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Städtebau:Gemüse statt Granaten

Der Architekt Ekhart Hahn will aus dem einstigen Militärstandort Wünsdorf die erste multikulturelle Öko-Siedlung der Welt machen. Doch die Stadt ist dagegen.

Von Steffen Uhlmann

Illu Eco City

Grüne Vision: In der geplanten Siedlung sollen die Menschen auch ausgebildet werden. Die Ökologie soll dabei eine wichtige Rolle spielen. Illustration: Joaquin Busch

Ekhart Hahn macht es spannend, wenn er über die Stadt spricht, die er bauen will. Der Architekt, Raumplaner und Siedlungsökologe aus Berlin plant eine Eco City, die Lösungen für Klimawandel, Flucht und Migration zugleich bietet und damit Antworten auf die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts liefern soll. Darunter will er mit seiner Stadt nicht bleiben. "Es sind nicht zuletzt die Städte, die sich radikal neu erfinden müssen", sagt Hahn. "Schon weil sie immer mehr zum Lebensraum der Menschen werden."

Schon jetzt leben mehr als ein Fünftel der derzeit etwa 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde in Städten - Tendenz steigend. Die Weltbevölkerung wird sich nach Berechnungen der Vereinten Nationen in den nächsten Jahrzehnten auf zehn Milliarden Menschen erhöhen, fast 70 Prozent (7,5 Milliarden) von ihnen werden dann in Städten leben. Damit wird der städtische Lebensraum immer mehr zum Aktionsfeld für Klima- und Landschaftsschutz, aber auch für einen neuen kulturellen und sozialen Lebensstil seiner Bewohner.

Hahn ist viel herumgekommen in seinem Leben. In Stettin geboren, in Niedersachsen aufgewachsen, hat er in West-Berlin an der Technischen Universität studiert, um bald danach in der halben Welt, vor allem aber in China unterwegs zu sein. Mitte der Siebzigerjahre war das, fast immer im Auftrag des Entwicklungsministeriums. So wurde er Dozent an diversen chinesischen Universitäten. Sein Lehrauftrag schon damals: die umweltbezogene Siedlungspolitik. Ein Thema, das ihn nicht mehr loslassen sollte und ihn auch als Wissenschaftler international bekannt gemacht hat. Zum Beispiel in Japan, wo er ebenfalls viele Jahre lehrte und heute noch Vorträge hält, genauso wie an der Hochschule in Wismar, wo der 77-Jährige als Honorarprofessor lehrt.

Sein eigentliches wissenschaftliches Aktiv-Zentrum aber hat der Hochschullehrer nun in seinem Berliner Townhouse im Kreuzberger Viktoriapark eingerichtet. Dort treibt er seine Vision von einer weltweit einzigartigen ökologischen Modellstadt voran, verbunden mit einer internationalen Labor-, Bildungs- und Ausbildungsstadt. Bauen will er sie gleich "nebenan", in Wünsdorf, 40 Kilometer südlich von Berlin. Ausgerechnet da, wo über Jahrzehnte das Militär herrschte und Wünsdorf zur verbotenen Stadt machte. Zunächst ließ die Kaiserliche Heeresleitung hier ihr Stammlager erbauen, mit Infanterieschule, Kasernen und Truppenübungsplätzen. Seitdem wurde der Ort auch offiziell zur Militärstadt ernannt, die ab 1935 von den Nazis erst zum Oberkommandostandort des Heeres und später der ganzen Wehrmacht erkoren wurde. Wieder wurde gebaut und gebuddelt. Unter den Tarnbezeichnungen "Maybach I" und "Maybach II" sowie "Zeppelin" wurden für den Führungsstab und seiner Nachrichtenzentrale Bunker und Tunnel in den brandenburgischen Sand betoniert und gegraben.

Ekhard Hahn

Der Visionär: Ekhart Hahn, 77, gilt als Pionier des ökologischen Städtebaus und Stadtumbaus. Die Stadtentwicklung des neuen post-industriellen Zeitalters wird zu einer Renaissance der Nachbarschaften und Quartiere führen, prophezeit der Architekt.

(Foto: oh)

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs rückte dann der Führungsstab der sowjetischen Streitkräfte an. Von Wünsdorf aus wurde die finale Schlacht um Berlin befehligt. Später besetzte das gesamte Oberkommando die Stadt. Wünsdorf wurde nach und nach zur größten Garnison der russischen Armee ausgebaut, mit Kasernen, fünf- und sechsstöckigen Wohnhäusern, Sportanlagen, Schulen, Schwimmbädern, Kulturhäusern und Kinos. Alles auf einer Fläche von etwa 600 Hektar, fast dreimal so groß wie der Berliner Tiergarten. Für DDR-Bürger aber blieb die Stadt weitgehend versperrt. Erst mit der deutschen Einheit und nach langwierigen Verhandlungen zogen die Russen ab. Im September 1994 gingen die letzten von ihnen. Zurück blieb ein heruntergekommener Ort, teilweise vermint und weitgehend leer. Ohne die sowjetischen Truppen wurde die Stadt zum großen Dorf mit nicht einmal mehr 3000 Einwohnern. Heute leben mehr als doppelt so viel Menschen in Wünsdorf. Und nach Hahns Plänen werden 10 000 Menschen hinzukommen, allesamt Bewohner seiner künftigen ökologischen Modellstadt, die der Nukleus für ein weltweites Netzwerk klimaunschädlicher Kommunen sein soll. "Wir verwandeln die einstige Militärstadt in eine internationale Campus-, Öko- und Friedensstadt", sagt er. "Zumindest auf knapp 100 der 600 Hektar."

