bedeckt München 20°
vgwortpixel

Körperhaltung:Ist Sitzen das neue Rauchen?

Run auf Hochschulen

Wer sitzt, kann sich besser konzentrieren

(Foto: dpa)

Sitzen gilt als extrem gesundheitsschädlich. Doch Forscher wissen auch: Zwischen Liegen und Stehen wird der Mensch erst zum Menschen. Ein Grund, unsere Haltung zu überdenken.

Es fängt schon mit der Sprache an. Wer sich danebenbenimmt, sitzt nach. Wer schlecht in der Schule ist, bleibt sitzen. Man sitzt im Gefängnis und wird sitzen gelassen. Nimmt man noch Sesselpupser und Couchpotatoes dazu, wird schnell klar: Wer sitzt, ist faul, dumm, schlecht oder alles zusammen - und ganz gewiss nicht gesund, denn: Zu langes Sitzen führt zu Muskelverspannungen und Rückenproblemen. Studien zufolge erhöht es die Risiken für Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose, Thrombosen und manche Krebsarten. Sogar Teile des Hirns sollen im Sitzen degenerieren. Kurzum, wer viel sitzt, stirbt früher und ist selbst daran schuld.

Aber warum sitzen wir dann überhaupt? So viel an der Kritik extremer Sitzerei auch dran sein mag, sie verstellt den Blick auf die andere Seite. Sitzen an sich ist nämlich eine höchst wichtige Fähigkeit. Tatsächlich wären wir wohl kaum dieselben Menschen, wenn wir nicht sitzen könnten.

Bemerkbar macht sich das gleich nach der Geburt: Neugeborene genießen es, wenn sie in einer aufrechten, vertikalen Position gehalten werden. "Man kann das schon bei ganz kleinen Kindern an der Reaktion der Augen sehen", sagt Mijna Hadders-Algra, Professorin für Entwicklungsneurologie an der niederländischen Universität Groningen. "In dieser Position passiert etwas im Gehirn der Kinder, das sie aufmerksamer macht. Sie können sich dann besser im Raum orientieren und mit der Umwelt in Interaktion treten. Das fördert die gesamte motorische, kognitive und soziale Entwicklung."

Warum schon Babys das Sitzen genießen

Mit dem eigenständigen Sitzen versucht das Baby, Kontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen. Und es ist deutlich einfacher als Stehen oder Laufen: Von Anfang an versuchen Säuglinge, ihren Kopf hoch zu halten, sie trainieren ihre Muskeln, lernen Schwerkraft, Drehmoment und Spannung kennen. Zwischen dem vierten und achten Lebensmonat gewinnen die Kinder Schritt für Schritt mehr Kontrolle über ihre Haltung.

"Für ein Baby verändert sich alles, sobald es sitzen kann", sagt Nick Stergiou, Direktor des Instituts für Biomechanik an der Universität von Nebraska. "Es kann anstatt der Zimmerdecke die Welt sehen, es kann beobachten, wie Menschen sich bewegen." Die Kinder schauen dabei keineswegs wahllos herum. Sobald sie jemanden laufen oder krabbeln sehen, lenken sie ihren Blick auf die daran beteiligten Gelenke. Womöglich hilft ihnen dieses Beobachten, die nächsten Schritte in ihrer eigenen motorischen Entwicklung leichter zu meistern.

Stergiou behandelt Kinder mit zerebraler Parese, einer relativ häufigen Bewegungsstörung, die durch frühkindliche Hirnschädigungen verursacht wird. "Diese Kinder sitzen und laufen später, sie können also ihre Umwelt nicht genauso erforschen wie gesunde Kinder. Dadurch sind sie auch in ihrer kognitiven Entwicklung verzögert", sagt der gebürtige Grieche. "Ich denke, diese Patienten verpassen durch das späte Sitzen wichtige Aspekte in der Entwicklung, weil zu einem späteren Zeitpunkt das Nervensystem nicht mehr so anpassungsfähig ist. Das führt zu mehr und noch schwerer wiegenden Problemen im weiteren Lebensverlauf."

