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Reden wir über Geld:"Heute wird von unten nach oben verteilt."

"Heute wird von unten nach oben verteilt."

Binswanger: Aber nicht lebenswichtig. Die Wirtschaft produziert Luxusgüter. Gleichzeitig wird ein Teil der Bevölkerung immer ärmer. Früher wurde von oben nach unten verteilt, heute immer mehr von unten nach oben. Dazu kommt die Spekulation. Die Menschen halten sich für reicher als sie es sind, wenn sie Aktien haben und die Kurse steigen. Doch dieser Reichtum steht nur auf dem Papier. Es kann jederzeit wieder schwinden.

SZ: Und das lesen Sie alles aus Goethes Faust heraus?

Binswanger: Das Werk, gerade der zweite Teil, ist nicht leicht zu lesen. Goethe selbst wollte, dass Faust II erst nach seinem Tode veröffentlicht wird. Aber diese alte Geschichte schlägt den Bogen in dieses Jahrtausend. Und Goethe war ja auch Wirtschaftsminister am Weimarer Hof.

SZ: Wir haben zu viel Geld und gleichzeitig zu hohe Schulden, wie passt das zusammen?

Binswanger: Die Geldwirkung beruht auf einer doppelten Verschuldung. Die Banken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben. Das Geld wird den Unternehmen auf einem Girokonto gutgeschrieben. Diese Gutschrift ist das Bank- oder Buchgeld. Gleichzeitig ist aber der Kredit auch eine Bankschuld, denn die Unternehmen könnten ja die Barauszahlung des Bank- oder Buchgeldes in Papiergeld verlangen. Sie tun es aber nur in beschränktem Maße, weil man ja mit Überweisungen oder Kreditkarten bequemer zahlen kann als mit dem Papiergeld. Heute macht das Buchgeld mindestens 90 Prozent der gesamten Geldmenge aus.

SZ: Welche Konsequenzen hat das?

Binswanger: Auf diese Weise steigt die Geldmenge mit den Schulden der Unternehmen und der Banken. Diese Monetarisierung von Schulden ist die Magie, auf der das wirtschaftliche Wachstum beruht.

SZ: Aber wir haben doch alle vom Wachstum profitiert?

"Wir sind süchtig nach Wachstum."

Binswanger: Wir sind süchtig danach geworden. Schopenhauer sagte: Geld gleicht dem Meerwasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.

SZ: Wie ausgeprägt ist der Durst?

Binswanger: Die Ökonomen sprechen heute von einem Minuswachstum. Sie können das Wort Schrumpfen nicht einmal aussprechen. Das ist doch eigenartig und zeigt, dass Wirtschaft zunächst wenig mit der Realität zu tun hat. Sie ist einfach Ausfluss der Magie, aus weniger mehr zu machen. Aber die Begrenztheit des Platzes und der Naturreserven auf der Welt zeigen, dass es so nicht weitergehen kann.

SZ: Josef Ackermann, Ihr ehemaliger Student und jetzige Chef der Deutschen Bank, geht davon aus, dass er immer 25 Prozent Rendite machen kann.

Binswanger: Wenn Sie das Eigenkapital minimieren, erzielen Sie bei ordentlichem Gewinn eine hohe Eigenkapitalrendite. Das lässt sich zu einem gewissen Grad manipulieren, nennen wir es Bilanzmagie. Das würde ich deshalb nicht überbewerten.

SZ: Zu welchem Thema hat er bei Ihnen promoviert?

Binswanger: Er hat sich ausgezeichnet mit den realen Auswirkungen des Geldes befasst, insbesondere auch dem Zugang zu Geld in der Krise, wenn die Märkte nichts mehr geben. Damit haben sich wenige Banker beschäftigt, es dürfte ihm genutzt haben in der Finanzkrise. Die Deutsche Bank ist ja einigermaßen ungeschoren davongekommen.