darum, von ihrem Arzt überhaupt als Person wahrgenommen zu werden. Ein Händedruck ist viel zu selten drin, ein Blick in die Augen wird durch Blättern in der Patientenakte ersetzt. Da fragt man sich, wie es die Medizin schaffen will, den einzelnen Menschen künftig in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit zu rücken. Wie es das geben soll: eine personalisierte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Medizin!

Doch diese Art der Medizin ist zweifellos im Kommen. Schon heute gibt es - vor allem in der Krebsbehandlung - zahlreiche Ansätze, Patienten nicht mehr nach dem Prinzip Gießkanne zu behandeln, sondern sich ihre Krankheiten sehr viel genauer anzuschauen als noch vor einigen Jahren üblich. Am Ende erhalten sie Medikamente, die auf ihre persönliche Ausprägung der Krankheit zugeschnitten sind.

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Das kann man als eine Art Revolution betrachten. Denn jahrzehntelang sind Mediziner davon ausgegangen, dass alle Menschen als Vertreter derselben biologischen Art mit denselben Methoden behandelt werden müssten, wenn sie krank sind. Inzwischen werden Krankheiten - allen voran Krebserkrankungen - an spezialisierten Zentren genetisch untersucht, vorliegende Mutationen analysiert oder die individuellen Stoffwechseleigenschaften der Patienten detektiert - und je nach Ergebnis greifen Mediziner zu einem anderen Medikament. Nebenwirkungen sollen so minimiert werden, unnötige Therapien, bei denen Patienten Medikamente erhalten, die bei ihnen ohnehin nicht wirken können, vermieden werden.

"Scheinbar ähnliche Krankheiten brauchen bei verschiedenen Patienten ganz andere Medikamente"

Nicht umsonst war das Thema personalisierte Medizin deshalb eines der heiß diskutierten Themen bei der Lindauer Nobelpreisträgertagung, wo Aaron Ciechanover, einer der Chemie-Nobelpreisträger 2004, über Hoffnungen und Grenzen dieser stärker auf einzelne Patienten zugeschnittenen Disziplin sprach. "Für jede Krankheit nur eine Therapie - das war einmal", so der israelische Biochemiker, "scheinbar ähnliche Krankheiten wie Brust- oder Darmkrebs brauchen bei verschiedenen Patienten ganz andere Medikamente."

Das sieht Nisar Malek ähnlich. Der Internist leitet das Zentrum für personalisierte Medizin an der Universität Tübingen. Sein Ziel: die Erkenntnisse dieser Sparte möglichst bald für möglichst viele Patienten verfügbar zu machen. "Wir möchten es in die klinische Routine überführen, dass das Erbgut von Krebsherden untersucht wird, bevor über die medikamentöse Behandlung eines Patienten entschieden wird", sagt Malek. An seinem Zentrum wird dies bisher nur im Einzelfall gemacht - und bei Patienten, für die keine klassischen Therapie mehr zur Verfügung steht, weil sich alles Gängige als chancenlos erwiesen hat.

In solchen Fällen bestimmt Maleks Team die genetische Sequenz der Tumorherde, um einen weiteren möglichen Angriffspunkt beim Krebs zu entdecken. Dabei kann zum Beispiel auffallen, dass bei einer Darmkrebspatientin eine Mutation vorliegt, wie sie üblicherweise bei Lungenkrebs vorkommt. Bei dieser Mutation kann ein modernes Medikament aus der Reihe der sogenannten Checkpoint-Inhibitoren wie PD-1 helfen. Dieses Medikament wäre für die austherapierte Patientin also einen Versuch wert, auch wenn es noch gar nicht für Darmkrebs zugelassen ist.

Dabei liegt Malek aber etwas am Herzen: die kontrollierte Datenauswertung: "Es ist wichtig, dass wir alle Ergebnisse in einer Datenbank sammeln und sorgfältig analysieren." Nur dann könnten andere von dem so erzeugten Wissen profitieren. Denn wissenschaftliche Beweiskraft wird mit zunehmender Individualisierung einer Behandlung immer schwieriger. Würde die Therapie, wenn sie der einen Patientin hilft, wahrscheinlich auch anderen Darmkrebspatienten mit dem gleichen Mutationsmuster helfen? Oder war es nur Zufall? Die Chancen der personalisierten Medizin, ihre Fokussierung auf den einzelnen Patienten, sind zugleich ihr Problem: Jeder Patient ist ein Einzelfall.

Die Tagung

Bereits zum 68. Mal findet die Lindauer Nobelpreisträgertagung statt. Von 24. bis 29. Juni diskutieren 39 Laureaten mit 600 Nachwuchs-wissenschaftlern aus 84 Ländern über aktuelle Themen aus Physiologie und Medizin. Die Tagung kooperiert mit dem Heidelberg Laureate Forum (HLF), das seit sechs Jahren nach dem Muster Lindaus etablierte wie junge Informatiker und Mathematiker zu einem einwöchigen Treffen lädt; daher spricht in Lindau der britische Informatiker Leslie Valiant. Die Lindauer Tagung wurde 1951 von den Ärzten Franz Hein und Gustav Parade sowie Lennart Graf Bernadotte initiiert. Sie ist abwechselnd der Physik, der Chemie, der Medizin und dem interdisziplinären Austausch gewidmet. pfu

Ohnehin sagen selbst große klinische Studien nur bedingt etwas über die Chancen einer Arznei im Einzelfall aus. Bei genauerer Analyse zeigt sich mitunter: Insgesamt war der Erfolg eines Medikaments vielleicht mäßig, aber eine Untergruppe von Patienten profitiert deutlich. Zweifelsohne wäre es für Patienten ein Segen, wenn Ärzte den Ausgang einer Therapie bei ihnen persönlich vorhersehen könnten, bevor sie eine Behandlung beginnen.

Heute sei es doch vielfach so, lästert der Genetiker Hans Lehrach, emeritierter langjähriger Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin: Bei einem Patienten ist zwar der linke Arm gebrochen, aber es wird trotzdem sein rechter eingegipst, weil das bei der Mehrheit der Patienten in den klinischen Studien auch erfolgreich war. Und Siddhartha Mukherjee ergänzt: Es müsse gar nicht immer eine helfende Therapie gefunden werden, so der Arzt und Bestsellerautor ("Der König aller Krankheiten") kürzlich in der New York Times. Es sei auch ein wichtiges Ziel, Patienten eine Chemotherapie ersparen zu können, die ihnen nicht helfen wird.