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Medizin:Der letzte Schnitt

Rüdiger Lange vom Deutschen Herzzentrum in München, 2015

Rüdiger Lange, Chefarzt für Herz- und Gefäßchirurgie in München.

(Foto: Catherina Hess)

Rüdiger Lange hat 12 000 Herzen operiert, Kindern das Leben geschenkt, es anderen durch Fehler genommen. Eine Geschichte über die Frage, wann man im Leben rechtzeitig aufhört.

Adrenalin schießt ins Blut, es ist wie ein Blitz, der den Körper aufspießt. Scheiße, was habe ich getan? Rüdiger Lange steht am OP-Tisch, Lupenbrille auf der Nase, gerade hat er einen winzigen Schnitt gemacht, ein paar Millimeter. Er hofft und bangt und sagt: Man kann alles versuchen, alles mögliche tun, aber das Kind wird diese Operation nicht überleben. So sehr Rüdiger Lange sich das wünscht, vielleicht hat er doch Glück, das sind so Gedanken, die in diesem Moment durch seinen Kopf rasen. Doch es ist ein fataler Fehler des Chirurgen. Und der Chirurg, das ist er.

Nur ein kleiner Schnitt am pflaumengroßen Herzen. Und der Patient stirbt. Er war keine zehn Wochen alt.

Rüdiger Lange, heute 64, Direktor der Herzchirurgie am Herzzentrum München, ein gefragter Mann in einer der renommiertesten Herzkliniken in Deutschland: Pro Jahr operieren sie hier etwa 3000 Mal. Die Klinik wurde als erstes Herzzentrum in Europa gegründet und gehört zur Technischen Universität München. Heute, sagt Lange, könne er locker über diese Operation sprechen, aber damals, es ist gut 20 Jahre her, ist er durch die Hölle gegangen.

Mein Kind ist tot und Sie, verdammt noch mal

Ein kleiner Schnitt durch das Leben eines kleinen Menschen, ein Schnitt durch ein winziges Stück der Schlagader, darin hat sich ein Herzkranzgefäß versteckt, das den Herzmuskel versorgt. Lange sieht es nicht und schneidet rein. Dieses Gefäß ist nicht zu flicken. Es ist die Leitung des Lebens; wenn es einmal gekappt wurde, ist es aus, Schluss, vorbei.

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Thorsten Schobe braucht dringend ein Spenderherz - doch es gibt keins. Als er eines Tages aus der Narkose aufwacht, sagt seine Frau: "Du hast kein eigenes Herz mehr". Doch Schobe lebt.

Die Mutter des Jungen wird Lange später an die Gurgel gehen, also wirklich, sie greift an den Kragen, schreit ihn an: Mein Kind ist tot und Sie, verdammt noch mal, sind schuld daran. Sie ganz alleine!

Schuld, sagt Lange, ist immer der Chirurg. Es mag sein Fehler gewesen sein, wie in diesem Fall. Er mag aber auch nur deshalb die Schuld tragen, weil er es nun mal ist, der den Brustkorb aufgesägt hat, mit einer Knochensäge, das Brustbein entzwei, darunter Blut. Das pumpen sie ab, mit einem Sauger, der sieht aus wie beim Zahnarzt. Stofftücher werden reingestopft in den Spalt in der Brust, und dann brutzelt es im Saal, es stinkt nach verbranntem Fleisch, sie veröden die Gefäße, damit das Blut nicht reinläuft, in die Grube, in die sie langsam vordringen. Sie klemmen einen Spreizer in das entzweite Brustbein, mit einer Winde am Ende. Sie drehen, bis sich die Brust langsam öffnet. Ratsch. Ratsch. Zentimeter für Zentimeter. Und das, was da unten hervortritt, glänzt tatsächlich wie Gold, es ist der Motor des Menschen, das Herz in seiner ganzen Eleganz. Es wackelt wunderbar regelmäßig im Takt, wie Pudding, angestoßen in feiner Rhythmik. Umgeben von weißem, gelbem Fett, es pumpt, und saugt und wirft das Blut in den Körper, 100 Mal in der Minute, hoffentlich ein Leben lang.

