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Coronavirus:Welche Schäden Covid-19 im Körper anrichtet

Coronavirus in der Türkei: Behandlung eines Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation

Medizinisches Personal behandelt einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation eines Forschungskrankenhauses.

(Foto: dpa)

Schwere Verläufe von Covid-19 wirken sich auf fast alle Organe und Körperteile aus. Der Grund ist ein verbreitetes Molekül, welches das Coronavirus nutzt.

Von Werner Bartens

Verschaffen sich Ärzte einen Überblick über Verläufe von Covid-19, sehen sie ein erstaunlich vielfältiges Bild. Die Lunge ist meist zuerst betroffen. Wenn es dem Immunsystem nicht gelingt, die Coronaviren aus dem Rachen zu eliminieren, und sie in die unteren Atemwege gelangen, entern sie dort die Zellen. Direkte Schäden durch die Viren sowie die folgende Entzündung führen dazu, dass sich Immunzellen und totes Gewebe an den Lungenbläschen anlagern, was den Gasaustausch erschwert. Deshalb ist Luftnot typisch, wenn Patienten erkranken.

Doch die Angst, nicht genügend Beatmungsgeräte für Kranke zu haben, hat den Blick auf Sars-CoV-2 womöglich verengt. Inzwischen zeigt sich, dass das neuartige Coronavirus neben der Lunge auch fast jedes andere Organ schädigen kann. Die Krankheit befällt dann den ganzen Körper, von Kopf bis Fuß. Vor Kurzem haben Ärzte im New England Journal of Medicine den Krankheitsverlauf von fast 9000 Patienten beschrieben, bei denen die Infektion einen Klinikaufenthalt erforderte.

Mehr als 500 der Kranken starben, das entsprach 5,8 Prozent. Fast 8400 wurden wieder gesund und konnten aus der Klinik entlassen werden. Bei älteren Patienten und solchen mit Schäden an Herz und Gefäßen war das Sterberisiko bis zu dreifach erhöht. Verengte Kranzarterien, Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen erwiesen sich ebenso als Risikofaktoren wie obstruktive Lungenleiden und Rauchen. Doch auch andere Organe werden befallen. "Die Krankheit kann alles im Körper angreifen, mit verheerenden Konsequenzen", sagt der Kardiologe Harlan Krumholz von der Universität Yale. "Die Brutalität, mit der das Virus wütet, macht demütig."

Das Immunsystem unternimmt mehr als notwendig wäre

Mehrere Mechanismen tragen dazu bei, dass die Viren ihren Eroberungszug im Körper antreten. Weil Sars-CoV-2 für Menschen neuartig ist, antwortet die körpereigene Abwehr oft überschießend; das Immunsystem unternimmt mehr als notwendig wäre. Als Zytokinsturm wird die Aktivierung der Immunzellen und ihrer Botenstoffe nach Kontakt mit dem fremden Erreger bezeichnet. Auch gesunde Zellen geraten in Mitleidenschaft, in der Folge werden Blutgefäße undicht, Gerinnsel bilden sich, der Blutdruck sinkt. Mit zunehmendem Alter fällt die Immunreaktion heftiger aus, was die Schäden an anderen Organen und schwere Verläufe jenseits der 65 erklärt.

Mindestens so plausibel ist es, dass Sars-CoV-2 direkt Organe und Arterien schädigt. Gelangt das Virus einmal in die Lungen und von dort in den übrigen Organismus, bieten sich ihm weitere Ziele: die als Endothel bezeichnete Innenwand der Blutgefäße, aber auch die Auskleidung von Nieren, Darm, Herz und sogar das Gehirn. Dort wie an vielen anderen Stellen im Körper findet sich das Enzym ACE-2 (die Abkürzung steht für Angiotensin Converting Enzyme). Das an der Zelloberfläche verankerte Enzym reguliert den Blutdruck. Leider dient es auch als Eintrittspforte für das Coronavirus. Deshalb leiden auch jüngere Menschen ohne Vorerkrankung manchmal an schweren Verläufen. "Noch wissen wir nicht genau, warum manche Patienten schwer betroffen sind, und wer besonders gefährdet ist", sagt Krumholz.

Werden die Innenwände von Herz oder Gefäßen durch das Virus befallen, kommt es zu direkten Zellschädigungen, die Komplikationen nach sich ziehen. Vor Ort bilden sich Gerinnsel, und die Thromben können sich lösen und im Kreislauf oder in den Organen zu Verstopfungen führen. Mit Befall durch die Viren verschwindet ACE-2 in der Zelle, was lokal den Blutdruck durcheinanderbringt. Als Reaktion auf die virale Attacke verengen sich manche Gefäße bis zur Mangeldurchblutung. In den Koronararterien droht ein Infarkt, an den Extremitäten sind geschwollene, schmerzhafte Finger und Zehen die mögliche Folge, was bei einigen Covid-19-Patienten beschrieben wurde. Weil Herz und Gefäße von Diabetikern und Hochdruckpatienten bereits geschädigt sind, müssen sie stärkere Komplikationen befürchten.

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Manchmal schwellen sogar die Finger, und die Zehen tun weh

Ähnlich muss man sich die schädigenden Einflüsse auf Nieren, Verdauung und Gehirn vorstellen. Auch dort gibt es ACE-2, das als Rezeptor für die Viren fungiert. Entweder werden die Zellen dort direkt angegriffen oder über die beeinträchtigten Blutgefäße. Weil die Nieren so oft in Mitleidenschaft gezogen werden, warnen Ärzte, dass nicht nur Beatmungsgeräte, sondern auch Dialysegeräte für Covid-19-Patienten fehlen. "Sterben Schwerkranke nicht an Lungenversagen, sterben sie an Nierenversagen", sagte Jennifer Frontera von der New York University dem Fachblatt Science. In einigen Studien versagten bei einem Viertel der Patienten die Nieren, fast die Hälfte hatte Blut oder Eiweiß im Urin.

In der Darmwand, wo sich ebenfalls Zellen mit ACE-2 und damit Andockstellen für die Viren befinden, sind Durchfall und andere Leiden die Folge. Verdauungsbeschwerden gehören zum Symptomspektrum von Covid-19. Und die Geschmacks- und Geruchsstörungen, über die einige Patienten klagen, könnten mit der Beteiligung kleiner Blutgefäße im Gehirn erklärt werden. Sind große Arterien betroffen, droht ein Schlaganfall. Womöglich werden die Hirnschädigungen bei schweren Verläufen unterschätzt. Bei beatmeten Patienten lässt sich schließlich schlecht feststellen, wie stark ihre kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt sind.

© SZ vom 06.05.2020/hmw
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