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Corona-Maßnahmen:Theater und Bar als Infektionsherde? Im Prinzip ja, aber ...

Coronavirus - Situation in Rosenheim

Das Robert-Koch-Institut weist Restaurants und Gaststätten nur einen minimalen Anteil am Ausbruchsgeschehen zu - leeres Straßencafé in der Fußgängerzone von Rosenheim.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der Nutzen pauschaler Einschränkungen für Gastronomie und größere Veranstaltungen ist nicht erwiesen, es kommt auf die Umsetzung an.

Von Werner Bartens

Die Gleichung ist auf den ersten Blick ganz simpel: weniger Kontakte gleich weniger Ansteckungen. Deshalb ist es sinnvoll und angesichts der Rekorde an Neuinfektionen geboten, das Leben einzuschränken. Dazu müssen Restaurants schließen oder frühe Sperrstunden in Kauf nehmen. Auswärtige Übernachtungen haben zu unterbleiben, Großveranstaltungen sollten abgesagt werden, Konzerte und Sportereignisse sowieso - dann werden die Infektionszahlen wieder sinken. Oder etwa nicht?

"Im Prinzip ja, aber ...", würde das ebenso legendäre wie fiktive Radio Eriwan antworten. Denn so einfach ist es leider nicht. Beispiel Gastronomie: Vor Monaten schon verbreitete eine Studie aus dem Fachblatt Emerging Infectious Diseases Angst und Schrecken. Sie zeigte, wie ein Infizierter in einem chinesischen Restaurant neun andere Gäste ansteckte, obwohl sie an verschiedenen Tischen saßen. In der Aufregung wurde kaum beachtet, dass die Klimaanlage eine Art Ventilator war, eine Virenschleuder also, mit der die Sars-CoV-2-haltigen Tröpfchen und Aerosole unter den 83 Gästen des Restaurants in Guangzhou verteilt wurden.

Halten sich Restaurants an die Anweisungen zu Abstand und Hygiene, haben sie sogar neue Luftfilter eingebaut, geht von ihnen kein höheres Risiko aus. Zumindest weist das Robert-Koch-Institut (RKI) Restaurants und Gaststätten nur einen minimalen Anteil am Ausbruchsgeschehen zu, auch wenn dies immer schwieriger nachzuvollziehen ist. In seinem Lagebericht nennt das RKI vielmehr private Haushalte, den Arbeitsplatz und Freizeitaktivitäten, zudem Altersheime und Kliniken.

Größere Ausbrüche in Landkreisen werden laut RKI vielmehr "aus dem privaten und schulischen Umfeld", unter Bewohnern einer Gemeinschaftsunterkunft, sowie von Mitarbeitern in einem Pflegeheim und einem Krankenhaus gemeldet; kleinere Ausbrüche in einer Hockeymannschaft und einem Metzgereibetrieb. Eine Analyse der US-Seuchenschutzbehörde CDC kam zu dem Schluss, dass Besuche in Gaststätte, Bar oder Café das Risiko einer Infektion zwar verdoppeln oder gar verdreifachen können, allerdings war die Spannbreite der Befunde groß, was wahrscheinlich daran liegt, wie sorgfältig Schutzbestimmungen umgesetzt werden. Es kommt also darauf an.

Ähnlich verhält es sich mit der Studienlage zu Beherbergungen, also auswärtigen Übernachtungen. Wer hygienisch vorbildlich reist, allein oder mit Vertrauten sein Zimmer bezieht, im kleinen Kreis wandern oder radeln geht, wird das Infektionsrisiko nicht erhöhen. Treffen sich hingegen größere Gruppen im Hotel, werfen sich jeden Abend in das, was vom Großstadtleben übrig ist und stecken morgens beim Frühstück wieder die Köpfe zusammen, kann die City-Tour zum Superspreading-Event werden.

Konzerte und Großveranstaltungen? Viele Theater und andere Bühnen haben zuletzt vorbildlich gezeigt, dass ein reduzierter Spielplan mit reduzierter Besucherzahl möglich und weitgehend sicher ist. Freie Sitzreihen, Abstand, Entlüftung nach oben wie bei neuen Dunstabzugshauben. Geht also. Wenn man nach der Aufführung jedoch in Grüppchen erregt die Darbietung einzelner Künstler diskutiert, nützt das beste Schutzkonzept nichts. Und wenn zur Sturgis Motorcycle Rallye im August 460 000 Biker in die Kleinstadt nach South Dakota kommen, feiern, Musik hören und keine Maske tragen, braucht man sich nicht wundern, wenn hinterher Tausende neu infiziert sind.

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Insofern gilt für alle verordneten wie diskutierten Einschränkungen, dass die Art der Umsetzung entscheidet. Die Wissenschaft kann zeigen, was zu erwarten ist, wenn bestimmte Vorgaben eingehalten werden. Extreme und Exzesse oder auch nur lokale Eigenheiten konterkarieren das Bild. Erst vor wenigen Tagen hat eine Modellstudie mit Daten aus 131 Ländern im medizischen Fachblatt Lancet gezeigt, dass diverse gesellschaftliche Einschränkungen die R-Zahl nach etwa zehn Tagen erheblich senken, also die Menge der Menschen, die ein Infizierter ansteckt. Allerdings zeigen die Untersuchung auch, wie sehr es auf Details ankommt. Das belegt auch der Sport. Seit Monaten spielen die Profiligen wieder, der internationale Wettbewerb läuft. Regelmäßige Tests, enge medizinische Betreuung und ein Sicherheitskonzept machen dies für eine wenig gefährdete, privilegierte Gruppe möglich. Das Altherren-Team, das Standfußball im herbstlichen Aerosol-Nebel spielt und hinterher ihr Bier kreisen lässt, hat weniger Schutz.

© SZ
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