Lepra Leprakranke als Pestopfer

Dieses Schicksal betrifft noch heute Patienten etwa in Indien, Teilen Afrikas und Brasiliens. Dort kommt es zu einem Großteil der jährlich mehr als 220.000 Neuinfektionen. Zwar registriert auch das Berliner Robert-Koch-Institut jedes Jahr einzelne Lepra-Fälle in Deutschland; fünf waren es im vergangenen Jahr. Sie sind jedoch eingeschleppt. Mit Antibiotika lässt sich die Krankheit gut behandeln, sie ist nicht sehr ansteckend und ihr Erreger fühlt sich in kaum einem anderen Wirt als dem Menschen wohl - eigentlich günstige Voraussetzungen, um sie zu bekämpfen.

Während die Weltgesundheitsorganisation an der Ausrottung der Lepra arbeitet, rätseln Medizinhistoriker weiter über ihren Rückzug im Mittelalter. Hat eine verbesserte Hygiene den Ausschlag gegeben? Das hält Schmidt für unwahrscheinlich: "Im 30-jährigen Krieg waren die Lebensbedingungen bestimmt nicht besser geworden." Außerdem habe es zur Zeit des Lepra-Rückgangs weniger Badehäuser gegeben als zuvor - das spreche gegen die Hygiene-Theorie, argumentiert der Aachener Wissenschaftler.

Womöglich trug ausgerechnet eine weitere der damaligen Seuchen zum Rückzug der Lepra bei: die Pest. "Wer schon durch Lepra geschwächt war und sich auch noch mit der Pest infizierte, starb besonders schnell", sagt Schmidt. Das hemmte die Verbreitung des Lepra-Erregers. Hinzu kam die Isolierung der Kranken. Vor allem aus dem 12. und 13. Jahrhundert gibt es viele Belege für die Gründung sogenannnter Leprosarien. In diesen Häusern wohnten bis zu 25 Leprakranke, meist innerhalb einer hohen Mauer und mit Kapelle und Friedhof direkt vor der Tür.

Wer dort als Aussätziger keine Unterkunft fand, versteckte sich auf den Feldern. Zuweilen fanden sich dort regelrechte Banden zusammen. Diese vagabundierenden Gruppen waren gefürchtet - weniger wegen einer möglichen Ansteckung als wegen ihrer teils verbrecherischen Absichten. Aus Frankreich zum Beispiel ist der Plan einer solchen Bande überliefert, die Brunnen eines Ortes zu vergiften. Das sollte die Einheimischen töten oder vertreiben - und Platz machen für eine "Gemeinschaft der Leprösen".