Rüdiger Lange ist heute Chefarzt der Herzchirurgie mit 30 Jahren Berufserfahrung. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Die Herzchirurgie ist ein besonders kniffliges Fach der Medizin; die Ärzte greifen mit den Händen um das Herz ihrer Patienten, trotz CT-Bildern und 3-D-Animationen. Sie ertasten Ablagerungen mit den Fingerspitzen, manchmal hart wie Eierschalen. Sie vernähen Gefäße, die sind bei Kindern nicht dicker als ein Faden. Das kann man vom Zuschauen nicht lernen, das kann man nur durchstehen, in dem man es übt, Lange hat 12 000 Operationen hinter sich. Am Herzzentrum ist er der Boss im Ring, wenn er durch die Gänge schwebt, grüßen die Assistenzärzte höflich und manche Pfleger treten einen Schritt zur Seite.

Ob er hier beliebt ist, nach 18 Jahren als Chef? Lange antwortet, dass ihm das Wort zu groß erscheint. In "beliebt" stecke ja Liebe drin, und die gibt's nun mal nicht für einen Direktor. Aber immerhin, die Zahl der Kündigungen ist gering, und ja, er glaube schon, dass seine Leute wissen, dass er sie auffängt, wenn sie taumeln, wenn es mal nicht so läuft, wenn die Erfolge verglühen und die Misserfolge sich einbrennen ins Gedächtnis, so wie er das selbst in seiner Karriere schon hat erleben müssen. Wenn sich jemand zu schnell nach oben schrauben wollte, immer noch kompliziertere Eingriffe wagen, noch kniffliger, noch gefährlicher, dann kann man fallen, auch mal ganz tief.

Fehler vermeiden, so gut es geht

Die Herzchirurgie ist für ihn an manchen Tagen wie ein Rausch, der Ruhm ist einem sicher. Oh, Guten Tag Herr Professor, Sie also sind dieser weltberühmte Herzchirurg? Und klar, wenn du so ein Kinderherz zurück ins Leben schickst; ein Herz, das die Natur völlig falsch verkabelt hat, sodass es eigentlich hätte sterben müssen - wer bitte kann das schon? Und was macht das mit einem, wenn man täglich die Macht über Leben und Tod hat?

Es gibt in der Chirurgie einen Spruch, den findet Rüdiger Lange ganz richtig, und der lautet so: Die ersten zehn Jahre lernst du die Technik, in den zweiten zehn lernst du, wen du operierst, und in den dritten zehn Jahren, von wem du besser die Finger lässt. Auch mal nein zu sagen, den einen Schnitt nicht mehr zu tun, auch, wenn es möglich wäre; das ist die Herausforderung, ein ganzes Leben lang.

Rüdiger Lange, aufgewachsen in Bonn, der Vater Soldat, die Mutter Ärztin, der Sohn soll in ihre Fußstapfen treten, das steht außer Frage. Lange macht das, ohne Murren, die Mutter nimmt ihn mit ins Krankenhaus, da ist er noch ein Kind. Dieser Geruch, eine Mischung aus Linoleumboden, Desinfektionsmittel, Stuhlgang und Kantinenessen ist in jedem Haus ähnlich. Man muss das kennen, auch ein bisschen mögen, sonst hält man das nicht 30 Jahre lang aus.

Lange also wird Chirurg, er wollte immer etwas besonderes in der Medizin machen, ja, auch etwas besonderes sein. Das wollen viele, und dazu braucht man eisenharte Disziplin. Bereitschaft zur Selbstqual. Lange isst morgens nichts und mittags Salat, er bestellt kein Spezi, da ist Zucker drin. Er bestellt Wasser und sitzt am Wochenende auch mal drei Stunden auf dem Hometrainer. Fit bleiben, die Konzentration hoch halten. Fehler vermeiden, so gut es geht, auch wenn da die Eitelkeit mit am Ego kratzt. Er hat zu viele Patienten gesehen, Raucher, übergewichtig, deren Herz und die Blutgefäße sehen aus, als hätte die Natur eine Bombe da reingeworfen.

