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Geschichte der Hygiene:Die Pest setzte dem Badehaus ein jähes Ende

Gläubige Christen tippen beim Betreten der Kirche kurz ins Weihwasser, vom einstigen Untertauchen bei der Taufe ist gerade mal ein Benetzen der Babystirn übrig geblieben. Morgenländler konnten sich über Abendländler nur wundern. "Sie waschen sich nie, weil ihnen bei ihrer Geburt hässliche Männer in schwarzen Gewändern Wasser über den Kopf schütten", beobachtet ein arabischer Gärtner in "Tausendundeine Nacht": "Begleitet von seltsamen Gesten, befreit sie das für den Rest ihres Lebens vom Waschen."

Doch mitunter sind Annehmlichkeiten stärker als der Glaube. Ausgerechnet die Kreuzfahrer, die Jerusalem vor den Ungläubigen retten wollten, brachten deren Sitten zurück nach Europa, in Form des Hamams. Wer im Mittelalter etwas auf sich hielt, holte sich arabischen Luxus ins europäische Haus, tauchte in Heißwassertrögen unter, ließ sich die Haut von Dampf aufweichen.

Die unteren Stände besuchten öffentliche Badehäuser, europäische Ortsnamen wie Baden oder Bath zeugen von dieser Zeit. Dienstherren zahlten dem Personal ein Badegeld, erst später kam das Trinkgeld auf. Doch um Körperreinigung ging es in den Badeanstalten bald nur noch am Rand. Den Römern gleich wurde dort gegessen, gesoffen, gesungen, gespielt und anderen Dingen gefrönt - alles möglichst unbekleidet. "Alle, die Liebe machen wollen, die heiraten wollen oder sich anderem Vergnügen hingeben, sie alle kommen hierher, wo sie finden, was sie suchen", beobachtete der Florentiner Schriftsteller Gian Francesco Poggio 1414 im schweizerischen Baden.

Zu der Zeit war der Höhepunkt des lustig-unkeuschen Treibens freilich schon überschritten. Die Pest zog seit 1347 durch Europa, das öffentliche Leben kam in weiten Landstrichen zum Erliegen. Wer von den eitrigen Beulen verschont blieb, verschanzte sich daheim; ins Badehaus zog es niemanden mehr - schon weil die Pest als Strafe Gottes für diesen Sündenpfuhl gesehen wurde. "Vor 25 Jahren gab es in Brabant nichts Modischeres als öffentliche Bäder", notiert Erasmus von Rotterdam 1526, "heute gibt es keine mehr, die neue Plage hat uns gelehrt, sie zu meiden."

Seit Beginn der Kreuzzüge 1095 hatte das Wasser im Abendland Vergnügen bereitet, es stand für Geselligkeit, Versuchung, bisweilen auch Sauberkeit. Nach einem halben Jahrtausend war Schluss damit. Was nun folgte, schreibt Katherine Ashenburg in "The Dirt on Clean", einer Hygienegeschichte der Menschheit, waren "die beiden dreckigsten Jahrhunderte in der Geschichte Europas".

Nicht nur die dreckigsten sollten es werden, sondern auch die bizarrsten. Es ging von da an vor allem um die Hautpore und um die Frage, ob diese offen oder verschlossen sein solle. Mit der Pest und anderen Seuchen kam die These auf, verstopfte Poren hielten die Körpersäfte "im Gleichgewicht" und schützten den Körper vor eindringenden Krankheiten.

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