Wahlkampf des Notenbankchefs:Bernanke auf allen Kanälen

Weg vom Schweigen, hin zum Volk: Zum ersten Mal in der Geschichte der US-Notenbank Fed stellt sich der Chef einer Bürgerfragestunde. Ben Bernanke muss kämpfen für eine zweite Amtszeit.

Moritz Koch, New York

Einer will wissen, warum die Notenbank große Finanzkonzerne rettet und den Mittelstand hängen lässt. Ben Bernanke hat die Hände im Schoß gefaltet und sitzt vor einer hohen Fensterwand, neben ihm ein Kaffeebecher und Moderator Jim Lehrer. Es ist die erste Bürgerfragestunde in der Geschichte der Federal Reserve.

Ben Bernanke, AP

"Es widert mich an." Ben Bernanke schießt bei der ersten Bürgerfragestunde der Fed hart gegen Unternehmen, "die wilde Wetten eingegangen waren". Er muss seine Worte anders wählen als sonst - denn der Fed-Chef ist im Wahlkampf.

(Foto: Foto: AP)

Am Sonntag wurde sie in Kansas aufgezeichnet, am Montagabend im Fernsehen ausgestrahlt. Bernanke wägt seine Worte nicht erst lange ab. "Es widert mich genauso an, wie es sie anwidert," antwortet er. "Nichts macht mich wütender als die Notwendigkeit zu intervenieren, insbesondere in den Fällen, in denen Unternehmen wilde Wetten eingegangen waren."

Der Revolutionär der Fed

Mit den beispiellosen Markteingriffen der vergangenen Jahre hat Bernanke die Politik der Fed revolutioniert, er hat die Leitzinsen auf Null gesenkt und Rekordmengen von Geld in die Wirtschaft gepumpt.

Nun stellt er auch noch die Öffentlichkeitsarbeit der einst für ihre Verschwiegenheit berüchtigten Institution auf den Kopf. Man kann es auch sagen: Bernanke macht Wahlkampf.

Seit Anfang vergangener Woche ist er in eigener Sache unterwegs. Ein langes Interview im Fernsehkanal CBS machte den Anfang. Bernanke führte die Zuschauer durch seinen Heimatort Dillon in South Carolina, wie es sonst nur Politiker tun, die ihre Volksverbundenheit beweisen wollen.

Es folgten Meinungsbeiträge in Tageszeitungen, in denen er seine Politik erläuterte, und Auftritte vor dem Kongress, in denen er beschrieb, wie die Fed zur Normalität zurückkehren und Inflation verhindern will.

Obama entscheidet über seine Zukunft

Bernanke kämpft um seinen Job. 2006 wurde der Princeton-Professor, dessen Spezialgebiet die Große Depression ist, von dem damaligen Präsidenten George W. Bush ins Amt gehoben. Innerhalb der kommenden Monate muss Bushs Nachfolger Barack Obama entscheiden, ob er Bernanke eine zweite Amtszeit gewährt.

Andernfalls ist für Bernanke im Januar 2010 Schluss. Die Vorbehalte gegen Bernanke sind groß, obwohl er von Experten, darunter der mäkelige Nouriel Roubini, für sein Krisenmanagement gelobt wird. Doch viele Amerikaner haben das Vertrauen in ihre Notenbank verloren.

Je nach politischer Färbung glauben sie entweder, dass die Fed mit den Großbanken im Bunde stünde und Bernanke nur seinen Kumpels von der Wall Street helfe, oder dass die Fed die Marktwirtschaft abschaffen wolle und Bernanke im Gleichschritt mit Obama das Land in den Sozialismus führe.

Das Ende der Unabhängigkeit

Die Politiker haben die Stimmung im Volk längst erkannt. Mehr als 250 Kongressabgeordnete wollen die Fed einer schärferen Kontrolle unterwerfen. Das, warnt Bernanke, wäre das Ende der Unabhängigkeit der Zentralbank.

Auch die Regierung und Bernanke haben Differenzen. Der Fed-Chef lehnt eine von Obama geplante Behörde ab, die Finanzprodukte auf ihre Verbraucherfreundlichkeit testen soll. Die Regierung kritisiert: In den Jahren vor der Krise habe die Fed kaum etwas gegen die zwielichtigen Praktiken auf dem amerikanischen Immobilienmarkt unternommen, auch nicht unter Bernankes Regie.

© SZ vom 28.07.2009/kfa/tob
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