Interview über das Weinen "Tränen sagen: Ich brauche dich"

Wenn der Kummer groß ist, zeigt man nicht un­bedingt sein wahres ­Gesicht.

(Foto: Sebastian Bieniek)

Warum weinen wir? Diese Frage erforscht der nieder­ländische Psychologe Ad Vingerhoets seit dreißig Jahren. Viele seiner Erkenntnisse sind erstaunlich - etwa dass es Freudentränen gar nicht gibt.

Interview von Daniela Gassmann, SZ-Magazin

SZ-Magazin: Nachdem Hillary Clinton im Wahlkampf einmal geweint hatte, wurden ihr Krokodilstränen vorgeworfen. Der weinende Justin Trudeau gilt dagegen als rührend. Und Angela Merkel wurde in einem Interview gefragt, warum man sie bitte schön noch nie weinen gesehen habe. Warum werden Tränen so unterschiedlich interpretiert?

Ad Vingerhoets: Weinende Menschen wirken moralisch und verlässlich. Da wir den Mächtigen eher wenig Empathie zutrauen, können Tränen das Image eines Premierministers aufbessern. Auf der anderen Seite unterstellen wir Weinenden Schwäche. Sie machen einen emotional ...