Und so zeichnet der erste Blick auf Rüdiger Lange einen erfolgsverwöhnten Mann, braun gebrannt, mit einer Uhr am Handgelenk, die ein paar Monatsgehälter kostet. Ein paar Monatsgehälter einer seiner Patienten, wohlgemerkt. Denn: Rüdiger Lange operiert in der Regel Privatversicherte. So ist das in der Spitzenmedizin in Deutschland. Man sieht also einen hocherfolgreichen Chefarzt, der so ziemlich jeden Porsche schon mal gefahren ist. Man sieht jemanden, der rackert und rackert, der um halb sieben am Morgen die Klinik betritt, und um halb acht am Abend wieder rausgeht. Jemand, der auch im Urlaub vor Sonnenaufgang aufsteht, um die ersten 100 Kilometer mit dem Rennrad in den Tag zu rasen; die Felgen aus Carbon, edel und schick, athletischer Schnitt.

Rechtzeitig aufhören?

Rechtzeitig aufhören? Wenn man Lange bei der Arbeit begleitet, dann sieht man einen Arzt, der in seinem Leben bislang immer nur angefangen hat. Er hat knifflige Operationsmethoden in Deutschland etabliert, er gilt als Querkopf in der Szene, weil er ein Verfahren anbietet, das vor zehn Jahren noch fest in der Hand der Kardiologie lag. Dem Patienten mag das egal sein, wer genau da Drähte in sein Herz schiebt - in der Fachwelt ist das entscheidend.

Am Vormittag operiert er mit dieser Methode, sie heißt TAVI, oder auch Transkatheter-Aortenklappen-Implantation. Er operiert also einen Patienten, im selben Jahr geboren wie er selbst, doch die Gefäße in seinem Körper sind voller Kalk, das Herz pumpt gegen Widerstände, es wird bald in den Streik gehen. Nach einer Stunde, nicht länger, wird eine neue Herzklappe dort sitzen, wo die alte zu versagen drohte. Und das Blut des Patienten schießt wieder in den Körper, der Blutdruck steigt in Sekunden, 180 zu 75 mmHg, langfristig zu hoch, für jetzt aber ganz wunderbar. In diesem Moment ist der Mensch für den Chirurgen eine Maschine, und Lange derjenige, der die Macken der Maschine repariert.

Wenn man Rüdiger Lange ein bisschen länger begleitet, dann sieht man einen Arzt, der auch mal für zwei Tage in der Businessclass zu Kongressen nach Japan fliegt und dann ein paar Schlaftabletten schluckt, um den Jetlag zu überwinden. Und an einem normalen Tag in der Klinik, zwischen OP und Interview, trinkt er zwei Café, eine Dose Red Bull ohne Zucker, die Sekretärinnen servieren auf den Konferenztisch, da ist es nicht mal Mittag und gegessen hat er an diesem Tag, wie immer, noch nichts. Und ja, der Nacken tut oft weh, wenn er sich Stunden nach vorne über ein Kinderherz beugt, das noch keine zehn Tage den Sauerstoff der kalten Krankenhausflure geatmet hat. Lange also schneidet das nächste Herzchen auf, damit es ein Leben lang noch weiterschlagen kann.

Operieren ist wie eine Rennradtour

Das gibt ihm so eine Kraft, dass er mittags ein Hochgefühl hat. Unbeschreiblich, so ein Kinderherz ins Leben zu schicken, das schaffen nicht viele. Wenn es klappt, und das ist gottlob meistens der Fall, dann hat er einem Säugling das Leben geschenkt, wie sich das wohl anfühlen mag? Und doch, die Angst vor den Fehlern, die gehört dazu, sonst wird man leichtsinnig und macht Fehler, sagt Lange. Operieren ist wie eine Rennradtour: Der Weg auf den Gipfel ist grausam, aber wenn du oben ankommst, das Trikot verschwitzt, fühlt sich das an wie Fliegen. Diese Anspannung zerrt so sehr an ihm, dass er manchmal mittags völlig kaputt ist, und eigentlich nach Hause gehen möchte.

