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Wildtiere:Dachs dahoam

Wildtiere wie Marder, Mäuse oder Ratten können in Haus und Garten großen Schaden anrichten. Viele Eigentümer wollen sie daher loswerden. Doch das ist gar nicht so einfach - und oft auch gar nicht nötig.

Von Jochen Bettzieche

Nachts steigt die Party. Wer direkt darunter wohnt, kann nicht schlafen. Oft hilft ein nettes Gespräch mit dem Nachbarn oder eine Anzeige bei der Polizei. Manchmal braucht man aber auch einen Jäger. Dann, wenn nicht Menschen, sondern Tiere wie Marder oder Waschbär eingezogen sind und rumoren.

Wilde Säugetiere sorgen bei Immobilienbesitzern immer wieder für Unmut, nicht nur wegen des Krachs. Manche Arten beschädigen das Haus oder verwüsten den Garten. Vor allem Marder, Mäuse und Ratten schädigen die Bausubstanz, weiß Klaus Edelhäuser, Mitglied im Vorstand bei der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau in München: "Sie rupfen zum Beispiel die Wärmedämmung raus." Oder bauen ihr Nest in Holzweichfaserplatten. Das kann nicht nur teuer, sondern auch gefährlich werden. Denn wenn ein Teil der Elektrik zwischen Wand und Dämmung verlegt ist und Mäuse ein Kabel annagen, kann ein Kurzschluss einen Brand auslösen. Vor allem bei Holzbau und hinterlüfteten Fassaden treten solche Probleme auf.

Ebenfalls unschön ist die "Reinlichkeit" von Waschbären. Die legen eigens Latrinen an, beispielsweise auf dem Speicher. Die ganze Tierfamilie geht an derselben Stelle auf die Toilette. "Wenn das dann durchtropft und im Stockwerk darunter aus der Decke kommt, ist das nicht so schön", sagt Anna Martinsohn, promovierte Forstwirtin und stellvertretende Pressesprecherin beim Deutschen Jagdverband in Berlin.

Einige Schutzmaßnahmen kann man durchaus ergreifen, etwa Zugänge mit Hinterlüftungsgittern und Lochblechen schließen. Edelhäuser empfiehlt, die anfälligen Ecken und Kanten der Dämmung zu schützen. Auch den "Wildtierkletterpark" kann man entschärfen - Manschetten an Regenrinnen und Bäumen in Gebäudenähe verhindern, dass einem die Tiere aufs und unters Dach steigen.

Zerstörte Dämmung, angenagte Kabel - das kann gefährlich werden

Im Garten hinterlassen andere Säuger ihr Spuren. Wildschweine pflügen auf der Suche nach Nahrung mit ihrem Rüssel durch die Wiese. Dachse buddeln Pflanzen aus und reißen Hochbeete auseinander. Füchse freuen sich über Hühner, Meerschweinchen und Kaninchen. "Nirgendwo finden Tiere so viele Erdbeeren auf einem Haufen wie in einem Nutzgarten", sagt Magnus Wessel, Leiter Naturschutzpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland in Berlin. Oder, wenn's um den Fuchs geht, eben Kaninchen. Besitzer müssen daher ihre Haustiere schützen, wenn Wildtiere in der Nähe sind. "Hühner, Kaninchen und Meerschweinchen gehören abends in den Stall", sagt Ruth Petermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet zoologischer Artenschutz beim Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Genaue Zahlen darüber, wie viele Wildtiere derzeit in Siedlungsgebieten leben, gibt es nicht, aber Tendenzen. So wurden 1998 etwa 250 000 Wildschweine geschossen, 2018 knapp 600 000, sagt Sophia Kimmig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin: "Bei den Waschbären stieg die Zahl in diesem Zeitraum von 6014 auf 166 554." Bei Füchsen hingegen seien die Abschusszahlen rückläufig, was auch an einem geänderten Verhalten der Jäger liegen könne. Seit 2008 gilt die von den Tieren übertragene Tollwut in Deutschland als ausgerottet. Die Gefahr, sich einen Fuchsbandwurm zu holen, bezeichnet Wessel als minimal.

Waschbären könnten sehr selten Spulwürmer übertragen, sagt Kimmig. Grundsätzlich gelte: "Wir sind Säugetiere, die sind Säugetiere, also können wir uns potenziell gegenseitig mit Krankheiten anstecken, das passiert aber nicht zwingend." Zoonosen heißen Infektionen, die von Tieren auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden. Fledermäuse könnten nach wie vor Tollwut haben, andere Arten als Füchse, aber selten. Daher sollte man die Tiere nur mit dicken Handschuhen anfassen. Töten darf man sie nicht. Fledermäuse sind geschützt. Ebenso andere Arten wie Siebenschläfer und Haselmaus. Ein Baumschläfer wurde zum letzten Mal 2010 in der Nähe von Rosenheim beobachtet. Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes verbietet es, geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu töten oder auch nur zu stören. "Wenn also der Siebenschläfer unter meinem Dach wohnt, dann wohnt der zunächst mal da", stellt Petermann klar.

