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Sars-CoV-2:"Eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe"

München untersagt Corona-Demo mit 5000 Teilnehmern

Auf der Theresienwiese in München demonstrierten im Mai Gegner der Corona-Maßnahmen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Virologen um Christian Drosten warnen davor, das Virus wüten zu lassen, wie es die "Great Barrington Declaration" fordert. Internationale Experten haben einen Gegen-Text verfasst.

Von Kathrin Zinkant

Wenn eine Sache einleuchtend klingt oder auch nur bequem, kann sie noch so falsch sein, man bekommt sie nur noch mit großer Mühe aus der Welt. In keiner Situation wird das wohl so deutlich wie in der aktuellen Corona-Krise: Von der Mär, das neue Virus sei nicht gefährlicher als ein Grippeerreger bis hin zur Behauptung, man könne Corona durch eine gründliche Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung besiegen.

Vor allem letztere Idee hat in den vergangenen Tagen wieder Aufsehen erregt. Eine kleine Gruppe amerikanisch-britischer Wissenschaftler fordert in der sogenannten "Great Barrington Declaration", die Maßnahmen gegen das neue Coronavirus abzuschaffen und Herdenimmunität anzustreben. Nun hat sich Europas größte virologische Fachgesellschaft höflich, aber deutlich dazu positioniert. "Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen", heißt es in der Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV), die am späten Montag veröffentlicht wurde.

Die Verfasser, zu denen neben Isabella Eckerle vom Universitätsklinikum Genf und Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig auch Christian Drosten von der Berliner Charité gehört, warnen davor, gerade angesichts einer "explosiven Infektionsdynamik" in Europa auf Maßnahmen zu verzichten. Die Schäden, die im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohten, würden die Belastungen durch Maßnahmen "um ein Vielfaches" übertreffen. Sie könnten "in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden".

Seit Monaten warnen Fachleute vor einer Strategie der Durchseuchung

Es ist nicht die erste klare Absage an das Gedankengut, das die Great Barrington-Deklaration verbreitet. Schon vor Monaten hatten Fachleute davor gewarnt, eine bewusste Durchseuchung der Bevölkerung als Strategie auch nur in Betracht zu ziehen. So sagte der vormalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Gerd Fätkenheuer, der SZ bereits im April, dass es im Fall der Durchseuchung auch unter Menschen jünger als 60 Jahre eine sechsstellige Zahl von Toten in Deutschland geben werde. Auch andere Fachleute verweisen auf den hohen Preis dieses Ansatzes - zumal es die Herdenimmunität als Gemeinschaftsschutz vermutlich gar nicht gibt.

Zwar bildet der Körper von Infizierten binnen Tagen sogenannte Antikörper gegen das Virus, was als Hinweis darauf gelesen werden kann, dass der Körper eine Immunität aufbaut. Diese Abwehrmechanismen reichen im Fall von Sars-CoV-2 aber nicht immer aus, um Zweitinfektionen zu verhindern. "Es wird zunehmend klar, dass gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschen, keine stabile Immunität verleihen", schreiben die Virologen in ihrer Stellungnahme. Wiederholte Ansteckungen sind inzwischen zudem gut dokumentiert, und obwohl Erkrankungen dann meist milder verlaufen als in der ersten Runde möglich, scheiden die Patienten dennoch Viren aus.

Der Erreger zirkuliert deshalb auch nach einer Durchseuchung weiter - und kann immer noch in vulnerable Bevölkerungsgruppen hineingetragen werden, zu denen laut GfV keinesfalls nur ältere Menschen im Ruhestand zählen. Auch jüngere Menschen nach Transplantationen, mit Übergewicht, Diabetes, chronischen Leiden oder Frauen, die schwanger sind, seien besonders gefährdet. Zusätzlich zu einer "eskalierenden Zunahme an Todesopfern" fürchtet die Gesellschaft, dass die Zahl der Corona-Überlebenden mit gravierenden Spätschäden an Nervensystem, Gefäßen oder Atemwegen stark wachsen wird.

Nicht nur die Gesellschaft für Virologie setzt sich deshalb dafür ein, das neue Coronavirus weiterhin so gut wie möglich auszubremsen. Vor wenigen Tagen haben internationale Experten im Fachblatt The Lancet das sogenannte John Snow Memorandum veröffentlicht, das seinerseits deutliche Worte findet. "Die Verbreitung von Covid-19 aufzuhalten ist der beste Weg, unsere Bevölkerungen und Wirtschaftssysteme zu schützen, bis es in den kommenden Monaten sichere, effektive Impfstoffe und Therapeutika geben wird", heißt es in dem Papier. Zu den Unterzeichnern gehören Kapazitäten international anerkannter Universitäten und Institute - vom Imperial College in London und den Universitäten von Oxford, Harvard und Stanford. Auch die Virologen der GfV unterstützen den Text.

© SZ/weis
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