bedeckt München 22°
vgwortpixel

Diagnostik:Leiden in der Parallelwelt

Viel zu schnell wird die ärztliche Diagnosemaschinerie angewurfen. Mitunter führt dies zu mehr Krankheiten.

(Foto: EBE)

Ärzte entdecken Krankheiten, aber die Patienten spüren nichts davon. Umgekehrt fühlen sich viele Menschen krank, doch der Doktor kann nichts finden. Die Medizin muss sich fragen lassen: Erkennt sie überhaupt noch, wie es den Leuten geht?

Wer krank sein will, muss leiden. Das ist die übliche Vorstellung davon, wie es einem anständigen Patienten zu gehen hat. Doch immer häufiger kommt es in Kliniken wie Arztpraxen zu folgender Konstellation: Dem Patienten geht es schlecht, aber der Arzt kann keine Veränderung in Blut, Urin oder anderen Körpersäften feststellen, jedenfalls nichts, was die Beschwerden erklären könnte. Auch Röntgen, Kernspin, CT oder Endoskopie bringen keine Aufklärung. Der Kranke fühlt sich miserabel, der Arzt denkt: "Das kann doch gar nicht wehtun!" Befund und Befinden passen nicht zusammen.

Der Umgang mit Leiden, bei denen keine körperlichen Ursachen festgestellt werden, ist nicht nur für Patienten, sondern auch für Ärzte schwierig: "Sage ich Patienten, sie haben nichts, sind sie enttäuscht, sage ich ihnen, sie haben etwas, sind sie auch enttäuscht. Deshalb sage ich: Wir finden keine Ursache, aber Sie haben trotzdem Beschwerden", erklärt ein erfahrener Hausarzt das Dilemma. Denn wenig ist für Patienten schlimmer, als wenn ihnen die Legitimation für ihr Leiden abgesprochen wird. Wer leidet, will auch zu Recht krank sein - und sich nicht nur krank fühlen.

Häufiger ist allerdings der umgekehrte Fall: Mit Untersuchungsmethoden, die immer ausgefeilter werden, entdecken Ärzte Normabweichungen, auffällige Befunde und messen Details, denen sie Krankheitswert zuschreiben, obwohl sich der Patient pudelwohl fühlt. Sagt der Arzt dann, der Befund sollte künftig regelmäßig kontrolliert werden, fällt der Patient aus allen Wolken. Ihm geht es doch gut.

Viele Diagnosen sind nicht sinnlich, das heißt nicht körperlich erfahrbar, sondern abstrakt. Das gilt für Leiden wie Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte. Aber auch, wenn während einer Gewebeprobe oder im Röntgenbild Krebsherde entdeckt werden, haben viele Menschen vorher nichts an sich bemerkt. Die Patienten spüren das nicht, sie riechen oder schmecken keine Veränderung, sie sind häufig auch nicht weniger leistungsfähig - gerade wenn der Tumor ein Zufallsbefund ist. Die erste Konfrontation spielt sich ja vor allem in der Vorstellungswelt der Kranken ab, die sich nicht krank fühlen, aber dennoch von einem Moment auf den anderen zu Patienten geworden sind.

Die kleinteilige Organisation der Medizin mit ihren vielen Unterdisziplinen trägt ebenfalls nicht dazu bei, dass sich Patienten mit ihrer subjektiven Körperwahrnehmung gut aufgehoben fühlen. Die Medizin unterteilt kranke Menschen in Körpersegmente oder Organsysteme, wie die Kardiologie, die Gynäkologie oder die Urologie. Ein Arzt fürs Herz, einer für untenrum. Manche Spötter sagen, es gebe heutzutage ja Ärzte, die können nur Ultraschall.

Diese Aufteilung ist mit dem Erleben der meisten Kranken nicht vereinbar. Sie fühlen sich meist ganz krank (oder trotz einiger pathologischer Befunde ganz gesund) - und nicht allein krank an Herz, Niere, Hirn oder Leber. Das macht ihr Befremden im Krankenhaus oder in der Praxis noch größer.

Fiktion und Realität

Zehn Mythen über Ärzte