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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (43):Ein echter Wiener geht unter

Der Jetsetter Wolfgang Flöttl spielte mit Milionenbeträgen der österreichischen Gewerkschaftsbank Bawag - und verlor. Trotzdem muss er nur zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Alexander Mühlauer

Es ist nicht leicht, beim Gehen den Boden mit den Füßen zu berühren - zumindest nicht für einen, der eben erst gelandet ist in New York nach elf Stunden Flug, dann schnell weiter in die Hamptons gefahren ist, seine Schuhe ausgezogen hat und nun barfuß über den Strand spaziert. Es ist, als schwebte oder glitte man über den Sand des Ufers, an dem man soeben gestrandet ist.

Beim Prozess um Österreichs größten Bankenskandal in Wien kommt Wolfgang Flöttl glimpflich davon.

(Foto: Foto: dpa)

Kann gut sein, dass Wolfgang Flöttl an Momente wie diesen denkt, als er, 53, durchgeschwitzt, im überfüllten Marmorsaal des Großen Schwurgerichts zu Wien seinem Urteil lauscht. In den Hamptons hatte er ein Haus und seine Yacht "Anne Barbara", benannt nach seiner Frau, der Enkelin von US-Präsident Eisenhower. Sie steht oben auf der Galerie des Marmorsaals, Flöttl dreht sich immer wieder nach ihr um. Es ist Freitag, der 4. Juli 2008. Nach 354 Prozesstagen weiß Flöttl endlich, woran er ist.

Nie hätte der Wiener gedacht, dass er einmal hier landen würde. Er, der dem Geruch des Geldes verfiel, ihn sein Leben lang auskostete und nie wollte, dass dieser jemals verfliegt. Jetzt schmeckt es ihm nicht mehr. Auf die Frage nach seinem Besitz antwortet Flöttl der Justiz: "Vermögenslos." Das Geld ist weg. Nicht nur sein eigenes. Mit Yen-Spekulationen verspielte Flöttl 639 Millionen Dollar der Wiener Gewerkschaftsbank Bawag und löste damit den spannendsten Wirtschaftskrimi der österreichischen Nachkriegsgeschichte aus.

Milliarden Dollar Spielgeld

Die Flöttl-Story beginnt im Manhattan der Achtziger. Auf dieser Insel zwischen Hudson und East River heuert der Harvard-Absolvent Anfang der Achtziger bei der Investmentbank Kidder, Peabody & Co. an. Nach Lehrjahren im Finanzroulette der Wall Street macht er sich 1987 mit dem Hedgefonds Ross Capital Markets selbständig. Es ist ein undurchsichtiges Geflecht an Tochter- und Schwestergesellschaften. Zu dieser Zeit entstehen etwa 100 Hedgefonds im Jahr. Nur zehn Prozent überleben. Wer ein guter Händler ist, und Flöttl ist ein verdammt guter, schafft es, 100 bis 200 Millionen Dollar von privaten Investoren einzusammeln. Hat er das Geld, kann er bis zum Zwanzigfachen Kredit aufnehmen. Das heißt: zwei bis vier Milliarden Dollar Spielgeld.

Flöttl bekommt das Geld von seinem Vater Walter - er ist der allmächtige General der österreichischen Arbeiterbank, einem Institut, das, so sein Gründer Karl Renner, ein "Hilfsmittel im Befreiungskampf der Arbeiterschaft" sein sollte. Seit 1963 heißt sie Bank für Arbeit und Wirtschaft, kurz Bawag. Das Geldhaus des kleinen Mannes soll möglichst günstige Spar- und Kreditkonditionen bieten, zugleich verlangt ihr Eigner, der Österreichische Gewerkschaftsbund, ein Maximum an Rendite. Um diesen Spagat zu halten, überlässt Kammer- und Kommerzialrat Walter Flöttl seinem Sohn Wolfgang die Bawag zum Spielen.

Vater Walter ist, so erzählen es sich die Wiener im Kaffeehaus, gierig und geizig. Er fährt drei Dienstautos, wohnt in einem zweistöckigen 600-Quadratmeter-Penthouse in der Wiener Innenstadt, das der Bawag gehört. Später kauft er es seinem Arbeitgeber zum Spottpreis ab, denn "da sind ja so viele finstere Gänge drin". Walter Flöttl ist stolz auf seinen Sohn in Amerika und den damals noch seltenen Titel, den er führt: Master of Business Administration.

Keiner weiß, dass der Vater dem Sohn knapp zwei Milliarden Euro für Spekulationsgeschäfte überweist. Das Gericht wird die Geschäfte einmal "Karibik eins" nennen. Sie sind illegal, haben aber zwei Vorteile: Sie machen die Bawag reich, und sie machen die Flöttls reich. Als die wundersame Geldvermehrung auffliegt, dementiert Vater Walter alles. So lange, bis er nicht mehr kann. Bis die Beweise glaubhafter sind als seine Lügen. Doch die Staatsanwälte winken ab, es sei doch kein Schaden entstanden. Die Familie Flöttl, schreibt das Wiener Nachrichtenmagazin Profil, "konnte sich wieder in der ruhigen Gewissheit zurücklehnen, dass es keiner mehr wagen würde, ungefragt und ungebeten in ihre Kreise einzudringen". Trotzdem: Seinen Sohn Wolfgang als Wunschnachfolger an der Bawag-Spitze kann Walter Flöttl nicht mehr durchsetzen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Flöttl Millionen verspekuliert - und trotzdem vor Gericht glimpflich davon kommt.

