Medizin Auf der Suche nach dem perfekten Blut

Eine Blutbank-Mitarbeiterin hantiert mit Blutspendebeuteln im Klinikum Dortmund.

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Der Bedarf an Blutkonserven wächst beständig, zugleich schrumpft das Angebot. Experten warnen vor Engpässen bei der medizinischen Versorgung.
  • Mediziner müssen daher in Zukunft wohl mit weniger Blut auskommen, und beispielsweise auf manche Transfusionen verzichten.
  • Forscher arbeiten auch an künstlichem Blut, das ganz im Labor hergestellt werden soll. Dies könnte mithilfe von Stammzellen gelingen.
Von Judith Blage

Ein merkwürdiger Geruch nach Eisen und Kunststoff hängt in der Luft. Auch der Anblick ist surreal: In dem weiß gefliesten Raum baumeln unzählige Plastikbeutel an einer Metallvorrichtung von der Decke. Eine dunkelrote, zähe Flüssigkeit pulsiert durch Schläuche, die wiederum in den Beuteln münden. So sieht es aus in der sogenannten Vollblutverarbeitung des Bayerischen Blutspendedienstes im unterfränkischen Wiesentheid, gut 30 Kilometer östlich von Würzburg. Nur 4800 Menschen leben in dem Ort, aber sämtliche Blutspenden Bayerns werden hier verarbeitet.

"Wir haben hier sozusagen unseren eigenen kleinen Blutkreislauf", sagt Alexander Giss, Leiter des Produktions- und Logistikzentrums des Blutspendedienstes des Deutschen Roten Kreuzes. Geschäftig führt er durch alle Stationen. Das makabre Kunstwerk aus Blutbeuteln war die Filtrationsstation. In den Schläuchen holt ein Filter die Leukozyten - die weißen Blutkörperchen - aus dem Blut. "Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, denn auf den Leukozyten befinden sich Viren und Antikörper, die den Patienten gefährlich werden könnten."

Nach der Filtration ruckelt das Blut auf Fließbändern dahin, wird rasend schnell in Zentrifugen geschleudert, in seine Bestandteile zerlegt und von Mitarbeitern in Kisten verstaut - um anschließend in Form von 500 Milliliter dunkelrotem Erythrozyten-Konzentrat aus roten Blutkörperchen seiner Bestimmung entgegengekarrt zu werden. "Ery" rettet Menschen mit Blutverlust nach Unfällen oder Operationen das Leben.

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Die Geschichte der Transfusionsmedizin ist seit der Entdeckung der Blutgruppen im Jahr 1901 eine Erfolgsstory: Sie rettete Millionen Menschenleben, das Spenden galt lange als Bürgerpflicht. Heute führen Ärzte in Deutschland jährlich vier bis fünf Millionen Bluttransfusionen durch, das entspricht in etwa einem Verbrauch von vier Millionen Litern. Und dennoch leidet das Verfahren auch unter massiven Problemen: Wie sich in Wiesentheid zeigt, kann gespendetes Blut nicht einfach transfundiert werden, sondern muss unter Zeitdruck aufwendig verarbeitet werden.

Das System hängt ganz von der Spendenbereitschaft der Menschen ab. Und die gesundheitlichen Risiken für die Empfänger sind womöglich größer als früher gedacht. Deshalb suchen Mediziner derzeit intensiv nach Wegen, wie man mit weniger Spenderblut auskommen könnte und es vielleicht sogar eines Tages durch eine künstlich hergestellte Substanz ersetzen könnte: Kunstblut würde einen Meilenstein in der Medizingeschichte setzen.

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Doch solange es so weit nicht ist, muss das derzeitige System am Laufen gehalten werden. Binnen 24 Stunden müssen Giss und seine Mitarbeiter die eingegangenen Blutspenden verarbeiten, sie sind dann 42 Tage lang verwendbar. Das ist eine logistische Herausforderung, die viel Geld und Personal fordert, zumal die Anforderungen hoch sind. In Wiesentheid muss stets eine Tagesproduktion auf Vorrat lagern, das Blut muss auf Krankheiten getestet sein, außerdem sollen seltene Blutgruppen berücksichtigt und der Transport in alle Kliniken Bayerns organisiert werden. Das alles bei stark schwankendem Angebot, das ausschließlich von der Spendenfreude der Menschen abhängt. "Wenn es heiß ist oder Grippewellen durchs Land fegen, erleben wir häufig einen großen Einbruch und müssen die Lücke irgendwie ausgleichen", sagt Giss.

Die demografische Entwicklung wird das Problem verschärfen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte Engpässe entstehen könnten. Viele regelmäßige Blutspender werden bald ein Alter erreichen, in dem sie nicht mehr spenden dürfen. Dabei wird der Bedarf an Blutkonserven eher ansteigen, weil die immer älter werdenden Menschen eine intensivere medizinische Versorgung benötigen. Gleichzeitig kommen aufgrund der niedrigen Geburtenraten immer weniger jüngere Menschen nach. Bis 2031 könnte der Bestand der Blutkonserven um zwölf Prozent schrumpfen, rechnet der Bayerische Blutspendedienst vor.