Reden wir über Geld: Eppler "Ich kann kein Brot wegwerfen"

Erhard Eppler über seine Erlebnisse während der Weltwirtschaftskrisen 1929 sowie 2009 und darüber, warum er so viel vom Schweizer Franken hält.

Interview: A. Mühlauer u. H. Wilhelm

Erhard Eppler, 82, reist aus seiner Heimat Schwäbisch Hall an. Der SPD-Veteran ist viel unterwegs in letzter Zeit. Aber er ist ja auch der Junior der "AG 80 plus". Dazu gehören, so sagt er, neben ihm auch noch Egon Bahr, 87, und Hans-Jochen Vogel, 83. Letzteren will er anschließend im Altenheim besuchen. Also, auf geht's.

Erhard Eppler: "Was würdest du machen, wenn du auch von Haus zu Haus betteln gehen müsstest?"

(Foto: Foto: AP)

SZ: Herr Eppler, reden wir über Geld. Sie erleben schon die zweite Weltwirtschaftskrise. Welche Erinnerung haben Sie an die erste große Krise 1929?

Erhard Eppler: Mindestens ein Dutzend Bettler klopften pro Tag an unsere Haustür in Schwäbisch Hall. Meine Mutter hat denen Fünf- und Zehn-Pfennig-Stücke gegeben, was damals viel Geld war, Anfang der dreißiger Jahre. Geld war unglaublich knapp und wichtig. Aber auch kaufkräftig. Ich habe damals, als ich in die Schule kam, für vier Pfennige eine Brezel bekommen. Der Pfennig war etwas wert - das hat sich bei mir eingeprägt.

SZ: Sie waren damals ein kleines Kind. Haben Sie die Geldknappheit auch in Ihrer Familie gespürt?

Eppler: Ja. Wir waren damals sechs Kinder, später sieben. Mein Vater war ein sparsamer Schwabe. Es war nicht leicht, er wollte sich ja auch noch ein Haus ersparen - ohne jedes Vermögen.

SZ: Haben Sie die Bettler vor Ihrer Tür als beängstigend empfunden?

Eppler: Ich hatte schon das Gefühl, das dürfte es nicht geben. Eigentlich müssten die was zum Arbeiten haben. Und die Allermeisten wollten das ja auch. Manche kamen und fragten: Haben Sie etwas für mich zu tun? Gibt es Holz zu hacken oder den Garten umzugraben?

SZ: Haben Sie diese Not verstanden?

Eppler: Ich hab mich sogar in die Leute hineinversetzt: Was würdest du machen, wenn du auch von Haus zu Haus betteln gehen müsstest? Ich war froh, dass ich es nicht musste. Aber ein Kind mit fünf, sechs Jahren produziert daraus keine Theorien. Ich hatte einfach Mitleid.

SZ: Was würden Sie sagen: Hat Sie die Zeit der Krise nach 1929 geprägt?

Eppler: Nicht so sehr. Viel mehr geprägt hat mich die Knappheit im Zweiten Weltkrieg.

SZ: Erzählen Sie.

Eppler: Ich hab einen Sold bekommen, war nicht viel, ich war nur einfacher Soldat, am Schluss dann Gefreiter. Wenn man mit dem Geld in ein Gasthaus ging, bekam man ohne Essensmarken nichts. Die hatte man als Soldat nicht, weil man in der Kaserne verpflegt wurde.

SZ: Welche Knappheit im Krieg meinen Sie genau?

Eppler: Ich habe vor allem Hunger erlebt! Und das hat natürlich bis heute Folgen. Ich kann kein Brot wegwerfen. Wer im Krieg gehungert hat, guckt ein Stück Brot anders an. Manchmal esse ich auch ziemlich hartes Brot. Und wenn es zu hart ist, kriegen es meine Enten im Garten. Die müssen die Schnecken wegfressen, damit mein Salat etwas wird.

SZ: Wann haben Sie am meisten gehungert?

Eppler: Nicht im Krieg, sondern als ich anfing zu studieren in Frankfurt am Main. Das war 1946. Da saß ich in den Vorlesungen und hab nur darüber nachgedacht, wo ich mittags in einer Volksküche eine Suppe bekomme.

SZ: Was für eine Suppe?

Eppler: Mittags gab es immer diese Maisgriessuppe - nur leider bestand sie vor allem aus Wasser. Wenn ich sie gegessen hatte, war mein Bauch für zehn Minuten voll, und dann hatte ich wieder Hunger.

SZ: Wie haben Sie als Student gelebt?

Eppler: In Frankfurt-Rödelheim bei einer Familie. Bei denen hat es immer gebrutzelt, es hat immer nach Gebratenem gerochen. Das hat meinen Hunger verstärkt, aber ich hab nie was davon abgekriegt.

SZ: Haben Sie von Ihren Eltern Geld bekommen?

Eppler: Geld war kein Problem. Geld gab es zu Hause genügend, nur konnte man nichts damit machen. Erst mit der Währungsreform wurde das anders.

SZ: Haben Sie die Währungsreform in Frankfurt erlebt?

Eppler: Nein. Ich hatte ein Stipendium in der Schweiz. Ich hab erst dort gelernt, was Geld ist. Dort konnte man mit dem Franken etwas erreichen. Ich habe damals in Bern für zwei Franken in der Stunde Gärten umgegraben und Parkwege gesäubert, um dann mit 20 Franken ein großes Paket mit Zucker und Margarine an meine Mutter zu schicken, für die drei kleinen Mädchen, die sie noch zu Hause hatte. Da hab ich gespürt, was Geld wert ist. Und deshalb ist für mich bis heute der Schweizer Franken das klassische Geld.

SZ: Es gab einen klaren Gegenwert.

Eppler: Ja, und dieser Gegenwert entschied über Hunger oder nicht Hunger.