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Coronavirus:Covid-19 kostet etliche Jahre Lebenszeit

Älteres Paar im Kurpark

Einen fitten 80-Jährigen kostet das Coronavirus rund elf Jahre Lebenszeit.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Wer an Covid-19 stirbt, hätte nicht mehr lange zu leben gehabt? Berechnungen zeigen nun, wie falsch diese Vermutung ist: Männer verlieren durchschnittlich 13 Jahre Lebenszeit, Frauen elf.

Die Meinung hält sich hartnäckig: Wer infolge einer Coronavirus-Infektion stirbt, hätte meist sowieso nicht mehr lange zu leben gehabt. Sei es aufgrund des fortgeschrittenen Alters oder diverser schwerer Vorerkrankungen. Zuletzt hatte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer diese Debatte angefacht, indem er behauptete, man rette durch die allgemeinen Beschränkungen "möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Später entschuldigte er sich für diese Aussage, doch auch andere wie der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel weisen immer wieder auf die Vorerkrankungen von Corona-Toten hin.

Forscher der Universität im schottischen Glasgow haben gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde des Landes diese Annahmen in einer Studie überprüft - und kommen zu ganz anderen Zahlen: Demnach verlieren männliche Coronavirus-Opfer im Schnitt 13 Jahre Lebenszeit, bei Frauen sind es elf Jahre. Dabei betrachteten die Wissenschaftler explizit die Auswirkungen von Leiden, die Betroffene schon vor ihrer Covid-19-Infektion hatten. Selbst alte Menschen oder Vorerkrankte hätten ihren Ergebnissen zufolge häufig noch mehrere Jahre zu leben gehabt, wenn sie sich nicht mit dem Coronavirus infiziert hätten.

Auch junge, bisher gesunde Menschen, sterben an den Folgen einer Infektion

Die Wissenschaftler verglichen dazu die allgemeinen Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Lebenserwartung verschiedener Altersgruppen mit den Erkenntnissen zu Corona-Todesfällen in Italien. Um ein genaueres Bild davon zu bekommen, wie Vorerkrankungen die Lebenserwartung von Menschen beeinflussen, ließen die schottischen Wissenschaftler zudem aktuelle Daten zu Corona-Infizierten in Großbritannien in ihre Studie einfließen.

Dabei konzentrierten sich die Forscher bei ihren Modellrechnungen auf Menschen mit Herzerkrankungen wie Rhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz sowie Patienten mit Schlaganfall, Bluthochdruck, Diabetes, Demenz, COPD, Krebs, Leberversagen und Nierenerkrankungen. Daten zu Corona-Todesfällen aus Italien hatten gezeigt, dass dort die häufigste Vorerkrankung Bluthochdruck war. 73 Prozent aller Verstorbenen waren davon betroffen, gefolgt von Diabetes (31,3 Prozent) und Herzerkrankungen (27,8 Prozent). Einschränkend weisen die Studienautoren darauf hin, dass es auch von weiteren Umständen wie zum Beispiel der Versorgungskapazität in bestimmten Regionen abhängt, wie hoch die Überlebenschancen eines einzelnen Covid-19-Patienten sind. Gerade in Italien wird vermutet, dass die Todeszahlen auch deshalb so hoch sind, weil nicht alle Erkrankten die bestmögliche Behandlung erhalten konnten. Auch wurde nicht erfasst, ob die Betroffenen Raucher waren oder übergewichtig.

Das durchschnittliche Alter, in dem Menschen am Coronavirus sterben, liegt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland aktuell bei 81 Jahren. In die Studie aus Schottland flossen ähnliche Zahlen aus Großbritannien ein. Trotz dieses hohen Alters der Verstorbenen warnen die Forscher davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: Zum einen sterben auch jüngere, bis dato gesunde Menschen an der Infektion, zum anderen bedeutet eine Vorerkrankung nicht automatisch einen frühen Tod. "Die meisten Menschen verlieren durch eine Infektion mit Covid-19 deutlich mehr Lebenszeit als die oft kommentierten ein oder zwei Jahre", resümieren die Wissenschaftler. Zwar nehme diese Zahl ab, je älter ein Betroffener sei und je zahlreicher seine Vorerkrankungen seien. Doch verliere ein fitter 80-Jähriger durch das Coronavirus im Schnitt elf Jahre Lebenszeit.

© SZ/cvei
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