Woher das Geld für das Milliardenprojekt kommen soll, ist bisher unklar

Wünsdorf soll zur internationalen Campusstadt werden, in der junge Menschen aus Krisengebieten, Deutschland und anderen europäischen Ländern gemeinsam ausgebildet werden, dort zusammen wohnen, leben und arbeiten sollen. Hahn glaubt, dass die Flüchtlinge nach ihrer Ausbildung fast alle wieder in ihre Heimatländer zurückkehren werden, um dort dann im Sinne seiner Vision Aufbauarbeit zu leisten.

Der Platz für das Projekt ist da; allein die ehemalige Panzerhalle - 120 Meter lang wie breit und 90 Meter hoch - habe nach dem Umbau auf mehreren Etagen genug Fläche für Seminarräume und Lehrwerkstätten, erklärt Hahn. Der ehemalige "Kulturpalast" der Russen wiederum soll ein interkulturelles Zentrum für Lernende und Lehrende der verschiedenen Glaubensrichtungen werden.

Zugleich werde Eco City zur Gartenstadt, erklärt Hahn. "Mit weitläufigem Gartenland, mehreren Hektar großen Gewächshäusern für Gemüse, Obst und Beeren." Hinzu komme ein Netz von Wasserläufen, Teichen und Fischzuchtanlagen. Autos dürften dagegen nicht hinein in die Gartenstadt. Beförderung und Transport von Versorgungsgütern werde durch Lastenfahrräder und Elektromobile abgesichert. Die Bewohner wiederum werden in lichten Öko-Häusern wohnen. Die Stoff- und Energiekreisläufe bleiben in Hahns Modellstadt geschlossen. Wärme kommt mittels Pumpe aus der Erde, Strom wird mit Hilfe der Sonnenkraft erzeugt, Grund- und Oberflächenwasser fließen in die Kreislaufwirtschaft ein. "In der Eco City werden sämtliche Kreisläufe und Ströme permanent kontrolliert, neu aufbereitet und wieder in den Kreislauf des Stadtorganismus zurückgeführt", sagt der Professor. "Gestützt durch ein Smart Grid System, also durch intelligente Stromnetze beziehungsweise hocheffiziente Energiespeicher."

Hahn hat 2016 den Verein ICEC (International Campus Eco City) gegründet, der Lobbyarbeit für sein Projekt betreibt und bei dem ein Stab von Experten mitarbeitet: Landschaftsarchitekten und Siedlungsplaner, Experten für ökologische Landwirtschaft, Architekten und Klimaaktivisten. Hahn hat Kontakte zu Bundes- und Landespolitkern aufgebaut. Auch Künstler, so die Schauspielerin Eva Mattes, bekannt als Tatort-Kommissarin Klara Blum, unterstützen sein Projekt. "Auch diverse Unternehmen aus der Region und darüber hinaus sind jetzt bereit mitzuwirken", freut sich Hahn. "Schon aus Imagegründen."

Nur die Wünsdorfer selbst beziehungsweise die Stadtverordneten von Zossen - Wünsdorf ist ein Ortsteil der Stadt Zossen - hat Hahn noch nicht hinter sich bringen können. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das alsbald ändern wird. Im Gegenteil, vor Weihnachten haben die Stadtverordneten in namentlicher Abstimmung über das Hahn-Projekt entschieden und es abgelehnt. "Mehrheitlich gegen uns", sagt Hahn nüchtern und zeigt dafür sogar ein gewisses Verständnis. Schließlich seien in der Vergangenheit schon so manche Luftschlösser geplatzt, die selbstherrliche Investoren der Zossener Kommune versprochen hatten. Nach der deutschen Einheit hatten die Anwohner auf die Bundeswehr gesetzt, die aber wenig Interesse an den weitläufigen Militär-Hinterlassenschaften zeigte. Dann scheiterte das Vorhaben, aus Wünsdorf eine Wohnstadt für Berliner Beamte zu machen, ebenso der geplante Bau eines "Weltwirtschaftparkes". Und schließlich platzte auch der Aufbau eines Sport- und Gesundheitszentrum, das nach Berechnungen der Investoren etwa 1,6 Milliarden Euro gekostet hätte. Blieb die Idee von einer Bücherstadt, die man aus Großbritannien importiert hatte. Sie wurde auch schnell angegangen, versandete aber bald mangels Fördergeld. Ein paar Antiquariate haben überlebt und künden heute noch von dem Versuch, zur bibliophilen Schatzkammer Berlins aufzusteigen.

Überhaupt Geld, bisher hat Hahn weder kritische Kommunalpolitiker noch argwöhnische Anwohner konkret darüber aufklären können, aus welchen Quellen die Investitionsgelder für das Milliardenprojekt Eco City fließen werden. Bislang sind noch nicht einmal die circa 30 Millionen Euro sichergestellt, die für den Ankauf der Flächen benötigt werden. Wenn sie denn überhaupt noch erworben werden können, weil auch andere Investoren sich inzwischen dafür interessieren. Hahn aber ist sich sicher, dass die Öko-Stadt-Initiatoren es schaffen werden, nötiges Startkapital einzuwerben, nicht zuletzt von der öffentlichen Hand. Auch glaubt er fest daran, dass private Investoren seine Idee aufgreifen und in das kühne Projekt einsteigen werden. Die Idee von einer dezentralen ökologischen Modellstadt, deren Bewohner klimaneutral Produzenten und Konsumenten zugleich seien, "passe perfekt in diese Zeit", ist er überzeugt und zuckt mit den Achseln. "Die Stadt wird gebaut, wenn nicht in Wünsdorf, dann irgendwo anders in Deutschland oder gar in der Welt."

© SZ vom 11.01.2020
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