Zweitmarkt bei Lebensversicherungen Im Tempel der Todeswetten

Wer kurzfristig Geld braucht, kann seine Lebensversicherung verkaufen. Investoren stehen Schlange. Makaber: Sie machen erst Gewinn, wenn der Verkäufer stirbt. Die Todeswetten sind ethisch umstritten. Doch das ist nicht das einzige Problem der Branche.

Von Bastian Brinkmann

Ein edles Hotel neben dem Münchner Hauptbahnhof. Es ist ein Haus, in dem Duftkerzen die Gäste begrüßen, Flachbildschirme den Weg weisen und die Pagen Bonjour statt Servus sagen. Willkommen in der Welt des Geldes.

Gleich geht der Vortrag los: Todeswetten - anstößig oder smarte Investmentalternative?

(Foto: Bastian Brinkmann)

Im Hotel stehen Anzugmänner vor einem Tagungssaal und essen zu Mittag. Es gibt Tomaten, aufgeschäumt und in Blöcke geschnitten, mit einem Klecks Basilikum-Pesto auf einer Steinplatte serviert. Manche nippen am Gläschen Wein. Im Saal testet Christian Seidl das Mikrofon, gleich hält er seinen Vortrag. Dann wird sich zeigen, dass dieses Treffen selbst in der sonderbaren Welt der Finanzen außergewöhnlich ist.

Der Kongress in München ist das Jahrestreffen des Verbands BVZL. Hinter dem Kürzel verbirgt sich die Lobbygruppe für den Zweitmarkt von Lebensversicherungen. Hier werden Policen gehandelt, die Verbraucher in Geldnot verkaufen, statt sie beim Versicherer zu kündigen. Die Schlagzeilen der letzten Tage kennen für den Markt noch einen anderen Begriff: Todeswetten. Das wissen auch die knapp 50 Kongressteilnehmer, die jetzt ihr Geschirr stehen lassen und zurück auf ihre Plätze gehen. Auf der Bühne steht Seidl, der beim BVZL-Verband im Vorstand sitzt. Der Beamer zeigt sein Vortragsthema: Todeswetten - anstößig oder smarte Investmentalternative?

Die Antwort ist für Seidl klar. "Wir sind wie ein Zweitmarkt für Autos", sagt er, der seit 2001 eine Firma hat, die vor allem auf US-Lebensversicherungen setzt. Seinen Vortrag hält er in einer Welt, in der statistische Berechnungen der Lebenserwartung wichtiger sind als ethische Zweifel. Die sind kein Thema, sagen Befürworter des Zweitmarkts, sie sprechen stattdessen von einer Win-Win-Situation.

Tatsächlich bietet der Markt Möglichkeiten: Hat etwa ein Verbraucher Geldsorgen, kann er auf die Idee kommen, seine alte Lebensversicherung zu versilbern. Wenn er einfach bei der Versicherung kündigt, muss er herbe Verluste hinnehmen. Da erscheint es attraktiv, an einen Zweitmarkthändler zu verkaufen. Der zahlt etwas mehr als die Versicherung, der Verbraucher bekommt also mehr Geld, und der Händler freut sich ein paar Jahre später, wenn die Lebensversicherung ausgezahlt wird. Hier wird es aber makaber: Er kann sich erst freuen, wenn der Verbraucher stirbt - dann verdient er. Und es geht noch weiter. Haben viele Menschen in Geldnot viele Policen verkauft, kann der Händler die abgekauften Lebensversicherungen zu neuen Finanzprodukten verpacken und diese wiederum Spekulanten anbieten.

Selbst Banker sagen: Todeswetten verletzen die Menschenwürde

Die Deutsche Bank hatte bis vor kurzem sogar einen Fonds im Angebot, der noch schlimmer konstruiert war. Dabei waren gar keine echten Lebensversicherungen mehr im Spiel, sondern eine Referenzgruppe von etwa 500 Menschen in den USA. Starben diese früher als statistisch erwartet, erhöhte sich die Rendite für die Anleger. Der Ombudsmann des privaten Bankenverbands verurteilte den Fonds. "Das ist mit unserer Wertordnung, insbesondere der in ihrem Mittelpunkt stehenden Unantastbarkeit der menschlichen Würde, kaum in Einklang zu bringen", sagte er. Die Deutsche Bank beugte sich der öffentlichen Empörung und stoppte die Todeswette.

Auf dem Kongress wird dagegen weitergezockt. Wir haben mit dem Spekulieren auf den Tod nicht angefangen, sagen die Zweitmarkthändler: Jede Lebensversicherung ist eine Wette auf den Tod. Das erzählt auch Redner Seidl Bekannten, wenn sie zu ihm kommen und entgeistert fragen: Was machst du da eigentlich?

Es stimmt, dass Lebensversicherungen in Deutschland ein Milliardenmarkt sind, Alltag für Millionen. Außerdem sei der Branche ein Allgemeinplatz zugestanden: Auch das Leben ist eine Wette auf den Tod. Nur mit dem Unterschied, dass das Leben nicht 15 Prozent Rendite verspricht.

