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Schlafverhalten:Durchschlafstörung oder Wiederkehr eines alten Musters

Ein "Hinlegen-und-Sterben-Modell" sei das, spöttelt die Ethnologin Carol Worthman von der Emory University in Atlanta über diese Art der Nachtruhe. Sie hat erstaunlicherweise als eine der ersten Vertreter ihrer Zunft systematisch die Schlafkulturen indigener Völker untersucht, etwa der !Kung in Botswana oder der Efe im Kongo und kam zu ähnlichen Ergebnissen wie Ekirch.

Mancherots ist der Schlaf stärker in das soziale Leben eingebunden bei uns. Auch tagsüber nehmen sich die Menschen dort häufig die Zeit für ein Nickerchen.

(Foto: AP)

Dort sei der Schlaf viel mehr in das soziale Leben eingebunden bei uns. Schon aus Gründen der Sicherheit - wilde Tiere könnten angreifen, die Seele verloren gehen - schliefe man zumeist in Gruppen; Männer, Frauen, Kinder, Haustiere zusammen. Immer wieder stehe jemand auf, es gibt Wachpausen, Hühnergegacker, kurze Gespräche, Feuergeknister. Allerdings: Auch tagsüber nehmen sich die Menschen dort häufig die Zeit für ein Nickerchen.

Es ist deshalb fraglich, ob solche polyphasischen Schlafstrukturen auf moderne Industriegesellschaften einfach zu übertragen seien, zumal die Menschen von Kindheit an über den biphasischen Schlaf des Kleinkindes (Nacht- und Mittagsschlaf) zum nächtlichen Monoblock in ruhiger Umgebung konditioniert wurden. Das lässt sich nicht einfach ablegen. Die neuen ethnologischen Studien zeigen aber, dass auch Menschen in hiesigen Breiten sich nicht bei jedem unerwünschten Aufwachen als Schlafversager verstehen müssen. Und das ist wichtig, denn auch schulmedizinische Insomnie-Forscher betonen immer wieder, dass gerade die Angst vor Schlaflosigkeit erst zu eben dieser führe.

Die Botschaft lautet nicht: zurück in die Steinzeit, sondern - Gelassenheit. Viele Arrangements sind vorstellbar, auch in deutschen Schlafzimmern. So weiß man seit Jahren aus Studien der österreichischen Schlaf- und Verhaltensforscher Gerhard Klösch und John Dittami, dass viele Paare mit gutem Grund entgegen dem Standardmodell getrennte Betten bevorzugen.

Frauen schlafen im Durchschnitt schlechter, wenn ein Mann im Bett ist, weil sie sich - so die evolutionspsychologische Spekulation - für ihn verantwortlich fühlen: "Schlafen beim Partner bedeutet für Frauen Schlafen an der Arbeitsstelle Familie", sagt Klösch. Männer hingegen würden sich an die Ur-Rotte erinnern und denken: "Schön, da ist jemand, der auf mich aufpasst."

Und wer ungewollt alleine schläft, müsse sich auch nicht schämen, wenn er auf andere beste Freunde zurückgreift. Klösch und Dittami schätzen, dass etwa die Hälfte der Hunde und fast jede Katze das Bett mit Herrchen oder Frauchen teilt, wobei neue Problem entstehen: Gut 20 Prozent der Hunde und zehn Prozent der Katzen schnarchen. Ob der ebenfalls erkannte Trend zum Handy als Schlafgenosse einen Ausweg weist?

Zumindest ist es am Ausgang der durchgetakteten und allgemein synchronisierten industriellen Produktionsweise auch an der Zeit, die europäische Schlafkultur zu flexibilisieren: So fordern Schlafforscher seit langem, entsprechend dem realen Schlafverhalten von Jugendlichen, den Unterrichtsbeginn nach hinten zu verlegen. Vielleicht könnte man von den Japanern lernen, den Nachtschlaf zu reduzieren, und stattdessen viele kleine Schlafpausen in U-Bahn und Büro einzulegen. Was spricht gegen die Siesta an langen Sommertagen? Wieso nur können es so wenige Chefs verknusen, wenn sich ihre Angestellten zum biologischen Tief nach dem Kantinen-Besuch eine halbe Stunde unter dem Schreibtisch zusammenrollen? Alle unglücklichen Schläfer schlafen schlecht, aber gut schlafen kann man auf viele verschiedene Weisen.

© SZ vom 25.09.2010/mcs
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