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Coronavirus:Der lange Weg zur Herdenimmunität

Woman in protective wear preparing covid-19 vaccination model released Symbolfoto SNF00123

Wenn sich genug Menschen impfen lassen, könnten viele Corona-Beschränkungen eventuell schon im Sommer wegfallen.

(Foto: Sergio Nievas/imago images/Westend61)

Bald werden wohl auch in Deutschland die ersten Menschen gegen Covid-19 geimpft. Doch wie lange wird es dauern, bis die ersten Lockerungen möglich werden? Eine Modellrechnung.

Von Christian Endt

Wie lange noch? Keine Frage dürfte Deutschland in diesen Wochen so bewegen wie diese. Wie lange müssen das Land und die Welt noch mit dem Virus leben, wie lange bleiben Veranstaltungen verboten und allerhand Einschränkungen in Kraft? Die guten Nachrichten aus der Impfstoffentwicklung geben Anlass zur Hoffnung, dass das Ende in Sicht ist. Doch bis dahin müssen viele Millionen Impfdosen hergestellt, ausgeliefert und verabreicht werden.

Auf Grundlage der bislang bekannten Eckdaten hat die SZ eine grobe Überschlagsrechnung angestellt. Demnach wird es in etwa bis Ende des kommenden Jahres dauern, bis Deutschland Herdenimmunität erreicht. Dann könnten alle Maßnahmen zur Eindämmung des Virus aufgehoben werden. Spürbare Lockerungen wären bereits deutlich früher möglich und könnten nach und nach ausgeweitet werden.

Es müssen nicht alle Menschen geimpft werden, damit die Bevölkerung vor einer weiteren Verbreitung des Virus geschützt ist. Für eine sogenannte Herdenimmunität ist es ausreichend, wenn jeder Infizierte im Mittel auf weniger als eine Person trifft, die nicht immun ist. Da ein Träger des Coronavirus ohne Gegenmaßnahmen im Mittel drei bis vier weitere Menschen ansteckt (die sogenannte Basisreproduktionszahl), genügt es, dass etwa 70 Prozent der Bevölkerung immun sind. Wobei sich Immunität über eine überstandene Infektion oder eben durch Impfen erreichen lässt. Zumindest dann, wenn der Impfstoff nicht nur den Geimpften vor einer Erkrankung schützt, sondern auch weitere Übertragungen des Virus verhindert. Für die beiden Vakzine der Firmen Biontech und Moderna ist dies bislang nicht erwiesen, wird aber in der folgenden Modellrechnung vorausgesetzt.

Die geplante Massenimpfung der Bevölkerung ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Jedes Land konzipiert dafür eigene Abläufe, über die bislang mehr oder weniger viel bekannt ist. Sehr detailliert hat sich die Regierung von Baden-Württemberg zu den geplanten Kapazitäten geäußert, weshalb der Überschlag exemplarisch für das Land im Südwesten erfolgt. Angaben aus weiteren Ländern ergeben jedoch eine ähnliche Größenordnung.

Mobile Impftrupps sollen Altenheime besuchen

In Baden-Württemberg sollen zunächst bis Mitte Dezember acht bis zwölf zentrale Impfzentren entstehen, die je 1500 Impfungen pro Tag verabreichen. Von Mitte Januar an kommt ein Impfzentrum für jeden der 44 Kreise mit einer täglichen Kapazität von je 750 Dosen dazu, womit landesweit dann etwa 1,3 Millionen Impfungen je Monat möglich wären. Ob diese Leistungsfähigkeit tatsächlich erreicht wird, ist freilich noch unklar und dürfte unter anderem davon abhängen, ob sich genug qualifiziertes Personal findet. Dazu sollen noch mobile Impftrupps kommen, die beispielsweise Altenheime durchimpfen. Damit der Schutz wirksam ist, muss jede Person zwei Dosen des Vakzins erhalten.

All diese Faktoren ergeben, dass es von Mitte Januar an etwa elfeinhalb Monate dauern würde, bis Baden-Württemberg die Schwelle zur Herdenimmunität erreicht - also etwa zum Jahresanfang 2022. Dabei wird angenommen, dass Menschen mit einer per Test bestätigten Corona-Infektion bereits immun sind und sich nicht nochmals impfen lassen. Wegen der zahlreichen Unwägbarkeiten der Berechnung kann die Herdenimmunität auch mehrere Monate früher oder später eintreten. Bereits nach etwa fünf Monaten könnte die Immunität so weit fortgeschritten sein, dass die meisten Beschränkungen mit Ausnahme des Verbots von Großveranstaltungen unnötig werden, nach acht Monaten wären auch Großveranstaltungen wieder denkbar, solange die Gesundheitsämter mittels Testen, Isolieren und Kontaktverfolgung weiterhin einen Teil der Infektionsketten durchbrechen. All das kann nur eine Schätzung sein.

Zudem müssen ausreichend viele Bürger bereit sein, sich impfen zu lassen. Einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zufolge lehnen 20 Prozent die Impfung ab - diese Größenordnung wäre mit Blick auf die Herdenimmunität verkraftbar. Dazu kommen allerdings noch 30 Prozent Unentschlossene.

Eine große Rolle spielt auch, welche Bevölkerungsgruppen in welcher Priorität geimpft werden. Gemäß einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission sollen zuerst Angehörige von Risikogruppen geimpft werden, also insbesondere alte Menschen, außerdem Beschäftigte in Gesundheitswesen und Pflege. Diese Strategie gilt als die wirksamste, um schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern. Zur gewünschten Herdenimmunität trägt jedoch vor allem die folgende Impfphase bei, wenn Menschen im arbeitsfähigen Alter geimpft werden. Sie haben die meisten Kontakte und werden am ehesten zu jenen Superspreadern, die am meisten zur Verbreitung des Virus beitragen.

© SZ
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