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Covid-19:Antikörper sind nicht alles entscheidend

Nurse holding a syringe with the coronavirus COVID-19 vaccine Copyright: xbizoo_nx Panthermedia28303118 ,model released

Auch Antikörpertests haben ihre Tücken.

(Foto: bizoo_n via www.imago-images.de/imago images/Panthermedia)

Die Biomoleküle werden im Kampf gegen Corona überschätzt - und auch politisch missbraucht.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Politiker lieben einfache Botschaften. Das macht sie einigermaßen inkompatibel mit der Wissenschaft. Selten allerdings wurde die Unvereinbarkeit von Staatswesen und Forschung so deutlich wie in dieser Pandemie. Praktisch alles wird nämlich nur noch an einem biologischen Molekül festgemacht: Antikörper sollen Dunkelziffern erhellen, Schulöffnungen rechtfertigen, Immunität anzeigen, die Weltbevölkerung schützen. Es geht um fast nichts anderes mehr.

Und klar, Antikörper sind wichtige Player im menschlichen Immunsystem. Sie heften sich an Eindringlinge aller Art, können Erreger anhand winzigster Details unterscheiden, sie formen ein Krankheitsgedächtnis - und sind überhaupt höchst faszinierend und ungemein nützlich. Manchmal helfen sie sogar, Krankheiten zu heilen.

Die Rolle allerdings, die diesen Eiweißen inzwischen in der Corona-Krise zuteil wird, überschreitet jedes Maß an Rationalität. Das ging schon mit Heinsberg los, als Antikörpertests vor Ostern eine beginnende Herdenimmunität in der Bevölkerung nachweisen sollten. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet suchte nach Argumenten für die Lockerung der Corona-Maßnahmen. Das ging weiter mit den Auftritten von Gesundheitsminister Jens Spahn und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder beim Pharmakonzern Roche, wo sie einen neuen Corona-Antikörpertest als "Spitzenleistung" bejubelten - im Bestreben Spahns, einen Immunitätsausweis in der Bevölkerung einzuführen.

Und es hört mit den Meldungen der vergangenen Woche nicht auf, laut denen einerseits die Abwesenheit von Antikörpern im Kinderblut angeblich eine Rückkehr zum Normalbetrieb in sächsischen Schulen rechtfertigt. Mehr noch: Sie soll beweisen, dass Kinder "Bremsklötze" der Pandemie sind. Und auf der anderen Seite befeuert die Anwesenheit von Antikörpern im Probandenblut die eher überzogene Hoffnungen, dass in Kürze ein wirksamer Impfstoff verfügbar sein könnte.

Diese Fixierung auf Antikörper ist gefährlich. Denn bei aller Bedeutung dieser Biomoleküle sind sie stets nur ein Baustein der viel komplexeren körperlichen Abwehr von Krankheiten. Noch dazu spielen sie bei jedem Erreger eine eigene Rolle, welche erst einmal untersucht und verstanden werden muss. Das gilt umso mehr für ein Virus, das erst seit sechs Monaten bekannt ist.

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Ob Kinder die Pandemie bremsen oder womöglich doch beschleunigen, kann deshalb noch immer niemand mit Sicherheit sagen. Wie viele Menschen immun sind gegen das Virus, ist nach wie vor offen. Und ob ein wirksamer Impfstoff überhaupt gefunden wird, können Antikörper-Studien alleine nicht zeigen. All das sind leider keine einfachen Botschaften. Dennoch müssen Politiker wie Wissenschaftler sie ehrlich kommunizieren.

© SZ/hmw
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