Lungenkrankheiten "Einfach unter den Tisch gekehrt"

Das bestreitet die Leiterin des Mesotheliomregisters, Andrea Tannapfel. Das Register befinde sich inzwischen unter dem Dach einer Stiftung. Niemand rede ihr in die Arbeit hinein, versichert die Pathologin. Auf der Homepage heißt es allerdings, das Mesotheliomregister werde von der DGUV "gefördert"; es "unterstützt" BGs "bei der Klärung Schadstoff-assoziierter Erkrankungen"; und das Institut für Pathologie, an dem es angesiedelt ist, gehört zum Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil.

Anderswo werden kaum noch Gewebeproben Asbestkranker untersucht. "Die Ärzte werden immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Proben ans Mesotheliomregister zu schicken seien", klagt Baur. Tannapfel betont zwar, dass Arzt und Patient entschieden, wohin die Proben gelangen. Anders klingt es aber in einem Bescheid der BG Verkehr aus dem Jahr 2016, in dem es um einen kranken Schlosser geht: "Dabei ist zu beachten, dass alle Unfallversicherungsträger gehalten sind, in Fällen, in denen der Verdacht auf eine asbestbedingte Lungenerkrankung besteht, entnommenes Gewebe an das Deutsche Mesotheliomregister zu übersenden."

Ob Tannapfel da überhaupt unabhängig arbeiten kann? "Ich bin Wissenschaftlerin", betont die Pathologin, ihr gehe es um Fakten. Doch Fakten müssen interpretiert werden, damit Wissenschaft daraus wird. Und beim Thema Asbest streiten Wissenschaftler des Mesotheliomregisters seit Jahren mit anderen Experten. Dabei geht es vor allem um die Anerkennung von Bronchialkarzinomen und Fibrosen als Berufskrankheit, denn beim Mesotheliom steht Asbest als Ursache fest. Für die anderen Erkrankungen lassen sich hingegen auch andere Gründe finden, Rauchen zum Beispiel.

Das wurde auch Philipp Greb vorgeworfen, dessen massive Asbestbelastung während seiner Arbeit eigentlich gut belegt ist. Er hatte 1978 an einer Studie von Hans-Joachim Woitowitz für das Umweltbundesamt unter Dachdeckern teilgenommen. Demnach atmete Greb beim Flexen zwischen 30 und 60 Millionen Asbestfasern pro Kubikmeter Luft ein. Aber ob sein Lungenkrebs wirklich daher kam? Im Lauf des Prozesses beschäftigten sich elf Gutachter mit dieser Frage. Sie rechneten hin und her, kamen dabei zu höchst unterschiedlicher Belastung, die oft genug unter dem geforderten Schwellenwert lag.

Erstaunlich? Unter den Gutachtern waren jedenfalls auch solche, die zuvor bei den giftigen Holzschutzmitteln Xylamon und Xyladecor zur Zufriedenheit der Industrie gearbeitet hatten: Auf einer internen "Liste der Gutachter" der Chemiebranche hatten sie den freundlichen Vermerk "positiv" erhalten. So berichtet es der Autor und Staatsanwalt Erich Schöndorf in seinem Buch "Von Menschen und Ratten".

Grebs Tochter empört das so, dass sie den Rechtsstreit weiterführt. "Es ärgert mich, dass hier die massive Asbestbelastung, die mein Vater hatte, einfach unter den Tisch gekehrt wird", sagt Schwab, die 18 war, als ihr Vater starb und die ihre Mutter jahrelang unterstützen musste.

Erschreckend viele Gutachten seien hanebüchen, sagt Xaver Baur. Begonnen habe das alles in den 1960er-Jahren in den USA, wo die Asbestindustrie eine PR-Agentur einschaltete. Deren Rat: Zweifel an kritischen Forschungsergebnissen säen. Das Motto, das heute in Unterlagen nachzulesen ist, die in US-Prozessen zutage kamen: "Scientific doubts must remain."

So machte es auch der Pathologe, der in den 1970er-Jahren der erste Leiter des Deutschen Mesotheliomregisters wurde und heute krankheitsbedingt nicht mehr Stellung nehmen kann. Seine Thesen halfen der Asbestindustrie, in deren "unabhängigen wissenschaftlichen Beirat" er heimlich saß. So versuchte er Zweifel daran zu säen, dass das Mesotheliom immer asbestverursacht sei. Und er verbreitete, dass eine Fibrose nur dann als asbestbedingt gelten kann, wenn Asbestpartikel in der Lunge gefunden werden.

Fehlende Asbestpartikel werden bis heute als Argument bei der Ablehnung von Berufskrankheiten genutzt

Doch sie widerspricht wissenschaftlicher Evidenz. Denn der besonders feinfaserige Asbest namens Chrysotil, der in Deutschland zu etwa 95 Prozent eingesetzt wurde, löst sich in der Lunge mit der Zeit auf. Seine Fasern sind Jahre nach dem Einsatz meist nicht mehr nachweisbar. So steht es auch in der Leitlinie für Ärzte: "Der fehlende Nachweis von Asbestfasern schließt eine versicherungsrechtlich relevante Asbestexposition nicht aus."

Dennoch werden fehlende Asbestpartikel bis heute als Argument bei der Ablehnung von Berufskrankheiten genutzt - auch von Andrea Tannapfel. Die These hat es sogar bis in die USA geschafft, wo sie vor allem von Victor Roggli genutzt wird, einem Pathologen, der vor Gericht einräumen musste, Millionenbeträge von der Asbestindustrie erhalten zu haben. Auch David Bernstein, ein US-Toxikologe mit Privatlabor, sagte vor Gericht aus, dass die Asbestindustrie seine Studien finanziert habe. Auf beide berief sich Tannapfel immer wieder in Gutachten.

Solange Studien nicht zurückgezogen seien, könne man sie zitieren, schreibt Andrea Tannapfel auf Nachfrage. Außerdem sei die Suche nach Asbestfasern im Gewebe für die Patienten nur positiv. Denn ihr Fund könne "zur Anerkennung einer Berufskrankheit führen, wenn alle anderen Beweismittel versagen".

Doch oft wird mit dem fehlenden Nachweis auch der Streit um die Anerkennung einer Berufskrankheit besiegelt, wie Baur und Woitowitz sagen. Die meisten Richter folgten der Argumentation des Mesotheliomregisters, sagt Anwältin Battenstein, allein schon, weil dieses "deutsch" im Namen trage, obwohl es kein staatliches Institut ist. Nur im Einzelfall setzen sich Richter darüber hinweg - wenn sie sich die Mühe machen, tiefer in die Wissenschaft einzutauchen.

Derweil geht das Leiden weiter, unter Dachdeckern, Schiffbauern und Kfz-Schlossern, aber auch unter Heimwerkern, die ahnungslos ihre asbestverseuchten Wohnungen renovieren. Allein in Berlin wird deren Zahl auf 100 000 geschätzt.

Der Text ist in Kooperation mit ansTageslicht.de entstanden, eine umfangreiche Dokumentation gibt es unter www.ansTageslicht.de/Asbestkrimi

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