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Zoonosen:Das Pandemiezeitalter muss nicht kommen

Viehhaltung in Brasilien: Die Zerstörung von Lebensräumen unter anderem für die Fleischproduktion ist ein wesentlicher Treiber bei der Entstehung neuer Krankheiten.

(Foto: YASUYOSHI CHIBA/AFP)

Der Biodiversitätsrat IPBES warnt vor weiteren neuen Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übergehen könnten. Die Experten fordern Naturschutz als Prävention.

Von Thomas Krumenacker

Gerade strebt die zweite Corona-Welle in vielen Ländern ihrem Höhepunkt entgegen, da warnen führende Wissenschaftler bereits vor der rapiden Ausbreitung weiterer und noch schlimmerer Infektionskrankheiten. "Die Welt könnte ein ziemlich unangenehmer Ort werden", sagt Peter Daszak. "Wenn wir nicht rasch gegensteuern, werden wir schon sehr bald wesentlich öfter Pandemien erleben, die sich noch schneller ausbreiten als Covid-19, noch tödlicher verlaufen und die globale Wirtschaft in noch tiefere Krisen stürzen, als wir sie jetzt erleben." So fasst der US-Zoologe und Virenexperte den Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES zum Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und dem Risiko neuer Pandemien zusammen.

Im Auftrag von mehr als 130 Regierungen haben die zwei Dutzend Experten unter Daszaks Leitung für den am Donnerstag vorgelegten Bericht den Kenntnisstand über Krankheitserreger tierischen Ursprungs - sogenannte Zoonosen - zusammengetragen und ihre Ausbreitungsmuster analysiert.

Demnach unterscheidet sich die Sars-CoV-2-Epidemie im Kern nicht von den sechs vorangegangenen globalen Pandemien seit der Spanischen Grippe, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bis zu 50 Millionen Menschen getötet hat. "Es ist kein großes Geheimnis, wie sich diese Pandemie und jede vorangegangene globale Infektionswelle ausbreitet", sagt Daszak.

Abholzung von Regenwäldern und Wildtierhandel sind Treiber neuer Krankheiten

Das Überspringen der natürlicherweise in Wirtstieren wie Fledermäusen oder anderen Wildtieren lebenden Erreger auf Menschen werde durch einen zu engen Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren ermöglicht, der durch das menschliche Vordringen in immer entlegenere Regionen der Erde massiv befördert werde. Die Übernutzung arten- und virenreicher Regionen in den Tropen durch Abholzung von Regenwäldern und Siedlungsbau sowie den unkontrollierten Handel mit Wildtieren sehen die Forscher nach Auswertung von mehr als 600 wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema als die treibenden Faktoren globaler Pandemien an.

Der Analyse zufolge führen damit die gleichen Faktoren, die für den Kollaps der Artenvielfalt und die Klimakrise verantwortlich sind, die Menschheit nun in ein "Zeitalter der Pandemien". Vor allem die stetige Ausweitung und Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft und die dahinter stehenden, auf Verschwendung und Überkonsum angelegten Produktions- und Handelssysteme zerstörten die Natur und erhöhten den Kontakt zwischen Wildtieren, Vieh, Krankheitserregern und Menschen, konstatieren die Experten. "Das ist der Weg zu Zoonosen und Pandemien."

Das Potenzial für neue globale Epidemien schätzen die Wissenschaftler als immens ein. Unter den geschätzt 1,7 Millionen bislang unentdeckten Viren in Wirtstieren wie Vögeln und Säugetieren sehen die Forscher bei zwischen einer halben Million und 850 000 ein Pandemie-Potenzial. Schon heute sind Zoonosen ein ernstes Problem. Von den in den vergangenen Jahren neu aufgetretenen Infektionskrankheiten haben 75 Prozent einen tierischen Ursprung. "Wir halten seit 20 Jahren die rote Flagge in die Luft, besonders was Coronaviren angeht, aber wir wurden zu oft ignoriert", beklagt Daszak.

Trotz dieser ernüchternden Analyse verstehen die Experten ihren Bericht nicht als Beleg für Weltuntergangsszenarien. "Wir sagen nicht, wir sind verdammt, sondern wir haben die Kraft, die Zukunft zu verändern und die Bedrohung durch diese verheerenden Pandemien zu verringern", sagt Studienleiter Daszak. Denn die besonders virenreichen Tierarten seien ebenso bekannt wie die Übertragungswege auf den Menschen. Mithin sei es möglich, Schutzstrategien gegen ein Übergreifen zu entwerfen. Der Bericht empfiehlt den Regierungen dazu ein grundlegendes Umsteuern zu mehr Prävention. Abzuwarten, bis ein Erreger sich ausbreite und dann zu versuchen, die Welle durch Eindämmungsmaßnahmen und Impfstoffentwicklung zu brechen, sei "ein langsamer und unsicherer Weg".

Stattdessen könne das Pandemierisiko durch eine Verringerung naturschädlicher Aktivitäten, mehr Schutzgebiete und einen besseren Schutz der biologischen Vielfalt vor allem in den Tropen deutlich verringert werden. "Wir müssen Klimaschutz, Naturschutz und Gesundheitsschutz zusammen denken", fasst IPBES-Generalsekretärin Anne Larigauderie den Grundsatz zusammen.

Prävention sei viel billiger als Shutdowns und Therapien

Ein stärker präventiv orientierter Ansatz rechne sich auch ökonomisch, glauben die Forscher. Pandemiefolgen wie Shutdowns, krankheitsbedingte Ausfälle und medizinische Behandlungen hätten allein bis zum Juli 2020 weltweit Kosten von bis zu bis 16 Billionen Dollar verursacht, rechnen sie vor. Dagegen würden die Kosten für wirksame Maßnahmen zur Verringerung des Pandemierisikos hundert Mal niedriger ausfallen - auch weil durch den Umbau der Gesellschaften zu mehr Nachhaltigkeit neue "grüne", wachstumsfreundliche Anreize geschaffen würden.

Der Bericht gibt eine Reihe konkreter Handlungsoptionen an die Regierungen der IPBES-Mitgliedstaaten. Neben der Einrichtung eines Internationalen Rates zur Pandemieprävention analog zu Weltklima- und Weltbiodiversitätsrat zielen diese vor allem auf eine Veränderung der Produktions- und Konsumgewohnheiten in den entwickelten Staaten ab. So werden Steuern oder Abgaben auf Fleisch als Möglichkeit genannt, den Konsum zu steuern. Dies habe in vielen Ländern mit Zigaretten gewirkt. "Nur, weil hier nicht der Entstehungsort von Pandemie-Erregern ist, heißt das nicht, dass Europa damit nichts zu tun hat", sagt Co-Autor Carlos das Neves vom norwegischen Veterinärinstitut.

"Wir können Klima, Natur und menschliche Gesundheit gemeinsam schützen", bilanziert Daszak. Ein wunderschöner Planet mit vielen Ökosystemleistungen und viel weniger Tote durch Pandemien seien die Belohnung für ein Umsteuern: "Das ist doch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis".

© SZ/weis
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