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Notfallmedizin:"Die schlechten Kliniken müssen endlich vom Markt"

Landräte und andere Lokalpolitiker wollen "ihr" Krankenhaus behalten, auch wenn Patienten dort schlecht versorgt werden. Muss die Klinik dichtmachen, fürchten sie um die Wählergunst. Ärztefunktionäre schützen ihre Kollegen und beschönigen die Qualitätsunterschiede in der Medizin. Den Doktoren in den kleinen Häusern ist kein Vorwurf zu machen. Woher sollen Ärzte die Erfahrung haben, einen komplizierten Notfall zu versorgen, wenn sie nur sechs- oder achtmal im Jahr damit konfrontiert werden? "Die schlechte Medizin, die in Kliniken mit wenig Fallzahlen gemacht wird, ist ein riesiges Ärgernis", sagt Schrappe und fordert: "Schlechte Kliniken müssen endlich vom Markt."

Wissenschaftlich ist längst erwiesen, dass mehr Erfahrung in der Medizin bessere Ergebnisse für Patienten bringt. Ob Brustkrebs, Knieprothese oder Herzklappenersatz: Wer eine Operation oder andere Therapien hundertmal im Jahr oder noch häufiger ausführt, ist im statistischen Mittel nun mal besser als der Arzt, der sie nur ein Dutzend Mal anwendet.

Weil die Grenze zur Qualität nicht exakt bestimmt werden kann, gibt es lieber gar keine Regelung

Trotzdem wurden immer wieder "Mindestmengenregelungen" von Sozialgerichten abgelehnt und von Ärzteverbänden unterhöhlt, wonach nur Ärzte und Krankenhäuser mit genügend Erfahrung bestimmte Behandlungen anbieten dürfen. Die Begründung ist absurd: Zwar steige mit mehr Erfahrung kontinuierlich die Qualität der Patientenversorgung, aber es könne nicht wissenschaftlich sicher ein Grenzwert angegeben werden, von welcher Behandlungszahl an eine Klinik besser sei als die andere. Diese Argumentation gleicht der Haltung, erst gar keinen Deich zu bauen, weil man ja nicht wissen kann, auf welchen Pegel das nächste Hochwasser steigt.

Im Bereich der Notfallversorgung fehlen für Deutschland - wie so oft in der Medizin - die Daten. Bertil Bouillon, Chef der Unfallchirurgie in Köln-Merheim und Leiter einer großen Traumastudie, kann immerhin festhalten, dass sich die Sterblichkeit von Patienten nach schweren Unfällen in lokalen, regionalen und überregionalen Kliniken kaum unterscheidet. "Das liegt aber nicht an der Qualität, sondern an der gut funktionierenden Zuweisung: Ein Patient mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma würde nie in ein kleines Krankenhaus kommen, sondern gleich in die Uniklinik", sagt Bouillon. Schrappe fordert gesetzliche Regeln: "Diese selbst verschuldete Verzwergung der Politik in Fragen der Patientensicherheit muss endlich aufhören."