Aufhören möchte.

Er bleibt dann in der Klinik und schreibt Briefe, liest Anträge, spricht mit seinen Assistenten, die er fördert, wenn sie Nadel und Faden denn richtig halten können und bereit sind, viel Zeit am OP-Tisch zu verbringen und weniger im Fitnessstudio mit einer Rolex am Handgelenk. Wer Menschen aufschneidet, wird manchmal auch zum Aufschneider, den packt die Sucht nach dem Hochgefühl, nach dem Moment, in dem er einem Menschen das Leben schenkt. Damit kann nicht jeder umgehen. Und damit kann auch nicht jeder einfach so aufhören, wenn es Zeit wäre.

Und Lange? Er sagt, er könne nicht immer abschalten. Zu Hause spricht er nicht über den Tag, will die Familie nicht belasten, und doch, sagen die Kinder, bringe er die Klinik manchmal mit. Er ist 14 Stunden am Tag der Chef, der nicht ja sagt, sondern nickt, wenn die Oberärzte fragen, ob man eine Hochrisiko-OP wagen soll. Und dann plötzlich Papa sein, der hofft, dass die Kinder die Augenlider noch offen haben, wenn er die Schuhe auszieht zu Hause?

Das Leben eines Chirurgen, sagt Lange, ist fürchterlich verarmt. Er kannte den Himmel jahrzehntelang nur als Blick durch Fensterscheiben. Und in der wenigen Zeit, die bleibt, außerhalb der Klinik, spiele dann Geld auch keine Rolle mehr: edle Hotels, schnelle Autos, teure Restaurants. Er will dann, sagt er, möglichst viele Dinge erleben, die etwas mit Leben zu tun haben. Andererseits, wenn er am Morgen unten durch die Drehtür reinkommt, den weißen Kittel anzieht, am Herzen steht eingestickt Prof. Dr. Lange, Direktor, dann sei er in seiner Welt, das ist ja auch sein Leben, und dieses Leben hat nun mal einen Preis.

Also doch nicht aufhören?

"Ich habe Angst vor der Bedeutungslosigkeit", sagt er. Als Chefarzt ist Lange ein Star, Herr Professor hier, Herr Professor da, man kann mit ihm keine zwei Minuten sprechen, ohne dass er angesprochen wird. Ein 25-jähriger Patient blutet nach einer Herzkatheteruntersuchung, Not-OP, können Sie bitte kommen, Herr Lange? Aber wenn es vorbei ist, von heute auf morgen, interessiert sich womöglich niemand mehr für ihn. Und weil das so hart ist, bleiben viele der Medizin treu, wollen im OP stehen, auch dann, wenn die Hände schon zittern. Sie schlafen als Greise in der vorletzten Stuhlreihe auf Fachkongressen ein. Lange weiß das und fürchtet sich davor, er will den Schnitt, den er ein Leben lang geübt hat, auch in seinem Leben machen. Rechtzeitig aufhören. Und dann?

Er wäre gerne ein Vater, der mit den Kindern nachmittags auf dem Fußballplatz spielt, sagt er. In zwei Jahren winkt der Ruhestand. Er könnte aufhören. Andererseits: Seine Hände zittern nicht und er will sich noch einen Wunsch erfüllen. Er will einen neuen Kinderherzchirurgen an die Klinik holen und einen Nachfolger aufbauen. Jemand, der hochkomplexe Operationsverfahren beherrscht. Erst dann will er das Herzzentrum verlassen, erst dann, wenn alles seinen Gang geht. Rüdiger Lange hat an der Universität einen Antrag auf Verlängerung gestellt.

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