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Corona-Krise:Covid-19: Wie gut testet Deutschland?

Coronavirus - Abstrich

Auf das Virus SARS-CoV-2 wird in Deutschland in Vergleich zu anderen Ländern viel getestet.

(Foto: dpa)
  • Um die Pandemie einzudämmen, müssten Verdachtsfälle auf den Erreger getestet werden, mahnt die Weltgesundheitsorganisation.
  • In Deutschland wird bereits sehr viel getestet.
  • Nicht immer gehen Ärzte dabei nach den offiziellen Empfehlungen vor.

Von Hanno Charisius

Seit Tagen vergeht keine Pressekonferenz der Weltgesundheitsorganisation zur Corona-Pandemie ohne die stete Wiederholung des Mantras der Virusjagd: "Testen, testen, testen", rief WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus in der vergangenen Woche ins Mikrofon. Auch in dieser Woche hob er wieder an: "Wir müssen das Virus attackieren, jeder Verdachtsfall muss getestet werden." Um die Pandemie einzudämmen, braucht es laut WHO den Test, der verrät, ob jemand den Erreger in sich trägt. Der Test ist wichtig, weil die meisten Infektionen von Menschen ausgehen, die noch keine Symptome spüren oder nur so milde Krankheitszeichen entwickeln, dass man sie leicht mit einer Erkältung verwechseln kann. Deshalb ist es notwendig, das gesamte Umfeld von Erkrankten zu prüfen, um diese stillen Verteiler aufzuspüren, bevor sie weitere Menschen infizieren.

Auch in Deutschland gehört das Aufspüren von Infizierten laut Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, zu der dreiteiligen Strategie gegen das Virus. Da wären erstens Maßnahmen zur Eindämmung, womit er die Abstandsregeln meint, das Kontaktverbot und etwa Schulschließungen - aber eben auch die Nachverfolgung und das Aufspüren von Infizierten und ihren Kontaktpersonen. "Das ist wichtig und wird wichtig bleiben", sagte Wieler am Montag. Zudem zählt er den Schutz besonders gefährdeter Gruppen zur Strategie sowie die Erhöhung der Kapazität in der ärztlichen Versorgung - mehr Personal, Intensivbetten und Beatmungsmaschinen.

Aber nicht einmal Deutschlands Seuchenschützer vom Robert-Koch-Institut wissen genau, wie viel getestet wird. Bislang werden nur Tests mit positivem Virusnachweis von den Gesundheitsämtern gemeldet, nicht jedoch die, bei denen kein Virus gefunden wurde. Das soll sich nun ändern. Bayern hat vergangene Woche die Labore im Bundesland dazu verpflichtet, die Gesamtzahl der Tests zu melden. Auch soll die Zahl der Tests seit dem 1. Januar gemeldet werden. So bekommt in ein paar Tagen zumindest der Freistaat einen Überblick über das Testgeschehen. In den kommenden Wochen wird sich das Bild bundesweit hoffentlich vervollständigen.

Die Summe der Tests wird nur geschätzt, es sollen nun 200 000 pro Woche sein

Bis dahin gibt es nur Schätzungen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung gibt die Zahl der Tests für die zurückliegende Woche mit 100 000 an - allein im ambulanten Bereich. Fachleute schätzen, dass in Kliniken etwa noch mal so viel getestet wurde. 200 000 ist auch die Zahl, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einer Pressekonferenz am Montag nannte. In der vergangenen Woche sprach RKI-Chef Wieler noch von einer wöchentlichen Kapazität von 160 000 Tests in Deutschland, die weiter ausgebaut werden solle. Pharmafirmen könnten ihre Labore für Corona-Tests öffnen, tiermedizinische Einrichtungen könnten Kapazitäten frei machen. Das müsste koordiniert werden. Auf Anfrage erklärt das Gesundheitsministerium, dass es die Versorgungslage als "gut" bewerte. Der aktuelle Bedarf könne gedeckt werden und "nach aktuellen Erkenntnissen geht die Bundesregierung - unter Berücksichtigung der aktuellen Gefährdungslage - davon aus, dass der Bedarf an diesen Test-Kits auch zukünftig bedient werden kann".

