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Reden wir über Geld (23): A. zu Schaumburg-Lippe:"Ich bewohne nur elf von 250 Räumen"

Alexander "Schaumi" zu Schaumburg-Lippe über altes Geld und neue Ziele, wie er einst die Klatschspalten fürs Geschäft nutzte und warum er nicht mehr Mitglied bei den Jusos ist.

Alexander Hagelüken und Thomas Fromm

Seit vielen hundert Jahren residiert das Adelsgeschlecht derer zu Schaumburg-Lippe auf Schloss Bückeburg bei Hannover. Heute ruht der aktuelle Fürst Alexander (49), für Freunde "Schaumi", auf einem Sofa im roten Salon, einem von 250 Räumen des Schlosses. Neben Kissen mit Leopardenmuster resümiert er sein Leben, das die bunten Blätter stets schwer erregte: Ob die Liaison mit Jette Joop (Trennung per Fax!), Partynächte mit Erstfrau Lilly ("Schrilly") oder die Hochzeit mit Nadja Anna, deren Schwangerschaft der Fürst am Donnerstag per Pressemitteilung verkündete. Das Image als Blitzlichtfürst mag er aber gar nicht mehr. Deshalb trifft er sich jetzt mit den Typen vom seriösen Finanzteil, um über Geld und Geschäft zu reden und sich "neu zu positionieren", wie er sagt. Na dann mal los.

(Foto: Foto: Getty)

SZ: Herr Schaumburg-Lippe, reden wir über Geld. Ihr Schloss und Ihre anderen Besitzungen sind ein richtiger Wirtschaftsbetrieb. Mit Festen wie der "Landpartie" holen Sie 80 000 Besucher nach Bückeburg. Wie schaffen Sie das? In der Schule sollen Sie im Rechnen schwach gewesen sein.

Schaumburg-Lippe: Was man nicht selber kann, das muss man delegieren. Und wenn Sie nicht rechnen können, dann brauchen Sie eben einen, der es kann. Beurteilen kann ich unser Rechenwesen aber durchaus.

SZ: Aha. Und was ist Ihr Job?

Schaumburg-Lippe: Ich bin ein musischer, belletristischer Mensch, der gern organisiert. Auch das nützt dem Betrieb. Man braucht in unserem Betrieb auch die kreative Seite.

SZ: Sie mussten sich doch nie ums Wirtschaftliche kümmern, weil Sie sich nichts erarbeiten mussten. Das ist doch der Vorteil, reich geboren zu werden.

Schaumburg-Lippe: Wer hat Ihnen denn den Unsinn erzählt? Das ist mein Betrieb, die wirtschaftlichen Entscheidungen treffe ich selbst. Bedenken Sie bitte: Das Haus Schaumburg-Lippe war nur bis in die 1930er Jahre eine der reichsten deutschen Familien.

SZ: Wollen Sie sagen, Sie sind verarmt?

Schaumburg-Lippe: Natürlich nicht. Aber der letzte regierende Fürst, mein Großonkel Adolf, hat damals ein Milliardenvermögen durch seinen Lebensstil dramatisch reduziert. Wenn wir weiter als superreich gelten, ist mir das unangenehm.

SZ: Warum?

Schaumburg-Lippe: Wer wirklich superreich ist, muss einen enormen Sicherheitsaufwand betreiben. Den können wir uns aber nicht leisten.

SZ: Machen wir also einen Kassensturz: Wie steht es um Ihre Finanzen?

Schaumburg-Lippe: Wir sind ein gesunder land- und forstwirtschaftlicher Betrieb mit einigen Nebengeschäften, mit historischen Immobilien und Wertsachen, die man nicht zum Vermögen rechnen kann. Weil wir sie weder veräußern wollen noch es dürfen.

SZ: Sie besitzen zwei Schlösser, eine Seefestung und eine Burg. Und das wollen Sie nicht zu Ihrem Vermögen zählen?

Schaumburg-Lippe: Der Unterhalt kostet, das sehen die Leute oft nicht. Lediglich die Inselfestung Wilhelmstein, ein touristischer Magnet, arbeitet mit Gewinn. Gott sei Dank hat mein Vater in den 70er Jahren seine Hälfte des Steinhuder Meers an den Staat verkauft.

SZ: Warum Gott sei Dank? Wir hätten gerne ein Meer.

