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ADHS-Medikament Ritalin:"Es kann ein Segen sein"

"Die ganze Familie droht vor die Hunde zu gehen": Für Kinderpsychiater Adam Alfred käme der Verzicht auf Ritalin in manchen Fällen einer unterlassenen Hilfeleistung gleich. Ein Gespräch über ein umstrittenes Medikament und die Zukunftsaussichten der erkrankten Kinder.

Interview: Christina Berndt

Seit fast 30 Jahren verordnet der Kinder- und Jugendpsychiater Adam Alfred vom ADHS-Zentrum in München-Neuhausen Ritalin und ähnliche Präparate mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Die Medikamente müssen eine Notlösung bleiben, sagt er - und wehrt sich zugleich gegen das "Ritalin-Bashing" in Öffentlichkeit und Medien. Die Diskussion habe inzwischen hysterische Züge angenommen.

SZ: Was ist Ritalin denn nun? Segen oder Teufelszeug?

Adam Alfred: Es ist nicht so, dass ich das Medikament besonders mag. Kein Psychiater verschreibt es wirklich gern. Wir geben es erst, wenn andere Ansätze, wie pädagogische Maßnahmen oder eine Verhaltens- oder Familientherapie allein nicht helfen. Oder wenn massiver Leidensdruck eine schnelle Hilfestellung erfordert. Und dann ist Ritalin tatsächlich häufig ein Segen für das Kind und seine Familie.

Weil das Kind so schön ruhiggestellt ist?

Das Medikament macht nicht lebhafte, glückliche Kinder zu angepassten, passiven Zombies. Die Kinder sind einfach normaler, können sich besser konzentrieren. Ritalin hilft nicht immer, aber meistens. Das muss man so nüchtern sagen.

Es wird aber auch viel über Nebenwirkungen gesprochen.

Die gibt es zweifelsohne. Ritalin ist chemisch verwandt mit Koffein. Die Kinder haben manchmal Herzklopfen und schlafen schlechter ein. Häufiger haben sie auch Appetitprobleme. All das, was Erwachsene vom Kaffeetrinken kennen. Die Nebenwirkungen sind aber bei sachgemäßem Umgang mit dem Medikament selten und aus meiner Sicht mehr als vertretbar.

AHDS-Kinder sollen besonders kreativ sein und einen hohen Gerechtigkeitssinn haben. Leidet das nicht, wenn man ihre Krankheit chemisch bekämpft?

Das wurde bisher nicht beobachtet. Aber die Kinder sind natürlich nicht mehr so lebendig wie vorher. Das fällt manchen Eltern durchaus auch unangenehm auf.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Warum unternehmen Sie dann trotzdem solche Eingriffe in die Persönlichkeit kleiner Menschen?

Unbehandelt führt ADHS sehr oft zu Misserfolg in der Schule, schlechteren, der Begabung nicht entsprechenden Noten, zu sozialer Isolation und zu erheblichen familiären Belastungen. Manche ADHS-Kinder sind kaum auszuhalten, die ganze Familie droht dadurch vor die Hunde zu gehen. Dann wäre der Verzicht auf Ritalin oder vergleichbare Präparate schlicht unterlassene Hilfeleistung. Wissenschaftlich gut abgesicherten Studien zufolge haben übrigens 30 Prozent aller Insassen in den Jugendgefängnissen ein unbehandeltes ADHS.

Weshalb wird ADHS so häufig diagnostiziert? Sind Kinder heutzutage von Reizen überflutet, weil sie nicht mehr wie früher den ganzen Tag draußen spielen?

Da ist sicherlich etwas Wahres dran. Es gibt eine genetische Veranlagung für ADHS. Aber seine Entstehung ist auch von weiteren Einflüssen abhängig.

Welche Rolle spielen dabei die Eltern? Haben die zu wenig Zeit für ihre Kinder - gerade wenn beide berufstätig sind?

Es wird den allermeisten Eltern großes Unrecht getan, wenn man ihnen unterstellt, Ritalin zu geben, weil die Kinder ihren Ansprüchen nicht genügen oder sie keine Geduld für die Kinder aufbringen. Zugleich ist es schon richtig: Jede psychiatrische Diagnose ist von der Umgebung abhängig. Auf einem Bauernhof mag ein hyperaktives Kind zurechtkommen, ohne dass sich jemand übermäßig an ihm stört; in der Großstadt fällt es vielleicht zu sehr aus dem Rahmen. Es ist aber nicht so, dass es das Syndrom früher nicht gab.