Um alle zu testen, die jetzt gerne getestet werden wollen, wird es zwar nicht reichen - das wäre aber auch nicht sinnvoll. Ein negativer PCR-Test, der das Erbgut der Viren nachweist, ist nur eine Momentaufnahme vom Zeitpunkt der Probennahme. Wird der Rachenabstrich mit einem Wattestäbchen zu früh nach der Infektion genommen, so zeigt der Test noch nichts an. Der PCR-Test ist zwar sehr empfindlich und äußerst zuverlässig, doch kann er nicht in die Zukunft schauen. Insofern ist es sinnvoll, nur einen Kreis von Verdachtsfällen zu testen, so wie es vom RKI empfohlen wird.

Es gibt klare Kriterien, wer getestet werden soll, aber viele Mediziner halten sich nicht daran

Die Behörde hat Kriterien entwickelt, nach denen Ärzte entscheiden sollen, ob jemand getestet werden muss. Demnach müssen Symptome und Kontakt mit einem Infizierten zusammenkommen, damit ein begründeter Verdachtsfall vorliegt. Dann ist ein Test angezeigt. Seit Mittwoch gilt dem RKI der Aufenthalt in einem ausgewiesenen Risikogebiet nicht mehr als Entscheidungskriterium. Es mache "irgendwann keinen Sinn mehr", nach einzelnen Gebieten zu entscheiden, sagte Wieler während einer Pressekonferenz. Prinzipiell sollten weiterhin nur Menschen getestet werden, die Symptome aufweisen. Die Änderungen sollen dabei helfen, Tests besser priorisieren zu können. Testkriterien seien außerdem weiterhin, ob jemand zu einer Risikogruppe oder zum medizinischen Personal gehöre.

Doch überall in Deutschland wird bislang mehr oder weniger stark von diesen Empfehlungen abgewichen. Davon zeugen zahllose Erfahrungsberichte aus dem Behördendschungel der Bundesländer. Es gibt reichlich Anekdoten von hustenden Menschen, die Kontakt zu möglicherweise Infizierten hatten, es dem Gesundheitsamt meldeten, und nicht getestet wurden. Und umgekehrt wurden und werden ganze Familien getestet, nur weil zum Beispiel der Vater einen Husten hat. Es steht jedoch nicht in der Macht des RKI, die Umsetzung der Empfehlungen überall durchzusetzen.

Allein die aktuelle Größenordnung der Test-Zahl ist beeindruckend, wenn man sie denn glauben mag. Umgerechnet auf die Bevölkerung wird in Deutschland demnach wesentlich mehr getestet als in China, in den USA oder den anderen europäischen Ländern. Sie liegt nach nur vier Wochen im Bereich der Meistertester in Südkorea, und vielleicht schon bald darüber. Das rigorose Testen des Landes wird oft als Vorbild herangezogen. Inzwischen warnen manche Ärzteverbände aber sogar davor, dass in Deutschland zu sehr in der Breite getestet werde und bald Erkrankte übersehen werden könnten, weil die Labore vollends überlastet sind. Viele Verdachtsfälle müssten gar nicht getestet werden, solange sie keine Symptome entwickelten und sich in Quarantäne begäben.

Zumindest derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass viele Infizierte in Deutschland deshalb unentdeckt bleiben, weil zu wenig getestet wird. Dafür spricht zum Beispiel die geringe Letalität hierzulande. Während weltweit etwa 3,4 Prozent der Infizierten sterben, sind es in Deutschland nach den aktuellen Daten weniger als einer von hundert. Eine Erklärung dafür wäre, dass in Deutschland nahezu alle Infizierten gefunden und gezählt werden, zumindest bislang. In anderen Ländern scheint es so zu sein, dass vor allem die Schwerkranken gezählt werden, und die mit mildem Verlauf, die vielleicht nur ein Kratzen im Hals haben, gar nicht erst getestet und gezählt werden.

© SZ vom 25.03.2020
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