Schaumburg-Lippe: Ha! Die Kosten der Erhaltung hätten uns das Genick gebrochen. Die Sozialbindung des Eigentums kommt uns auch ohne Privatsee schon teuer genug.

SZ: Man hört oft von Adligen mit Finanznöten. Früher stützten sich die Familien durch Hochzeiten oder Schenkungen. Sind Sie noch eine Solidargemeinschaft?

Schaumburg-Lippe: Guter Rat ist zu bekommen und häufig sehr wertvoll. Aber sich finanziell auszuhelfen, ist nicht üblich.

SZ: Wird jemand sozial geächtet, der seinen Betrieb in den Sand setzt?

Schaumburg-Lippe: Das ist das Schöne: Das wirtschaftliche Aus bedeutet bei uns noch nicht das soziale Aus. Da trägt der alte Solidarpakt.

Auf der nächsten Seite: "Mein Vater sagte: Bei den Jusos - no way, mein Freund. Er war erziehungsberechtigt."

"Ich bewohne nur elf von 250 Räumen"

SZ: Wie muss man sich das vorstellen: Die anderen fahren im Rolls-Royce vor, der verarmte Graf kommt auf dem Fahrrad?

Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe mit seiner Ehefrau Nadja Anna Prinzessin zu Schaumburg-Lippe vor Schloss Bückeburg.

(Foto: Foto: dpa)

Schaumburg-Lippe: Es ist in den alten Familien generell nicht üblich, Geld so deutlich zu zeigen. Daher sind die sichtbaren Unterschiede nicht sehr groß.

SZ: Zum Rest der Gesellschaft schon. Sie verteilten ja als Jugendlicher Flugblätter für die eher Reichen-kritische SPD.

Schaumburg-Lippe: Auf diese Weise fand mein Vater heraus, dass ich den Jusos angehörte. Das war das Ende meiner Parteikarriere. Er sagte: Bei den Jusos - no way, mein Freund. Er war erziehungsberechtigt, ich war ja erst 16.

SZ: Und als Sie 18 waren, hatte sich das mit den Jusos für Sie schon erledigt?

Schaumburg-Lippe: Als ich 18 war, wollte ich mich nicht mehr engagieren. Heute bin ich in der FDP.

SZ: Viele junge Leute rebellieren erst recht, wenn die Eltern etwas verbieten.

Schaumburg-Lippe: Ich wollte mich nicht mehr grundsätzlich abgrenzen gegenüber den Kreisen, aus denen ich nun mal komme. Ich hatte einfach verstanden, dass das zu meiner Identität gehört.

SZ: Sie vermarkten heute den Markennamen Schaumburg-Lippe für Produkte.

Schaumburg-Lippe: Wir lassen Sekt und Wein in Süddeutschland herstellen und Schokolade in Österreich. Diese Produkte versehen wir mit unserem Namen, weil wir die Philosophie haben, unseren Lebensstil zum Kauf anzubieten.

SZ: Was noch?

Schaumburg-Lippe: Das Schloss. Mein Vater sagte, an der Schlossbrücke hört das Business auf. Ich habe gesagt, keineswegs, da fängt es erst richtig an.

SZ: Was machen Sie anders?

Schaumburg-Lippe: Mein Vater war verpflichtet, das Haus für den Besucherbetrieb offen zu halten, aber das war auch die einzige Konzession, zu der er bereit war. Es wäre ihm nie eingefallen, etwa das Haus als Filmlocation herzugeben.

SZ: Was wird hier gedreht?

Schaumburg-Lippe: Wir hatten mal Hape Kerkeling mit einer Parodie auf das englische Königshaus. Das fanden einige Verwandte schon grenzwertig.

Auf der nächsten Seite: "Ein Vorfahr war qualifiziert genug, das Land Schleswig-Holstein als Lehen zu bekommen."

"Ich bewohne nur elf von 250 Räumen"

SZ: Sie waren mit Ihren Liaisons lange ein Held der Klatschspalten, Sie hießen "der Blitzlicht-Fürst" . . .

Schaumburg-Lippe: Manches war einfach erfunden. Egal: Ich möchte diese Rolle nicht mehr spielen. Ich werde dieses Jahr 50. Das muss mal ein Ende haben.

SZ: Eigentlich ist das doch eine perfekte Publicity für Ihre Geschäfte. Sie machten den Namen bekannter.