Bei Füchsen, Dachsen, Steinmardern, Wildschweinen und Waschbären ist das anders. Aber Vorsicht: Die Tiere unterliegen dem Jagdrecht. Wer Maßnahmen ergreifen will, sollte sich an die zuständige untere Naturschutzbehörde wenden. Die gibt Tipps oder vermittelt den Kontakt zu einem Jäger. Großstädte haben oft Stadtjäger, aber auch die rücken zum Beratungsgespräch nicht mit dem Gewehr an. "Städte und Siedlungen sind befriedete Bezirke, dort herrscht Jagdverbot", erklärt Jägerin Martinsohn. Es gehe eher um Kommunikation, Mediation und Aufklärung, beispielsweise darum, wie man verhindert, dass ein Waschbär ein wohliges Heim vorfindet und sich einnistet. Nur die Stadtjäger dürfen auch Tiere entnehmen.

Eine Falle aufzustellen, sei die letzte Maßnahme, erläutert Martinsohn: "Für einen Waschbären als invasive Art bedeutet das auch den sicheren Tod." Denn einmal gefangen, darf man diese Tiere nicht mehr freilassen. Außerdem könne man zwar einen Waschbären entfernen, aber bald richte sich an dieser Stelle der nächste ein. Die Tiere riechen, wenn dort bereits ein Artgenosse gewohnt hat. "Wenn Sie einmal so einen Waschbären auf dem Dachboden haben, werden sie die Tiere nicht mehr los", sagt Martinsohn.

Füchse hingegen könne man problemlos vertreiben. Finden die im Garten keine Komfortzone mehr vor, verschwinden sie. Auch Elektrozäune seien in der Stadt erlaubt, um Wildtiere fernzuhalten. Voraussetzung sei ein Warnschild für Passanten.

Aber die Jägerin bevorzugt eine andere Vorgehensweise: "Kaufen Sie sich ein Teleobjektiv, lehnen Sie sich im Sessel zurück und fotografieren Sie die Tiere." Zuschauen statt bekämpfen lautet die Devise.

Umweltschützer Wessel unterstützt diese Sichtweise: "Menschen und Tiere leben seit Jahrtausenden zusammen, das kann organisiert werden und muss nicht immer im Tod der Tiere enden." Und das Zusammenleben von Mensch und Tier habe auch Vorteile - jede Fledermaus verschlinge pro Tag mehrere Tausend Mücken, Marder jagten erfolgreich Mäuse. Es gebe nur eine unbestreitbare Grenze beim Zusammenleben: Sicherheit und Gesundheit des Menschen.

Wildtier und Eigentümer - das muss nicht unbedingt ein Konfliktverhältnis sein

Wer keine Tiere in Haus und Garten haben will, sollte ein paar Dinge beachten: die Mülltonnen verschlossen halten, nicht kompostieren, Fallobst ständig aufsammeln, kein Futter für Hund, Katze oder Igel hinstellen. Für alle Wildtiere gelten einfache Grundregeln: Abstand halten, nicht füttern, nicht streicheln. Sonst kann es zu Missverständnissen kommen. "Keinesfalls sollte man Dachs, Fuchs Wildschwein und Co. in die Ecke drängen, um ein niedliches Foto zu machen", warnt Biologin Kimmig.

Statt nur die Bausubstanz zu schützen, sollten die Planer schon an solche Details denken, meint Edelhäuser: "Nur dann ist die Planung korrekt." In diese Richtung geht der Ansatz "Animal-Aided Design". Er geht auf den Landschaftsarchitekten Thomas Hauck und den Biologen Wolfgang Weisser zurück. Gemeinsam haben sie die Bedürfnisse von Wildtieren analysiert und überlegt, wie sie schon bei der Planung in Haus und Garten integriert werden können. Die Grundidee ist, den Konflikt zwischen Planung und Naturschutz zu beenden, erläutert Weisser: "Oft sieht man Tiere in den Bildern, mit denen für ein Bauprojekt geworben wird, zum Beispiel einen fliegenden Vogel. Landschaftsarchitekten planen aber generell nicht mit Tieren, sondern mit Pflanzen, und die Tiere werden in das Bild eingefügt, ohne dass man sich Gedanken darüber macht, ob diese Tiere wirklich dort leben können."

Gehe ein Tier in die Dämmung, dann habe der Mensch etwas gemacht, was dem Tier gefalle. "Das ist schlechte Planung", kritisiert Weisser. Stattdessen könnten Architekten beispielsweise in Gebäudefassaden Fledermaushöhlen integrieren und in Bodennähe Bereiche für Höhlenbewohner einrichten. Weisser spricht analog zur Fassadenbegrünung von der Fassadenbetierung, einem Begriff, den seine Studenten geprägt haben.

Nicht jeder sieht Wildtiere als lästig an. Manche Menschen würden sich sogar darüber freuen, wenn welche bei ihnen wohnen. Ruth Petermann vom Bundesamt für Naturschutz zum Beispiel: "Also ich fänd's schön zu sagen, cool, der Dachs ist in meinem Garten."

© SZ vom 10.10.2020

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