Manche Völker animieren ihre Kinder zum frühen Sitzen

Stergiou ist überzeugt, dass sehr frühe Interventionen, wie physiotherapeutische Hilfe beim Sitzenlernen, die Auswirkungen der Zerebralparese deutlich mildern können. "Wir haben zwar noch keine Langzeitdaten. Aber wir konnten Kleinkindern mit ganz leichten Übungen, die sie zum Beispiel Schwerkraft und Reibung erfahren lassen, bisher hervorragend helfen, ihre motorische Entwicklung zu normalisieren."

Ein Kind, das sitzt, kann nach Gegenständen greifen und sie ganz in Ruhe mit Händen, Mund und Augen untersuchen, ohne dass ihm dabei wie im Liegen die Sachen ins Gesicht fallen. Auch diese haptischen Informationen sind wichtig für die weitere Entwicklung. Im Sitzen ermöglichen sie dabei auch ganz erstaunliche geistige Leistungen, wie die Arbeit der amerikanischen Psychologin Rebecca Woods von der North Dakota State University zeigt.

Sitzen erlaubt den Kindern mehr Leistung

Normalerweise können Babys erst mit etwa 7,5 Monaten Gegenstände anhand eines Musters unterscheiden, zum Beispiel einen gestreiften von einem gepunkteten Ball. In diesem Alter sind die Kinder in der Regel schon in der Lage, alleine aufrecht zu sitzen. In Woods Versuch bewältigten aber auch jüngere Babys, die noch nicht selbst sitzen konnten, die Aufgabe - wenn sie die Bälle eine Minute lang zum Erkunden bekamen und dabei beim Sitzen unterstützt wurden. Erstaunlicherweise bemerkten sogar 5,5 Monate alte Kinder den Unterschied zwischen den Bällen, wenn sie während einer "Erkundungsphase" stabil in einem Kinderstuhl saßen.

"Das Sitzen erlaubt den Kindern, sich viel mehr auf eine Sache zu konzentrieren - und das ist es, was die Leistung ermöglicht", sagt Rebecca Woods. Sollen Eltern also ihre Babys früh hinsetzen, damit sie mehr wahrnehmen und besser lernen können? Der Gedanke dürfte vielen Hebammen und Kinderärzten in Deutschland die Haare zu Berge stehen lassen. Ermahnen sie hierzulande Mütter und Väter doch häufig eindringlich, ihr Kind auf gar keinen Fall in eine Position zu bringen, die es aus eigener Kraft noch nicht erreichen kann. Das sei schädlich für Knochen, Muskeln und Entwicklung.

"Wenn wir sitzen, befreien wir uns von kognitiver Belastung"

Sonderbarerweise gilt in anderen Kulturen das Gegenteil. In vielen afrikanischen Völkern trainieren die Mütter nicht erst das Laufen, sondern schon das Sitzen mit ihren Säuglingen. Das führt nicht zu Haltungsschäden, sondern tatsächlich zu einer beschleunigten motorischen Entwicklung, die unter dem Fachbegriff "African Infant Precocity" - Frühreife afrikanischer Babys - bekannt ist. Sitzen ist nicht zuletzt ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum Stehen und Laufen.

Die Kontrolle dieser Körperhaltungen ist dabei eine komplexe Herausforderung, die sich evolutionär gelohnt hat: Schließlich ist kein anderes Lebewesen so erfolgreich im Kampf ums Überleben wie der aufrecht gehende, seine Hände vielseitig einsetzende und eben auch sitzende Mensch. Fast alle Teile des Nervensystems sind bei der Koordination dieser Prozesse beteiligt. Eine besondere Rolle scheint das Kleinhirn zu spielen. Es ist auch der Teil des Gehirns, der sich im Verlauf der menschlichen Evolution relativ gesehen am meisten vergrößert hat. Dort laufen Informationen über Positionen der Gliedmaßen mit anderen Sinneseindrücken zusammen. Die Bedeutung der Haltungskontrolle für den Menschen lässt sich auch daran ablesen, dass die Entwicklung des Kleinhirns erst eineinhalb bis zwei Jahre nach der Geburt abgeschlossen ist.

