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Clomifen:Die Zwillings-Pille

Babys

Manches Paar, das sich ein Kind wünscht, bekommt gleich zwei geliefert. Zwillingsschwangerschaften bringen meist mehr gesundheitliche Risiken mit sich.

(Foto: iStockphoto)

In Deutschland hat sich der Anteil der Mehrlingsgeburten seit den Achtzigerjahren verdoppelt. Das liegt auch an einem Medikament.

Die Packung sieht harmlos aus. Eine kleine Schachtel, je nach Hersteller mit hellroten oder blauen Streifen, als könne man sich das Geschlecht des Babys gleich in der Apotheke aussuchen. Zehn Tabletten für zwei Zyklen, Kosten: gut 20 Euro, die Kasse zahlt. Wer nie vergeblich versucht hat, ein Kind zu zeugen, hat vermutlich nie davon gehört. Und doch hat neben der Pille kaum ein Medikament das Kinderkriegen mehr verändert als dieses: Clomifen.

Das Mittel regt den Eisprung an; viele Frauen bekommen es verschrieben, wenn es mit dem Schwangerwerden trotz ungeschütztem Sex nicht klappt. Es ist seit Jahrzehnten auf dem Markt und bei einigen Formen der Unfruchtbarkeit sensationell erfolgreich. Fast zu erfolgreich, meinen manche Mediziner. Weil bei geschätzt fünf bis 15 Prozent der Clomifen-Schwangerschaften nicht nur eine Eizelle reift. Stattdessen sind es gleich zwei oder drei davon, aus denen dann - zweieiige - Zwillinge oder manchmal gar Drillinge entstehen. Mit einem hohen Risiko für viel zu frühe Geburten und die Komplikationen, die damit einhergehen.

Christiane Haas öffnet die Tür mit zwei winzigen Babys auf dem Arm, um sie herum wuselt die zweijährige Tochter, nur die Älteste ist gerade im Kindergarten. Der Kindersegen ist der Gartenwohnung in der Kleinstadt bei München anzusehen. Überall Kritzelbilder und Basteleien, draußen eine Plastik-Spielküche. "Wenn ich etwas will, dann richtig", sagt die sehr zierliche, blonde 33-Jährige (Name geändert). Und Kinder wollte sie, auf jeden Fall, und sicher nicht nur eins. Also ging sie schnell zum Arzt, als nach der ersten Geburt und der Stillzeit der Zyklus nicht wieder einsetzte. Dort bekam sie Clomifen verschrieben. Wenig später war sie schwanger, und die zweite Tochter kam zur Welt. Danach wünschten sie und ihr Mann sich ein drittes Kind. Wieder Clomifen, nach einer frühen Fehlgeburt wieder schwanger. Vor drei Monaten wurden die Zwillingstöchter geboren. Auf natürlichem Weg, kurz vor dem errechneten Geburtstermin, beide ziemlich leicht, aber gesund: zwei kleine Mädchen mit flaumigen Haaren und weit offenen Augen.

"Ich war sorglos"

Nicht immer geht es so aus. Etwa die Hälfte der Zwillinge und fast alle Drillinge werden vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche geboren. Frühchen haben oft einen schwierigen Start ins Leben. Sie müssen nach der Geburt häufiger beatmet werden und haben später öfter Lernschwierigkeiten als pünktlich geborene Kinder. Bis ins Erwachsenenalter kann ihr Risiko für Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leicht erhöht sein. Und selbst bei pünktlich geborenen Zwillingen ist häufig mindestens eines der Babys viel kleiner und leichter als ein Kind, das den Bauch seiner Mutter für sich allein hatte. Wiegen Babys bei der Geburt weniger als 2500 Gramm, bedeutet auch das ein höheres Risiko für Infektionen und Entwicklungsverzögerungen.

Befruchtung

Der lange Weg zur Zeugung

"Die Datenlage ist völlig klar", sagt Heribert Kentenich, Reproduktionsmediziner am Fertility Center Berlin. "Selbst Zwillinge, bei denen der Schwangerschaftsverlauf unauffällig war, werden in der Regel zu früh geboren, kommen häufiger auf die Intensivstation und haben weitere Folgeprobleme aufgrund der Frühgeburtlichkeit." Das Ziel der Ärzte sollte darum immer eine Einlingsschwangerschaft sein.