Schaumburg-Lippe: Als ich mit meiner ersten Frau verheiratet war, wollten wir es wirklich so haben. Da sagten wir, du bist eine hochbegabte Modedesignerin, lass uns was daraus machen. Und dazu müssen wir die Werbetrommel rühren. Das waren in der Tat Werbeauftritte.

SZ: Sie steuerten aktiv Ihr Image.

Schaumburg-Lippe: Damals ja. Wer weiß, ob mein Leben anders verlaufen wäre, hätte ich's nicht gemacht. Manche Probleme hätte ich sicher vermieden.

SZ: Bei der Fürstenfamilie von Monaco heißt es ja, sie habe ihr Vermögen als Raubritter und Piraten gemacht. Wie war das bei Ihrer Familie?

Schaumburg-Lippe: Ein Vorfahr war qualifiziert genug, das Land Schleswig-Holstein als Lehen zu bekommen. Das war im Jahr 1111. Das Finanzgenie aber war mein Vorfahr Georg-Wilhelm: Mit Krediten der Rothschilds betrieb er An- und Verkäufe von Unternehmen. Damit machte er ein ungeheures Vermögen, nach heutigem Wert anscheinend 40 Milliarden Euro.

SZ: Wow! In Verbindung mit Ihrer Familie fällt bisweilen das Wort Bauernschinder.

Schaumburg-Lippe: Glatte Geschichtsklitterung! Das Familienvermögen stammt aus privatwirtschaftlicher Betätigung. Genau deshalb ging es der Bauernschaft glänzend.

SZ: Einkommen und Reichtümer sind in der Gesellschaft ungleich verteilt. Hatten Sie je ein schlechtes Gewissen?

Schaumburg-Lippe: Jetzt frage ich mich wirklich, ob ich hier auf dem Beichtstuhl sitze. Natürlich trage ich soziale Verantwortung für Menschen, die weniger Glück hatten als ich. Das ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Jüngstes Beispiel: Ich unterstütze die Organisation Mishan in Israel, die behinderte Kinder betreut, und zwar sowohl Juden als auch Araber. Außerdem betreibt sie Altersheime, in denen Hunderte Überlebende des Holocaust wohnen.

"Ich bewohne nur elf von 250 Räumen"

SZ: Tun Sie Gutes, um Ihr Gewissen zu beruhigen?

Schaumburg-Lippe: Ist freiwillig übernommene Verantwortung für Dritte immer Ausdruck schlechten Gewissens? Mir wäre lieber, wenn es nicht so ist.

SZ: Wie viele Räume hat das Schloss?

Schaumburg-Lippe: 250.

SZ: Sind die alle eingerichtet?

Schaumburg-Lippe: Nein. Die meisten sind Museum oder Stauraum. Ich bewohne nur elf von 250 Räumen.

SZ: Würden Sie sagen, das ist wenig?

Schaumburg-Lippe: Nein, das ist eine ganz geräumige Wohnung. Gehobener Mittelstand, würde ich sagen.

SZ: Ihr Bruder ist vor vielen Jahren tödlich verunglückt. Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie nicht seine Nachfolge angetreten hätten? Wären Sie wie geplant Journalist geworden?

Schaumburg-Lippe: Die Frage stelle ich mir beinahe täglich. Ich weiß es nicht. Es war schwer, im Journalismus Fuß zu fassen. Die meisten Volontäre, die ich traf, waren Frauen. Das wunderte mich nicht weiter, weil die meisten Chefredakteure damals Männer waren.

SZ: Heute auch.

Schaumburg-Lippe: Ich sah das alles an mir vorbeirauschen. Trotzdem: Ohne den Tod meines Bruders wäre ich kein Diplom-Erbsenzähler geworden, ich wäre garantiert im kreativen Fach gelandet.

SZ: Sie sind Musiker und spielen öfters mit Ihrer Band, teils Schulfreunden, in einer Kneipe im Ort. Auf Ihr Schloss aber laden Sie Ihre alten Kumpels angeblich nicht ein. Warum?

Schaumburg-Lippe: Doch, durchaus. Aber das kommt auf den Anlass an. Es gibt einfach Lebensbereiche, wo ich Grenzen ziehen muss. Niemand hat etwas davon, in eine Situation geworfen zu werden, mit der er nicht fertig wird, weil er die Voraussetzungen nicht mitbekommen hat oder die Spielregeln nicht kennt.

© SZ vom 27.6.2008/jkr
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