Damien Hirst-Versteigerung Ich bin Kunst

Der Kunstmarkt als Kunstwerk: Der britische Künstler Damien Hirst bietet bei Sotheby's in London rund 223 seiner Arbeiten zum Gesamtpreis von 65 Millionen Pfund an.

Von H. Liebs

"Fatboy Slim is fucking in heaven" - klingt nicht unbedingt wie ein Lob. Eher wie eine Nachricht: Dem Mann geht's verdammt gut. Ihm kann keiner was. Der DJ und Musiker Fatboy Slim muss es wissen. Der Satz stammt von ihm selbst. So ähnlich funktionieren die Bewunderungsepisteln, die derzeit, im Vorfeld der Auktion "Beautiful Inside My Head Forever" bei Sotheby's in London am Montag und Dienstag, auf Damien Hirst gedichtet werden. Im Grunde hat sie der Künstler, die unumstrittene Majestät des gegenwärtigen Kunstbetriebs, selbst hervorgebracht und gestreut.

Das Staunen über Hirst will kein Ende nehmen. Und es ist ja auch staunenswert, dass es da ein Künstler geschafft hat, an den ihn vertretenden Galerien vorbei, ohne Garantiesummen des Auktionshauses, aber auch ohne Kommission für seine eingelieferten Werke zu bezahlen, im Direktverkauf veritable 223 Arbeiten, sämtlich aus dem Jahr 2008, für einen geschätzten Gesamtwert von 65 Millionen Pfund anzubieten.

Zehn Räume von Sotheby's füllen eingelegte Tiermumien - darunter ein goldenes Kalb, ein Einhorn, ja, auch ein Schwein mit Flügeln - sowie Brillant-Schmetterlinge, Pillenregale, Zigarettenkippen in Reih und Glied oder eine Statue aus Carrara-Marmor, die Einblicke in ihre Anatomie offenbart. Eine Instant-Museumsretrospektive, die keine Entwicklungsphasen, keine historischen Chronologien oder Vergleichsbeispiele kennt, die im Jetzt verharrt, hysterisch an die Hysterien des Kunstmarktes gebunden. Eine Fabrikproduktion des Planeten Hirst, der kein Außerhalb kennt, der in sich selbst und seinen Formaldehydkadavern ruht.

Und weil das so ist, weil Hirst ein unabhängiger Unternehmer ist, dessen Reichtum den der berühmtesten Kollegen - Jeff Koons, Takashi Murakami - weit überschreitet, kann und darf er sich auch den Rest der Kunstwelt mal eben so im Vorbeigehen einverleiben. Hirst macht aus seiner grotesken Ausverkaufsaktion, von der manche vermuten, sie lasse das System nun endgültig abstürzen, eine Art konzeptuelles, prozessuales Kunstwerk. Oder besser: Hirst agiert, wie es Künstler seit eh und je tun.

Nur dass dies nicht mehr nur auf der Leinwandfläche oder am Marmorblock geschieht. Vielmehr zielt Hirsts Akt der Subversion auf den gegenwärtigen Status quo: die hysterischen Bietergefechte russischer Oligarchen, die nicht endenwollende Preisspirale, die Lifestylisierung der Kunst, die damit einhergehende Aufmerksamkeitsökonomie, die Rekordpreise und ihre Schlagzeilen sowie die traurige Sehnsucht der Museen, die zum Zuschauen verdammt sind, weil sie finanziell nicht mehr mithalten können.

Wir sehen nur seine Fersen

Hirst zieht alle Register, damit am Ende überall nur noch ein Name kursiert: seiner. Und darf als Mitnahmeeffekt verbuchen, dass er nun als Galionsfigur des aus den Ketten des Marktes befreiten Künstlers gepriesen wird, während der Diamantenschädel aus seiner Hand bald durch die berühmtesten Museen der Welt tourt. So haben alle etwas davon - am meisten Hirst selbst. Hieß es bei Beuys noch, jeder Mensch sei Künstler, und bei Kippenberger, jeder Künstler sei auch Mensch, so heißt es bei Hirst nun: Die Kunst bin ich.

Das Verblüffendste aber ist, trotz dieser Abgefeimtheit, trotz all den strategischen Manövern - Hirst lässt sich seit langem unternehmerisch beraten - funktionieren seine Werke auch als Kunstwerke im traditionellen Sinn. Es ist unfassbar süßlicher Kitsch dabei, aber auch grelle, grandiose Kälteschocks. Der Totenkopf ist jetzt schon ein Symbol unserer Zeit. Und wenn die Auktion tatsächlich in die Hosen geht? Dann ist Hirst, wie immer, längst weit weg.