Offenbar tritt ADHS häufiger in sozial schwachen Familien auf.

Nein, sozial schwächere Familien sind nicht häufiger betroffen als gut situierte Familien. Sie haben nur weniger Kompensationsmöglichkeiten. Wer Geld hat, sorgt für einen Nachhilfelehrer und vielleicht für einen Hauspsychologen. Viele begüterte Familien schicken ihre schwierigen Kinder auch auf Privatschulen. In England haben Internate diese Marktlücke entdeckt und bieten zu Preisen von monatlich 2500 Euro und mehr an, was das deutsche Schulsystem nicht schafft.

"Kinder brauchen doch Anerkennung und Erfolg"

Wie? Dort gibt es ganze Klassen voller ADHS-Kinder?

Sie mischen die hyperaktiven ADHS-Kinder mit den ruhigen ADS-Kindern, bei denen zwar ein Aufmerksamkeitsdefizit vorliegt, aber keine Hyperaktivität. Auch sind die Klassen an solchen Schulen sehr klein. Mit gut ausgebildeten Lehrern funktioniert das.

Dann könnte man viele ADHS-Kinder also mit Geld und gutem Willen an deutschen Schulen integrieren, ohne ihnen Ritalin zu geben?

Ja, das ist ja das Traurige. Wir bräuchten sicher weniger Medikamente, wenn das Schulsystem stärker auf Unterstützung ausgelegt wäre. Wir machen immer wieder die Erfahrung: Wenn die Kinder auf verständnisvolle und gut informierte Lehrer treffen, ist das schon die halbe Miete. ADHS müsste in der Lehrerfortbildung eine viel größere Rolle spielen.

Ist ADHS überhaupt eine Krankheit? Oder gehört es zu den erfundenen Leiden der Pharmaindustrie?

ADHS ist klar beschrieben und kann nach den Leitlinien eindeutig diagnostiziert werden. Auch kommt es überall in der westlichen Welt etwa in gleichem Ausmaß vor. Ob es eine Krankheit ist, darüber kann man streiten. Möglicherweise handelt es sich auch um eine Entwicklungsstörung. Die Gehirne dieser Kinder sind weniger reif, manche Areale sind kleiner. Dafür spricht auch, dass die Unruhe mit dem Älterwerden meist verschwindet.

Ein Sechsjähriger mit ADHS benimmt sich also so, wie man es Zweijährigen verzeiht, die sich schreiend auf den Boden schmeißen und nicht stillsitzen können?

So in etwa, ja. Wenn wir Eltern fragen, ob sie sich in ihrem Kind wiedererkennen, sagen die meisten: Ja, ich war auch so, aber das änderte sich irgendwann. Die Eltern der ADHS-Kinder sind nur noch selten extrem impulsiv. Allerdings musste ich erst kürzlich wieder einen Vater bitten, meine Praxis zu verlassen.

ADHS wächst sich also meistens aus?

Ich würde sagen: Es kann kompensiert werden.

Was bedeutet es bis dahin für das Selbstwertgefühl eines Kindes, wenn es nur mit Medikamenten funktioniert?

Eine Gegenfrage: Was bedeutet es für das Selbstwertgefühl, wenn ein Kind trotz hoher Intelligenz ständig schlechte Noten schreibt und niemand mit ihm spielen will? Was Kinder brauchen, sind doch Anerkennung und Erfolg. Und genau das haben ADHS-Kinder viel zu wenig. Man muss es einmal erlebt haben, wie glücklich und stolz ADHS-Kinder sind, wenn es ihnen gelingt, erfolgreich zu sein. Es geht nicht darum, dass Kinder funktionieren, sondern, dass sie in die Lage versetzt werden, sich in unserer komplexen und reizüberfluteten Welt zurechtzufinden. Es ist zynisch, betroffene Kinder in die Spirale von Ablehnung und Versagen laufen zu lassen. Ich würde mir wünschen, dass diese Grabenkämpfe zwischen Ritalin-Gegnern und Ritalin-Befürwortern endlich aufhören.

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© SZ vom 02.02.2013/beu
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