Insektizide Wer weiß, ob die Prüfer die Studie damals überhaupt geöffnet haben?

Das prüfende Land schickt schließlich seinen Bericht an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die erneut prüft und den Bericht zur öffentlichen Diskussion freigibt. Von diesem Zeitpunkt an können sich auch die anderen EU-Mitgliedstaaten einbringen.

Das ist der heute übliche Ablauf. Was 1999 in Spanien geschah, lässt sich kaum rekonstruieren. Die EFSA gab es damals noch nicht. Auf Anfragen der SZ hat die zuständige spanische Behörde nicht geantwortet. Mie kann nur spekulieren: "Die Aufgabe ist gewaltig, Hersteller reichen ja nicht nur eine Studie ein, sondern hundert oder mehr. Um die auf Ungereimtheiten durchzusehen, braucht es Zeit und kompetentes Personal. Wer weiß, ob die 1999 die Studie überhaupt aufgemacht haben. Vielleicht haben sie sich auch auf die Zusammenfassung der Industrie verlassen."

Wie oft es passiert ist, dass sich die Behörden zu sehr auf das Urteil der Industrie verlassen haben, statt sich ein eigenes Bild zu machen, lässt sich ohne umfassenden Einblick in die Originalstudien nicht klären.

Zurzeit wird Chlorpyrifos erneut in der EU geprüft, die Hersteller wollen das Mittel weiter verkaufen. Wieder ist Spanien federführend, doch inzwischen können sich die anderen Mitgliedsstaaten beteiligen. Vom BfR heißt es dazu, man habe den Bericht aus Spanien "auch bezüglich offener Fragen in Bezug auf die mögliche nervenschädigende Wirkung kritisch kommentiert". Dow Agrosciences, so nennt sich das Unternehmen heute, schreibt in einer Stellungnahme an die SZ, man kenne die Studie von Mie und Kollegen. Inhaltlich geht das Unternehmen nicht auf Mies Interpretation der Daten ein. Das Unternehmen weist lediglich jede Anschuldigung, man habe Daten manipuliert oder betrogen "streng zurück".

An Grapefruits und Orangen hafteten häufig Rückstände des Insektizids

Einen solchen Vorwurf haben die drei Forscher in ihrem Fachartikel gar nicht erhoben. Sie verweisen jedoch auf ein Memo der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA aus dem Jahr 2000, in dem von unangebrachter Datenmanipulation die Rede ist. Gibt es nun eine Gefahr für die menschliche Gehirnentwicklung? 2016 prüften Behörden in den Bundesländern etwas mehr als 16 000 Lebensmittelproben auf Chlorpyrifos und die chemisch verwandte Substanz Chlorpyrifos-Methyl. In fast 600 der Proben fanden die Analytiker das Insektizid, in 28 Fällen lagen die Mengen über dem, was als gesetzlich zulässig gilt. Drei Jahre zuvor waren die Prüfer in knapp 15 000 Proben 966 Mal auf das Insektizid gestoßen, allerdings seltener in verbotenen Mengen.

An Grapefruits, Orangen und anderen Citrusfrüchte hafteten 2016 besonders häufig Chlorpyrifos-Rückstände. Auch Obstsorten wie Birnen, Äpfel, Trauben und Bananen waren belastet, genauso wie Rosinen, frische Kräuter und Gemüsesorten.

In einem gemeinsamen Bericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie des BfR hieß es 2017 dazu unter anderem, dass eine "akute Beeinträchtigung der Gesundheit" als möglich erachtet werde. Mie und seine Kollegen sind etwas deutlicher: Sie schreiben, dass bei der aktuellen Belastung durch Chlorpyrifos, die Evidenz in Richtung schädlicher Effekte auf das Nervensystem von Kleinkindern hindeute, einhergehend "mit einem niedrigeren IQ im Schulalter."

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