Aber auch wenn die elementaren Lernprozesse der Kindheit längst bewältigt sind, profitieren Menschen vom Sitzen. "Sitzen bietet gegenüber Liegen oder Gehen echte Vorteile, insbesondere wenn wir so sitzen, dass wir gut atmen können", erklärt Rebecca Woods. "Wenn wir sitzen, ruhen wir uns nicht nur physisch aus, wir befreien uns auch von kognitiver Belastung. Deshalb können wir uns viel besser konzentrieren."

Der König sitzt auf dem Thron - ein Prozess der Kultivierung begann

Verschiedene Studien belegen, dass Menschen mathematische Probleme oder Anagramme im Sitzen besser als im Liegen lösen können. Das räumliche Gedächtnis scheint besser zu funktionieren. Sogar das Gehör ist empfindlicher, und in einer Untersuchung an der kanadischen McGill-Universität in Montreal nahmen die Probanden Rosenduft im Sitzen schon in deutlich geringerer Konzentration wahr als im Liegen.

Zur Lage des Körpers

Der Mensch kann sitzen, so viel steht fest. Er sollte es sogar tun, denn Stehen ist auf Dauer auch nicht gut: Es macht müde, das Blut sackt in die Venen runter, die Beine schwellen an. Wer ein Hohlkreuz hat, sollte auch noch regelmäßig seinen Körperschwerpunkt verlagern, sonst geht die Steherei auf den Rücken. Und Letzterer leidet doch ohnehin genug. Selbst im Liegen! Insbesondere Anhänger der harten Schlafunterlage quälen ihre Wirbelsäule, das wollen spanische Forscher schon vor Jahren herausgefunden haben. Davon abgesehen ist das Liegen meist mit körperlicher Ruhe verbunden, und dann fehlt die allumfassend gesunde Bewegung. Also lieber im Laufen arbeiten? Da kann man ja ebenfalls viel falsch machen. Selbst Nordic Walking bringt Gebrechen an Ferse und Fingergelenken hervor, und das Läuferknie soll zwar ein Mythos sein, aber wer will es schon darauf ankommen lassen? Am Ende geht eben doch nichts über einen bequemen Sessel. Kathrin Zinkant

Neurowissenschaftler aus Dresden stellten deshalb im März dieses Jahres generell den Wert von Studien kognitiver Prozesse mithilfe von Kernspintomografie infrage, denn bei diesem Verfahren liegen die Probanden. Die Forscher beobachteten, dass Müdigkeit die Ergebnisse bei Gedächtnisaufgaben verschlechtert, wenn die Probanden in der Röhre des Hirnscanners liegen. Beim Sitzen hingegen schien der Schlafmangel den gleichen Teilnehmern gar nichts auszumachen.

Sitzen entlastet das Herz

Sitzen entlastet gegenüber dem Stehen das Herz, für viele Arbeiten mit den Händen ist eine geringere Körperrotation erforderlich. Die geringere Beanspruchung setzt Kapazitäten für den Kopf frei. Nicht umsonst ist der Lotussitz eine der wichtigsten Haltungen bei der Meditation.

Bewusst oder unbewusst nutzen die Menschen dieses Wissen schon seit Jahrhunderten. "Der erste richtige Stuhl ist der Thron", sagt der Kulturhistoriker Hajo Eickhoff, der sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Phänomen Sitzen beschäftigt. "Der König musste auf dem Thron sitzen, das band ihn an einen Ort. Wie sollte er seine Energie loswerden? Er konnte sich nur nach innen wenden, sich und andere beobachten und dadurch zum Wissenden werden. Das Thronen leitet einen Prozess der Vergeistigung und Kultivierung ein."

Insofern ist es nur folgerichtig, dass wir in der Schule sitzen. Und im Büro. Denn es befähigt uns zu geistigen Höchstleistungen. Nur: Wir übertreiben es. Und das ist niemals gut. Dauerhaftes Sitzen verursacht in der Tat Gesundheitsschäden. Das schlechte Image des Sitzens ist jedoch überzogen. Warum nicht die Vorteile bewusster nutzen, anstatt ständig darüber zu schimpfen? "Eine Bedeutung des lateinischen 'sedere', des Ursprungs des deutschen Wortes 'sitzen', ist auch 'besänftigen'", weiß Hajo Eickhoff. Denken Sie doch mal darüber nach. Am besten im Sitzen.

  • Themen in diesem Artikel: