Reihenhäuser Von wegen spießig

Eigenheime in Großstädten werden immer teurer, deshalb ziehen viele Menschen inzwischen den Stadtrand vor oder weichen gleich aufs Land aus. Im Bild ein neues Wohngebiet in Umkirch/Baden-Württemberg.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Sie werden neuerdings Townhouses genannt und stoßen bei Investoren wie bei Mietern auf großes Interesse. Doch die Nachfrage ist größer als das Angebot, nur ein Zehntel der Objekte wird vermietet.

Von Helga Einecke

Wohnen im Reihenhaus eigentlich nur Spießer oder doch eher fröhliche Familienmenschen? Alles eine Frage der Perspektive - oder der Vorurteile. Und die sind belegt. Bei einer Umfrage des Kreditvermittlers Interhyp wurden Reihenhausbewohner als wenig unterhaltsam, uninteressant und nicht sehr weltoffen bezeichnet, von Sex-Appeal ganz zu schweigen. Aber eine große Portion Familiensinn traute man ihnen zu.

Diese Umfrage ist ein paar Jahre her. Offenbar ändert sich die Wertschätzung des Reihenhauses gerade. Das hängt mit der Anziehungskraft der Städte, dem knappen Wohnraum und den steigenden Preisen zusammen. Michael Stüber, Vorstand des Projektentwicklers CD Deutsche Eigenheim AG, propagiert das Reihenhaus als die bessere Alternative zum Wohnen in mehrgeschossigen Mietshäusern. Er verweist auf eine Studie der LBS West. Beruflich etablierte und gut verdienende Familien mit Kindern zögen bevorzugt in Eigenheime am Stadtrand. Aber auch junge Leute mit wenig Geld suchten kleine Häuser. Der eigene Garten im Grünen ziehe am meisten. "Aktuell nimmt die Bedeutung der Reihenhäuser zur Miete zu", meint Stüber. Beim Internetportal Immobilienscout24 wollten die Nutzer dreimal häufiger Reihenhäuser mieten als kaufen. Auf viel Resonanz stoßen sie aber nicht, denn nur ein Zehntel aller Reihenhäuser werde zur Miete angeboten.

Dabei eignet sich das vermietete Reihenhaus zunehmend als Investment für institutionelle Anleger. Die CD Deutsche Eigenheim hat schon mehrere Reihenhaussiedlungen an Investoren verkauft. Als Vorteile für die Investoren nennt Stüber höhere Renditen als beim Geschosswohnungsbau und mehr Sicherheit bei der Vermietung der Gebäude. Die Mieter wechselten nicht so häufig, weil Familien, aber auch Ältere, länger in den Häusern blieben. Außerdem fielen die Instandhaltungskosten geringer aus als im Geschosswohnungsbau.

Am Rand großer Städte wird eine dörfliche Idylle beschworen

Die neuen Reihenhaus-Siedlungen werden auch anders umworben. Projektentwickler und Makler preisen sie als nachhaltige Wohnquartiere oder hippe Townhouses an. Engagierte Eltern nutzen die vom Keller bis unter das Dach ausgeklügelt ausgebauten Häuschen vermehrt zum Arbeiten zu Hause, um das Leben mit dem Nachwuchs besser zu organisieren. Ein wichtiger Baustein solcher Reihenhausprojekte ist die Energieversorgung vor Ort, weil die Strompreise bei den Nebenkosten eine große Rolle spielen. Kleine Marktplätze, Car-Sharing, Stromtankstellen, Paketannahme-Stellen und gemeinsame große Flächen für Hobbys oder Kochen sollen die Lebensqualität erhöhen und die Ödnis solcher Siedlungen auflockern. Praktisch wird eine dörfliche Idylle am Rande großer Städte beschworen.

Nach Ansicht von Stüber ist es kurzsichtig, bei der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum nur auf die Baukosten zu schauen. Steuern, Straßenreinigung, Mobilität, Zugang zum Arbeitsplatz, zur Schule, zu Energie kämen für die Eigentümer und Mieter hinzu. Man müsse die Kosten für das Wohnen umfassender betrachten als nur im Hochziehen von Wänden.

Die Liebe zum Reihenhaus entstand in England. Schon 1850 bis 1900 wurden in den Industriegebieten Häuser aus Backsteinziegeln aufgereiht, bis zu 50 am Stück. Man teilte sich einen Schornstein, eine Wand, manchmal Gärten. Seit dem Zweiten Weltkrieg nannte man die Reihenhäuser Townhouses, ein Begriff, den die Marketing-Experten heute gerne wieder aufnehmen. Im Rahmen der Gartenstadtbewegung vor hundert Jahren importierten die Deutschen das reihenweise Bauen.

Der Architekt Ernst May plante viele seiner Siedlungen als Reihenhauskolonien. Dabei halfen vorgefertigte Teile, funktionale Grundrisse, die aufgelockerte Zeilenbauweise samt Gemüsegarten. Das Konzept zielte auf erschwinglichen Wohnraum, mehr Licht, Luft, Hygiene und Gemeinwesen. Noch heute sind diese Siedlungen beliebt, wenn auch sanierungsintensiv. Auch in den 50er- und 60er-Jahren hatten Heime mit kleinem Grundstück und geringeren Kosten Konjunktur. Später trieb der zunehmende Wohlstand Angehörige der Mittelschicht in die teureren, prestigeträchtigeren frei stehenden Einfamilienhäuser mit großen Grundstücken am Stadtrand.

Die Vorteile der Häuser in Reih und Glied liegen auf der Hand. Wo sonst erhält man auf einem kleinen Terrain mit eigenem Grün günstigen Wohnraum? In deutschen Städten breiten sich neue Viertel aus, die sich Stadtquartiere nennen und Mauer an Mauer preiswertes Wohnen versprechen. Für die Deutsche Reihenhaus AG ist der Name Programm. Sie bietet am Rande von Ballungsgebieten Quartierhäuser zum kleineren Preis, ganze Wohnparks sollen Käufer und Mieter anlocken.

Das Unternehmen beschäftigt sich deshalb auch mit der Befindlichkeit seiner Kunden. Das Kölner Rheingold Institut hat in seinem Auftrag herausgefunden, dass sich Familien ganz bewusst für die Stadt entscheiden. Erwachsene, die bereits selbst als Kind in einer Stadt aufgewachsen sind, bevorzugen für die eigene Familie die Stadt als Wohnort. Sie sehen mehr positive Möglichkeiten, die eine Stadt bietet, als negative Begleiterscheinungen. Die Entscheidung für die Stadt als Lebensraum für die Familie werde bei der Suche nach einem neuen Wohnraum ganz bewusst getroffen.

Die City lockt mit vielen Versprechungen. Es gilt, überall dabei zu sein

Es gibt der Rheingold-Studie zufolge einige Argumente pro Stadt. Jedes Familienmitglied könne sich selbst gut verwirklichen, eine Stadt biete Dynamik und Lebendigkeit, Inspiration und Anregung. Das hohe Verkehrsaufkommen, der Parkplatzmangel und die Kriminalität zählen zu den Nachteilen des Stadtlebens. Multioptionalität, sagen die Sozialforscher, sei ein ganz wesentliches Merkmal unserer Zeit. Anders als noch in den Generationen zuvor, erlebe man heute eine schier unüberschaubare Vielfalt von Möglichkeiten im Job wie auch in der Freizeit. Es gelte, nichts zu verpassen, immer und überall dabei zu sein. Weitere Argumente für die Stadt finden Familien in "harten" Fakten, wie die Nähe zum Arbeitsplatz, die gute Erreichbarkeit von Geschäften und Supermärkten, kurze Wege zu Schule und Kindergarten und die gute Taktung und Erreichbarkeit des öffentlichen Personennahverkehrs.

Ein deutlich anderes Bild vermittelt dagegen das ZDF in der Komödie "Neues aus dem Reihenhaus", Nachfolger des Films "Ein Reihenhaus steht selten allein". Familie Börner arrangiert sich in der Neubausiedlung Grünfeld, gedreht im Frankfurter Stadtteil Riedberg, mühsam mit den skurrilen Nachbarn. Sie lebt wie in einer autoritären Wohngemeinschaft. Individuell passiert nichts, Anpassung und Kontrolle ist alles. Gemeinsames Grillen, wechselseitige Dauerüberwachung und fehlende Abgrenzung bilden einen turbulenten Mix. Keine Spur von der versprochenen dörflichen Idylle.

Doch wie wohnt Deutschland tatsächlich? Nach einer Umfrage der Comdirect gibt fast jeder Zweite (45 Prozent) an, in einer eigenen Immobilie zu wohnen. Danach besitzen 33 Prozent ein Haus und zwölf Prozent eine Wohnung. Bei den Menschen über 60 Jahren ist die Quote der Hausbesitzer mit 39 Prozent besonders hoch. Miete zahlen demnach 55 Prozent der Deutschen, aber jeder dritte Mieter würde gerne Eigentümer sein. Auf der Wunschliste ganz oben steht das Einfamilienhaus (68 Prozent), gefolgt von Eigentumswohnung (26), Doppelhaushälfte (4) und Reihenhaus (2). Wenn diese Befragung stimmt, scheint der Traum vom Reihenhaus doch noch nicht angekommen zu sein.