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Covid-19:Das Rätsel um die stillen Kranken

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in Brooklyn, New York City

Leute sitzen in aufgemalten Kreisen im Domino Park in New York.

(Foto: Andrew Kelly/Reuters)

Mehrere Studien sprechen dafür, dass sehr viele Corona-Infizierte symptomlos bleiben. Welche Auswirkungen das auf den Verlauf der Pandemie haben könnte.

Mitte März 2020 stach die Greg Mortimer in See. 217 Passagiere und Crewmitglieder brachen mit dem Schiff zu einer Reise auf, die sie auf den Spuren des britischen Entdeckers Ernest Shackleton durch die Antarktis führen sollte. Alle Menschen an Bord hatten zu diesem Zeitpunkt eine normale Körpertemperatur, niemand zeigte Symptome, wie sie für Covid-19 typisch sind. Sieben Tage lang ging es allen gut, doch am achten Tag bekam der erste Passagier Fieber. Die Gäste durften nun ihre Kabinen nicht mehr verlassen, die Besatzung versorgte sie mit Essen - in voller Schutzausrüstung. Dennoch konnten die Maßnahmen nicht verhindern, dass sich die Mehrzahl der Menschen auf dem Schiff infizierte. Tests zufolge hatten sich am Ende mindestens 60 Prozent der Reisenden mit Sars-CoV-2 angesteckt.

Die Ereignisse auf der Greg Mortimer haben nun australische Wissenschaftler detailliert rekonstruiert. Erstaunlich an der im Fachblatt Thorax erschienenen Untersuchung ist vor allem, dass sehr viele der Infizierten keine Krankheitszeichen aufwiesen. Nur 20 Prozent von ihnen, das waren 24 Menschen, zeigten Symptome. Die Hälfte der Erkrankten litt an Atemproblemen und musste vom Schiff in ein Krankenhaus gebracht werden, ein Passagier starb. Die übrigen 80 Prozent der Schiffsreisenden aber blieben beschwerdefrei.

Vor allem Frauen wurden laut einer chinesischen Studie trotz Infektion nicht krank

Wie viele Infektionen symptomlos verlaufen, ist eine der großen ungeklärten Fragen der Covid-19-Pandemie. Studien haben zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt. So wurde der Anteil der asymptomatischen Virusträger an Bord des Kreuzfahrtschiffes Diamond Princess auf 18 Prozent geschätzt. Untersuchungen aus Italien ergaben dagegen Werte bis zu 75 Prozent.

Ebenso schwer ist einzuschätzen, welche Auswirkungen eine hohe Zahl an asymptomatischen Trägern hat. Sie könnte einerseits bedeuten, dass sich womöglich schon sehr viel mehr Menschen infiziert haben, als offiziell erfasst sind. Denn Menschen, die sich gesund fühlen, lassen sich wahrscheinlich seltener testen. Damit würde es zumindest für eine gewisse Zeit eine höhere Immunität in der Bevölkerung geben als bisher geschätzt. Auf der anderen Seite machen asymptomatische - und damit oft unerkannte - Infizierte die Eindämmung der Pandemie sehr viel komplizierter. Höchstwahrscheinlich wurde der Ausbruch auf der Greg Mortimer durch Infizierte ausgelöst, die noch keine oder gar keine Symptome hatten, sagt der australische Epidemiologe Heath Kelly: "Das zeigt erneut, wie schwierig es ist, Covid-19 zu kontrollieren." In welchem Maß symptomfreie Infizierte das Virus weitergeben, ist ebenfalls noch unklar.

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Neue Erkenntnisse über jene Menschen, die symptomlos bleiben, liefert zudem eine Studie, die gerade im Fachjournal Jama Network Open erschienen ist. Forscher aus China hatten 78 Menschen untersucht, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Es handelte sich nicht um eine zufällige Stichprobe. Alle Infizierten hatten Kontakt zu Erkrankten gehabt oder den Fischmarkt in Wuhan besucht, der als mögliche Quelle der Pandemie gilt. 42 Prozent dieser Personen blieben die Covid-Symptome erspart. Sie unterschieden sich vor allem in Geschlecht und Alter von den Erkrankten. So waren sie im Mittel nur 37 Jahre alt, während es ihre erkrankten Landsleute auf durchschnittlich 56 Jahre brachten, zudem waren die Symptomlosen zu zwei Dritteln Frauen. Das Virus ließ sich bei ihnen nur acht Tage nachweisen, während dies in der Gruppe der Erkrankten 19 Tage lang der Fall war.

© SZ vom 29.05.2020
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