Ein echter Wiener geht unter

Bawag leugnet Beteiligung

Ihm folgt Helmut Elsner, genannt Marcel. Der Verteidiger eines Bawag-Vorstandes wird vor Gericht sagen, eben dieser Elsner sei "der Ziehvater des Patriarchensohns Wolfgang Flöttl" gewesen. Marcel und Wolfi fahren gemeinsam in den Urlaub, jetten in Flöttls Privatflugzeugen um den Globus und essen Hummer und Austern in den nobelsten Hotels der Welt.

1995 beginnt Elsner wieder damit, Karibik-Geschäfte anzuleiern. Flöttl wird vor Gericht aussagen: "Ja, wir haben spekuliert, aber wir durften das auch tun!" Elsner wird sagen: "Der größte Fehler meines Lebens war, Flöttl vertraut zu haben. Heute weiß ich, dass es falsch war, Flöttl Geld zu geben. Die Bawag hat nicht durchschaut, dass die Risikoabdeckung nicht reicht." Genau das ist die Frage, die das Gericht beschäftigt: Was weiß die Bawag von den Spekulationsgeschäften Flöttls?

Es gibt da ein zentrales Dokument. Aus dem Protokoll einer Vorstandssitzung vom Oktober 1998 gehe, so die Vorsitzende Richterin, eindeutig hervor, dass die aufgetretenen Verluste geheim gehalten werden sollten - und der Vorstand mit den höchst spekulativen Geschäften weitermachen wollte. Es habe keine Absicherung des Kreditausfall-Risikos gegeben, es sei durch unrichtige Darstellung bewusst verharmlost worden. Bawag-Chef Elsner habe von Flöttl verlangt, dass dieser "aggressiv und risikoreich" anlege. Vor Gericht wird Elsner nichts mehr davon wissen wollen: "Aus heutiger Sicht besteht der Eindruck, dass wir Wahnsinnige waren, die einem Wahnsinnigen vertraut haben."

Der Wahnsinnige heißt Wolfgang Flöttl und wettet mit dem Vermögen der einstigen Arbeiterbank auf den fallenden Yen. Doch die japanische Währung steigt. Im Oktober 1998 hat Flöttl 639 Millionen Dollar der Gewerkschaftsbank in den Sand gesetzt. Um sich und seinen Ruf als glänzender Spekulant zu retten, sichert er die Verluste mit seinem Privatvermögen ab.

Retter der Kunstbranche

Und davon gibt es genug. Noch. Ihm gehört das Apartment 8/9B in der 740 Park Avenue. Dort residierten einst die Rockefellers und Vanderbilts; Jackie Kennedy wuchs hier auf. Dieser Luxus ist Flöttl acht Millionen Dollar wert. Er und seine Frau Anne Barbara ziehen aber nie ein. "Es war einfach zu groß", sagt sie. Dafür wohnen die beiden zwei Blocks weiter, auch nicht gerade schlechter, und haben ein Sommerhaus in den Hamptons, Butler, eine Yacht, teure Autos und zwei Gulfstream-Jets.

Auch in der New Yorker Kunstszene kennt man Flöttl. Er ist, so heißt es beim Auktionshaus Sotheby's, der Retter einer Branche, deren Markt nach einer beispiellosen Hausse wie eine Blase geplatzt war. Flöttl tritt als Mr. X auf und kauft Werke von Picasso, Degas und Zeitgenössisches von Jasper Johns und Willem de Kooning. Der talentierte Mister Flöttl ist fester Star der "Inside Art"-Kolumne der New York Times. Zu Recht: Flöttl macht Riesengeschäfte. Cézannes "Jeune fille italienne se reposant" verkauft er 2003 für etwa 50 Millionen Dollar an das Getty-Museum in Los Angeles; bezahlt hatte er dafür nicht einmal die Hälfte. Und Picassos Frauenporträt "Le rêve", ersteigert für 48 Millionen Dollar, verkauft er an den Casino-Unternehmer Stephen Wynn für 62 Millionen. Not bad.

Als die Höhe der Bawag-Gesamtforderungen gegen Flöttl schließlich 1,9 Milliarden Euro beträgt, vermerkt ein Prüfbericht der Bankenrevisionsabteilung der Österreichischen Nationalbank lakonisch: "Es stellt sich in diesem Zusammenhang die (...) Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass ein erfahrener Portfoliomanager wie Wolfgang Flöttl über Jahre hindurch jedes ihm anvertraute Geld in den Totalverlust führt." Die Nationalbank sollte recht behalten. Das Geld ist weg. Am 4. Juli 2008 wird Ex-Bawag-Chef Elsner zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Flöttl bekommt zweieinhalb Jahre - wegen Beihilfe zum Betrug. Keine harte Strafe, das weiß auch die Richterin. Es gebe eben einfach keine Hinweise, dass Flöttl Geld eingesteckt habe. Tja.

© SZ vom 25.11.2008/ld/mel

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