Wer zockt mit Menschenleben?

Der Zweitmarkt ist ein kaltes Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Gute Deals gehen ab 10.000 Euro los, sagt man in der Branche - für ein Menschenleben. Wer kauft so etwas? Zielgruppe sind vermögende Kunden, die ein Investment suchen, das ein bisschen riskanter ist als eine konservative Lebensversicherung. Die sind in letzter Zeit immer weniger lukrativ. Bei gebrauchten Policen ist der Einstieg schon finanziert, alte Verträge haben oft deutlich höhere Zinsen als jetzige und können zudem steuerfrei sein.

Auch große Investorenhäuser, die Millionen anlegen wollen, könnten sich hier engagieren. Denn die Anlage wirbt mit einem Vorteil, der in der Tat attraktiv ist: Sie schwankt nicht mit der Konjunktur, ist nicht von irgendwelchen griechischen Rettungspaketen abhängig und auch nicht vom Ölpreis. Gestorben wird immer. In den USA investieren große Pensionsfonds in den Zweitmarkt, das heißt in der Konsequenz: Renter gegen Rentner. Wer sich auf diesem institutionellen Markt in Deutschland tummelt, ist kaum zu sagen. Die Unternehmen und ihr Verband, der BVZL, nennen keine Zahlen.

Das todsichere Geschäft hat ein eigenes Vokabular: Im Schnitt sind die Menschen im Pool über 80 Jahre alt, wirbt ein Zweitmarkthändler. Er verspricht lächelnd eine gute Rendite, alles andere wäre ein Wunder. Die Demografie sei auf seiner Seite. Klar, manchmal müsse man sich ein bisschen gedulden. "Wenn die Lebenserwartungshaltung zu aggressiv ist, kann es dauern, bis die Cashs positiv werden." Die ganze Branche sei ein Geheimtipp. So sieht's aus.

Schwarze Schafe mischen den Markt auf

Doch nicht nur ethische Zweifel nagen am Image der Zweitmarktbranche. Der Markt hat noch ein ganz anderes Problem: Abzocker. Die Aufsichtsbehörde Bafin warnte gerade erst in der Financial Times Deutschland: Jede Menge schwarze Schafe tummeln sich im Zweitmarkt, gegen mehr als 60 Unternehmen ermittelt die Bafin. Diese lassen sich Lebensversicherungen geben, zahlen erst nur ein bisschen Geld und versprechen eine fette Rendite in der Zuzkunft. In Wahrheit steckt dahinter ein Schneeballsystem. Der Verkäufer verliert ein Großteil seines Kapitals.

Auch auf dem US-Markt sind Betrüger unterwegs, die Investoren über den Tisch ziehen. Das Wall Street Journal deckte auf, dass bei einem Unternehmen am Ende der versprochenen Laufzeit noch 95 Prozent der Leute lebten. Eine andere Firma wurde im Herbst vom FBI durchsucht. Sie soll Senioren an der Haustür mit Millionen-Versprechen zum Verkauf gelockt haben.

Gute Ankäufer zahlen die gesamte Summe direkt am Anfang aus. In der Regel bieten sie ein bisschen mehr als die Versicherungen, weil sie die Policen weiterhin halten und nicht kündigen.

Verbraucherzentralen bezeichnen den Verband BVZL und seine Mitglieder als seriös. Allerdings raten sie grundsätzlich davon ab, Lebensversicherungen zu kündigen, weil das immer mit herben Verlusten verbunden ist. Das sei nur bei höchster Finanznot denkbar. Verkaufen oder kündigen sind nicht die einzigen Optionen, die Verbraucher haben. Sie können außerdem prüfen, ob sie ihren Vertrag einfrieren und keine oder weniger Beiträge mehr zahlen können, oder sie beleihen ihre Police.

Die Zweitmarkthändler geben sich offen und freundlich - Zweifel bleiben

Der Lobbyverband BVZL will die Branche in einem besseren Licht erscheinen lassen, als eine prima Anlageklasse wie Aktien in Vorzeige-Unternehmen. Dazu predigt er Transparenz, lässt auch Journalisten in den Tempel der Todeswetten. Und sie setzen auf Bildung: Der Verbraucher soll genau wissen, was er da kauft und verkauft.

Doch die Einwände bleiben. Sie hielten den Markt allerdings nicht davon ab, enorm zu wachsen. Bis etwa 2008 boomte die Branche, auch besonders in Deutschland. Bis zu einer Milliarde wurde hier jährlich bewegt. Dann aber brach der Handel plötzlich um etwa 90 Prozent ein, der Markt trocknete total aus.

Doch nicht, weil die Händler plötzlich ethisch handelten. Die Wettanbieter hatten sich ganz einfach verzockt. Das Leben hatte gewonnen: Die Menschen sind nicht so schnell gestorben, wie es die Statistik versprochen hatte. Bis heute bleibt das Marktvolumen auf einem niedrigen Niveau. Den Todeswetten, so scheint es, droht selbst der Tod.