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Société Générale: Der Fall Kerviel:"Ich sitze in der Scheiße"

Ein Mann und fast fünf Milliarden Euro Schaden: Der Prozess um den Ex-Banker Jérôme Kerviel beginnt - sein Ausgang ist völlig offen. Der Prozess wird ein Lehrstück über die Kunst des Wegschauens sein.

Selbst dem großen Jean-Marie Messier stiehlt er die Schau, im negativen Sinne. Alle interessieren sich nur für ihn, Jérôme Kerviel, den geschassten Börsenhändler, der seinen Arbeitgeber, die französische Großbank Société Générale, in Verruf brachte.

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Jérôme Kerviel, 33 Jahre alt und ehemaliger Börsenhändler der französischen Großbank Société Générale, soll einen Schaden von 4,9 Milliarden Euro verursacht haben. Jetzt steht er in Paris vor Gericht.

(Foto: afp)

Von diesem Dienstag an teilt sich der 33-jährige Franzose mit dem gefeuerten Chef des früheren Medienimperiums Vivendi Universal den gleichen Gerichtssaal, die Salle des Criées im Pariser Justizpalast. Der eine kommt vormittags dran, der andere nachmittags, und umgekehrt.

Früher schrien die Menschen hier, wie der über den drei Flügeltüren in Stein gemeißelte Name andeutet. Nicht weil einer gequält worden wäre, sondern weil hier die Auktionen stattfanden. Marie Antoinette, die österreichische Königsgattin, wurde vor mehr als 200 Jahren im Saal nebenan zum Tode verurteilt. Das Gemäuer atmet Geschichte.

Alles ist gesagt - aber noch viele Fragen offen

Wären die Scheiben nicht so milchig, könnte Kerviel durch die Fensterfront auf eines der berühmtesten Baudenkmäler der Gotik blicken, die Palastkapelle der ehemaligen königlichen Residenz, die der Palast auf der Seine-Insel einmal war. Die Justiz nutzt den ehemaligen Auktionssaal heute, wenn der Andrang von Prozessbeobachtern und Presse besonders groß ist.

Wenn Messier aufläuft, hält sich das Gedrängel gleichwohl in Grenzen. Für Kerviel hingegen haben sich 91 Medien angemeldet, darunter aus dem Ausland so viele wie noch nie, sagt eine Justizsprecherin.

Dabei scheint im Prinzip alles zu diesem Prozess gesagt worden zu sein. Kerviel schummelte, belog seine Vorgesetzten, überlistete sämtliche Sicherheitssysteme und sprengte alle Handelslimits. Er nannte das "spiel", ein im Deutschen nicht gebräuchlicher bankinterner Begriff.

Kurz bevor seine Praktiken im Januar 2008 aufflogen, jonglierte er mit 50Milliarden Euro, also mit mehr Geld, als die Bank Eigenkapital hat. Seine Handelspositionen, zum größten Teil Termingeschäfte auf den deutschen Leitindex Dax, musste die Bank an drei schwarzen Börsentagen abwickeln. Am Ende stand ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro.