Erbgutforschung Die Hunger-Gene von Leningrad

Einwohner Leningrads während der Belagerung durch deutsche und finnische Truppen im Winter 1941/42.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

872 Tage lang hungerten die Eingekesselten. Dennoch überlebten Hunderttausende die Belagerung Leningrads. Warum sie? Forscher haben Antworten in ihren Genen gefunden.

Von Julia Smirnowa und Angelina Dawidowa

Im September 1941 fing die Belagerung Leningrads an. Drei Millionen Menschen wurden von den Truppen der deutschen Wehrmacht und des Alliierten Finnland in der Stadt an der Newa eingeschlossen, die heute wieder Sankt Petersburg heißt. Schon im ersten Winter wurde das Essen extrem knapp, die Menschen starben zu Tausenden. Im Mittel aßen die Eingeschlossenen am Ende des Jahres 1941 nur 125 Gramm Stärke pro Tag: keine 200 Kilokalorien, die zum Teil auch aus Kiefernrinde, Birkenknospen und dem Presskuchen von Leinsamen stammten.

Leningrad-Belagerung 1941-1944

Als die Menschen auf der Straße starben

Als die Belagerung nach 872 Tagen im Januar 1944 endete, waren 1,1 Millionen Menschen verhungert. Es war eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

Aber Hunderttausende Menschen kamen damals mit dem Leben davon. Russische Forscher sind inzwischen einer genetischen Veranlagung auf der Spur, die ihnen geholfen haben könnte. Die Überlebenden hatten häufiger als andere Menschen drei Varianten von Erbanlagen, die dem Körper bei Mangelernährung einen effizienteren Stoffwechsel ermöglichen. Oleg Glotow und seine Kollegen vom Ott-Forschungsinstitut haben in den vergangenen sechs Jahren 206 der Überlebenden aufgespürt und um Proben gebeten.

Die Studie, die in einer russischen Fachzeitschrift über Gerontologie veröffentlicht wurde, sei "faszinierend und provokativ", sagt Stephen O'Brien von Dobzhansky-Zentrum für Genom-Bioinformatik in Sankt Petersburg.

Auch Bertie Lumey von der Columbia University in New York nennt die Untersuchung "extrem interessant". Der Forscher, der aus dem Niederlanden stammt, hat die Überlebenden des Hungerwinters 1944/45 untersucht, den sein Heimatland unter der Besatzung durch Nazi-Deutschland erlitt. Allerdings warnt er vor voreiligen Schlüssen: Glotows Gruppe von Testpersonen sei klein; dies erschwere die Interpretation der Ergebnisse.

Glotow räumt ein, dass seine Studie in den Anfängen steckt. Sein Team untersuche daher weitere Probanden und verbessere die Analyse. Die Arbeit soll weitergehen, auch wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind. Eine Biobank, die der Forscher mit seinem Zwillingsbruder Andrei gründet, soll Speichel- und Blutproben der Teilnehmer verwahren.