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Coronavirus:Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in Belgrade

Dass sich bis Ende November eine Million Menschen in Deutschland mit Corona infiziert haben werden, war über den Sommer hinweg nicht absehbar.

(Foto: REUTERS)

Mindestens eine Million Menschen in Deutschland haben sich bereits mit dem Coronavirus infiziert. Noch vor Weihnachten könnten weitere 500 000 hinzukommen. Eine Analyse in Grafiken.

Von Sören Müller-Hansen

Eine Million: So viele Menschen haben sich bislang nachweislich während dieser Pandemie in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert. Mit den am Freitagmorgen vom Robert-Koch-Institut gemeldeten Fällen wurde diese Marke nun überschritten. Mehr als 15 000 Menschen sind verstorben, etliche mehr haben auf den Intensivstationen um ihr Leben gekämpft. Fast 700 000 Infizierte sind Schätzungen zufolge inzwischen wieder genesen, wobei Langzeitschäden dabei häufig nicht erfasst werden.

Dass die Millionengrenze schon Ende November erreicht wird, war über den Sommer hinweg nicht absehbar. In den warmen Monaten infizierten sich deutlich weniger als tausend Menschen am Tag. In diesem Tempo hätte es Jahre gedauert bis zur Millionengrenze, wenn nicht vorher ein Impfstoff dem Spuk ein Ende bereitet hätte. Angesichts der aktuell in Deutschland wütenden zweiten Welle sind solcherlei Überlegungen jedoch hinfällig. Ende Oktober, kurz vor der Verkündung des Teil-Lockdowns, wurden in Deutschland insgesamt 500 000 Infektionen gemeldet. Bis heute hat sich diese Zahl verdoppelt, eine weitere halbe Million Infizierte in nicht einmal einem Monat.

Bei einer weiterhin etwa konstanten Neuinfektionsrate von etwa 18 000 Fällen pro Tag könnten sogar noch vor Weihnachten eine weitere halbe Million Neuinfektionen hinzukommen. Dass es so weit kommt, legen zumindest verschiedene epidemiologische Modelle nahe, die den weiteren Verlauf der Infektionslage für die kommenden Wochen prognostizieren. Forscher am Karlsruher Institut für Technologie bündeln diese Prognosen. Demnach dürften sich bis zum 19. Dezember zwischen 1,2 und 1,7 Millionen Deutsche mit dem Coronavirus infiziert haben.

Die Dunkelziffer dürfte noch erheblich höher sein

Bei all diesen Zahlen gibt es allerdings eine wichtige Einschränkung: Sie zeigen nur die Infektionen, die mittels eines Tests bestätigt und an die Gesundheitsämter übermittelt wurden. Viele Menschen dürften sich angesteckt haben, ohne dass sie jemals Eingang in eine Statistik fanden. Wie hoch diese sogenannte Dunkelziffer ist und vor wie vielen Wochen oder sogar Monaten die Marke von einer Million Corona-Infizierten in Deutschland tatsächlich überschritten wurde, lässt sich nur grob abschätzen. Ein Team um die Göttinger Physikerin Viola Priesemann schätzt in einer noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern beurteilten Studie, dass die Dunkelziffer derzeit maximal dreimal so hoch sein dürfte wie die offiziellen Zahlen.

Das vom Bundesbildungsministerium unterstützte Projekt Dunkelziffer-Radar versucht anhand der registrierten Todesfälle zu schätzen, wie viele Corona-Infektionen unentdeckt bleiben. Diese Rechnung ist zwar mit einigen Unsicherheiten behaftet, da die Sterblichkeit stark vom Alter der Infizierten abhängt, doch immerhin ist das Dunkelfeld bei den Todesfällen deutlich kleiner als bei den Infektionen. Dazu passt auch, dass die gesamte Sterblichkeit in Deutschland dieses Jahr kaum über dem Mittelwert der Vorjahre liegt.

Der Dunkelziffer-Radar zeigt wenig überraschend, dass der Anteil unentdeckter Fälle während der ersten Welle sieben bis 15 Mal so hoch war wie die gemeldeten Infektionen und damit deutlich höher als heute. Das dürfte vor allem daran liegen, dass im Frühling noch deutlich weniger Corona-Tests durchgeführt wurden.

Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass die Dunkelziffer im März und April sehr hoch war, dürfte die zweite Welle inzwischen deutlich mehr Wucht entfaltet haben als die erste.

Dafür spricht auch, dass inzwischen mehr Menschen an oder mit Covid-19 versterben als zum Höhepunkt der ersten Welle. Hinzu kommt, dass sich in dieser Entwicklung noch keine Trendumkehr abzeichnet; insbesondere zunehmende Neuinfektionen unter besonders gefährdeten älteren Menschen lassen befürchten, dass in den kommenden Wochen noch viele weitere Menschen an dem Virus sterben werden.

Diese Aussichten erklären auch, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel sich bei ihrer Rede im Bundestag am Donnerstag eher unzufrieden mit den Beschlüssen zum verlängerten und nur leicht verschärften Teil-Lockdown zeigte. Die Zahlen, sagte Merkel, stagnierten "auf hohem, auf viel zu hohem Niveau". Die Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Million Infizierte wird angesichts dieser Entwicklung deutlich kürzer sein als die vom Beginn der Pandemie bis heute.

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