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Medizin:Ein Magenschutzmittel zur Virenabwehr?

Magensäureblocker

Tabletten gegen Sodbrennen enthalten sogenannte Magensäureblocker, die die Säureproduktion im Magen herunterregeln.

(Foto: dpa)

Mediziner prüfen einen überraschenden Kandidaten für die Behandlung von Covid-19: ein Mittel gegen Sodbrennen. Noch aber ist es allenfalls ein Hoffnungsschimmer.

Womöglich stammt der entscheidende Hinweis auf eine Therapie gegen Covid-19 von chinesischen Bauern. Es klingt unwahrscheinlich, aber in der Geschichte der Medizin ist es oft vorgekommen, dass ein Medikament ein Leiden erfolgreich behandelt, für das es ursprünglich gar nicht entwickelt worden war. Eine Wirkung womöglich, die niemand im Blick hatte. In diesem Fall geht es um ein Mittel gegen Sodbrennen. Durch Zufall, Beobachtung und Tüftelei am Computer sind chinesische und amerikanische Ärzte auf die Idee gekommen, das Magenmittel Famotidin könnte auch die Vermehrung von Sars-CoV-2 hemmen.

Ärzten in Wuhan war aufgefallen, dass zwar fast jeder fünfte Patient über 80 an der Infektion starb. Unter den Kranken waren es jedoch oft die ärmeren Chinesen, die besser mit der Infektion zurechtkamen. Die Ärzte durchforsteten 6000 Krankenakten und sahen einen überraschenden Zusammenhang: Viele Covid-19-Patienten klagten über Sodbrennen und Reflux. Wer gegen das lästige Übel das billigere Famotidin einnahm, überlebte offenbar eher als Corona-Patienten, denen teurere Mittel wie Omeprazol verabreicht worden waren.

Es war zunächst nur eine Beobachtung. Der Unterschied der Sterblichkeit älterer Patienten an Covid-19 von 27 Prozent unter Omeprazol im Vergleich zu 14 Prozent unter Famotidin erschien zudem statistisch nicht signifikant. Allerdings beschäftigte den Harvard-Mediziner Michael Callahan, der sich selbst in Wuhan aufgehalten hatte, das Phänomen weiter, nachdem er in die USA zurückgekehrt war. "Warum sterben manche der älteren Patienten und andere nicht?", wollte er wissen.

Zusammen mit Chemikern und Computerspezialisten machte sich Callahan auf die Suche nach Molekülstrukturen des Virus, an denen Medikamente ansetzen könnten. Ein Enzym, das für die Replikation des Virus essenziell ist, die Papain-like-Protease (PLpro), geriet in den Fokus der Forscher.

"Wenn es funktioniert, werden wir es in wenigen Wochen wissen"

Da der exakte Aufbau des Proteins noch nicht bekannt ist, extrapolierte das Team den Aufbau aus der Struktur des Sars-Erregers von 2003 und der RNA des neuartigen Coronavirus. Wie das Fachblatt Science berichtet, testeten die Wissenschaftler anschließend in weiteren Simulationen mehr als 2600 Arzneibestandteile darauf, ob sie zur vermuteten Struktur des Viren-Enzyms passen könnten. Man muss sich das wie Lego für Erwachsene vorstellen, nur am Computer. Drei Kandidaten blieben nach Abertausenden Modellierungen übrig, Famotidin war einer davon.

Die Beobachtungen aus Wuhan plus der Treffer am PC überzeugten Northwell Health, einen Gesundheitskonzern in New York, der 23 Krankenhäuser und diverse Forschungseinrichtungen betreibt, eine klinische Studie zu beginnen. Im April wurden bereits 200 Covid-19-Patienten in einer randomisierten Doppelblindstudie mit Famotidin behandelt, insgesamt sollen es mehr als 1100 werden. Die Patienten bekamen das Mittel intravenös und nicht oral, wie bei Refluxproblemen üblich. Sobald 400 Patienten therapiert worden sind, sei die Veröffentlichung erster Zwischenergebnisse geplant, so ein Sprecher. "Wenn es funktioniert, werden wir es in wenigen Wochen wissen", wird Forschungsleiter Kevin Tracey zitiert. "Wir wollten nicht zu früh über das Thema reden, damit es keine Engpässe gibt und nicht falsche Schlüsse gezogen werden."

Nach dem Bericht in Science haben einige US-Medien das Thema aufgegriffen. Doch auch wenn es theoretisch einleuchtet, dass Famotidin schwere Verläufe von Covid-19 abmildern könnte, ist das Mittel gegen saures Aufstoßen allenfalls ein Hoffnungsschimmer. In einer Auswertung bisheriger Behandlungsoptionen der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA taucht Famotidin nicht auf. Auch der unabhängige Arzneimittelbrief deutscher Ärzte und Pharmazeuten erwähnt das Mittel bisher nicht als Behandlungsmöglichkeit.

Fachleute warnen vor voreiligen Schlüssen, es werde zur Zeit so viel übertrieben

"Es tut sich gerade unheimlich viel, da wird oft übertrieben und vieles wieder fallen gelassen", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Herausgeber des Arzneimittelbriefes. "Wir müssen sehr vorsichtig sein mit vorschnellen Schlüssen. Für die Einordnung der Kandidaten zur Behandlung von Covid-19 brauchen wir zuverlässige randomisierte, kontrollierte Studien." Gerade hat der Pharmakologe Jerry Avorn im New England Journal of Medicine davor gewarnt, bewährte Formen der Medikamentenzulassung in Zeiten von Corona abzukürzen: "Da wird ein falsches Dilemma skizziert zwischen sorgsamer Prüfung und einer baldigen Therapie. Klinische Evidenz und gewissenhafte Bewertung sind unerlässlich, schnelle Lösungen hingegen oftmals riskant."

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Fast täglich werden derzeit neue wie auch bekannte Arzneimittel als heiße Kandidaten im Kampf gegen die Corona-Pandemie gehandelt. Zu dem immer wieder gelobten Remdesivir, dem Mittel gegen Ebola, gibt es noch keine zuverlässigen Daten, soeben wurde eine klinische Studie abgebrochen, die Nebenwirkungen waren zu groß. Auch für Famotidin sprechen nur Indizien, keine Beweise. Die Forscher, die das Mittel derzeit einsetzen, wissen denn auch, dass übereilt angepriesene Medikamente wie das von Donald Trump favorisierte Hydroxychloroquin schnell zur therapeutischen Lachnummer werden können. Deshalb sind die New Yorker Ärzte zurückhaltender.

© SZ vom 29.04.2020

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