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Corona:Der halbe Lockdown

Schnee im Oberharz Im Ortsteil Elbingerode der Stadt Oberharz spazieren am 06.01.2021 Ausflügler auf einen Wanderweg. Ve

Daten zur Mobilität belegen, dass sich die Menschen in Deutschland nach wie vor mehr durchs Land bewegen als während des ersten Lockdowns im Frühjahr.

(Foto: Frank Drechsler/imago images)

Eine Interpretation der Fallzahlen bleibt schwierig. Doch Bewegungsdaten zeigen, dass die Leute mehr unterwegs sind als im März.

Von Christian Endt und Sören Müller-Hansen

Wer im Regen stehe und keinen Schirm aufspanne, dürfe sich hinterher nicht beschweren, dass er nass sei. Mit diesem Bild reagierte Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, am Donnerstag auf Kritik an der ausbleibenden Wirkung des Lockdowns. Diese hatte zuletzt unter anderem der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, geäußert: "Der Lockdown, der jetzt seit Anfang November anhält, hat quasi nichts gebracht. Die Todeszahlen sind unverändert erschreckend hoch."

Zusammen mit dem Epidemiologen Dirk Brockmann hatte Wieler zuvor erklärt, warum der Lockdown aus RKI-Sicht noch nicht die gewünschte Wirkung zeige. Daten zur Mobilität belegen, dass sich die Menschen in Deutschland nach wie vor mehr durchs Land bewegen als während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Ende März lag die Mobilität demnach am Tiefpunkt um 40 Prozent unter dem Vorjahreswert und stieg danach nur langsam wieder an. Nun fiel der Indikator bis 30. Dezember auf 33 Prozent unter dem Vergleichswert von 2019 und ging seitdem deutlich schneller wieder nach oben, am 8. Januar lag er 20 Prozent unter Vorjahr. Neuere Daten enthält die Auswertung nicht, die auf Daten der Mobilfunkanbieter beruht. "Für mich ist das kein vollständiger Lockdown. Es gibt noch zu viele Ausnahmen und es wird nicht konsequent durchgeführt", sagt RKI-Chef Wieler.

Drastisches Absinken der Fallzahlen blieb bislang aus

Dementsprechend bleibt die gewünschte Wirkung - ein exponentielles Schrumpfen, also ein drastisches Absinken der Fallzahlen innerhalb von Wochen - bislang aus. Dass die verschärften Einschränkungen "nichts gebracht" haben, diese Schlussfolgerung geben die Daten aber nicht her. Denn in den ersten drei Dezemberwochen waren die Fallzahlen kontinuierlich angestiegen. Das ist auch das erwartbare Verhalten einer Virusinfektion, die auf eine nicht durch Immunität geschützte Bevölkerung trifft. Dieser stetige Anstieg hat sich zumindest deutlich abgeflacht. Darauf deuten verschiedene Indikatoren hin. Ob er ganz zum Erliegen gekommen ist oder sich gar ins Umgekehrte verkehrt hat, dies lässt sich aus den Daten auf Grund der Sondereffekte um die Feiertage nicht zweifelsfrei ablesen.

Auch Wieler weist auf die eingeschränkte Aussagekraft der Daten hin. Trends, die sich derzeit in den Zahlen widerspiegeln, können echt sein oder aber in die Irre führen. Der Grund dafür lässt sich gut an den durchgeführten PCR-Tests auf das Coronavirus erkennen. Seit August bearbeiteten die Labore in Deutschland wöchentlich meist deutlich mehr als eine Million Tests. Mit Beginn der Weihnachtsferien sank dieser Wert deutlich ab, in der Woche zwischen den Jahren wurden nur noch 800 000 Tests durchgeführt.

Gleichzeitig stieg der Anteil positiver Tests merklich auf fast 16 Prozent, in der ersten Januarwoche sank der Anteil auf knapp 13 Prozent. Das lässt vermuten, dass über Weihnachten und Neujahr deutlich mehr Infizierte übersehen wurden als zuvor. Einen Einfluss könnte auch die zunehmende Nutzung von Schnelltests haben: Wer nach einem positiven Schnelltest auch noch einen PCR-Test durchführt, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch infiziert. Wer einen negativen Schnelltest hat, verzichtet dagegen mitunter auf die zusätzliche Abklärung per PCR.

Aus der Entwicklung der täglich gemeldeten Neuinfektionen lässt sich deshalb wenig herauslesen. An Weihnachten stürzten die Zahlen regelrecht ab, nur um wenige Tage später wieder emporzuklettern. Daraus lassen sich jedoch weder ein Weihnachtswunder noch ein fataler Start ins neue Jahr ableiten, vielmehr resultiert diese Entwicklung aus schwankenden Testzahlen und einem ferienbedingten Meldeverzug.

Eines scheint sich über die Feiertage hinweg nicht geändert zu haben: Die Pandemie wütet weiterhin deutlich heftiger im Osten der Republik als etwa im Norden oder Westen.

Seit einer Woche liegen weniger Intensivpatienten in den Kliniken

Andere Daten hingegen bieten einen Grund zu vorsichtigem Optimismus: die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19. Seit etwa einer Woche sinkt sie, zum ersten Mal seit Mitte September. Die aktuellen Werte spiegeln dabei ungefähr das Infektionsgeschehen bis Weihnachten wider. Damit passt der Zeitpunkt des Rückgangs zeitlich zum Start des verschärften Lockdowns Mitte Dezember.

Angespannt bleibt die Lage in den Krankenhäusern nach wie vor. "Die intensivmedizinische Versorgung war wahrscheinlich in Deutschland noch nie so ausgelastet wie heute", sagte Wieler. Die bestmögliche Versorgung schwer kranker Menschen könne so nicht mehr gewährleistet werden.

Dennoch macht diese Entwicklung Hoffnung, dass weitere Rekordmeldungen wie am Donnerstag, als wieder einmal ein Höchstwert der an einem Tag an Covid-19 Verstorbenen verzeichnet wurden, künftig ausbleiben. Noch steigen die Todesfälle zwar, der Effekt des verschärften Lockdowns von Mitte Dezember an dürfte sich hier erst noch zeigen.

Dennoch bleibt der Eindruck, dass der aktuelle Lockdown nicht so effektiv zu sein scheint wie der im Frühjahr. Die Reproduktionszahl, die zeigt, ob die Infektionslage abflaut oder sich zuspitzt, ist anders als im April nicht auf einen Wert von 0,7 gesunken, sondern schwankt um 1 herum.

Auf die Frage, ob es schärfere Maßnahmen brauche, antwortet RKI-Präsident Wieler: "Das ist eine Option. Ja."

© SZ
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