Süddeutsche Zeitung

Reden wir über Geld (22): Theo Waigel:"Der Euro ist mein Schicksal"

Ex-Finanzminister Theo Waigel erzählt, warum er für die Währungsunion auf Millionenjobs verzichtete und als "Schlächter von Deutschland" beschimpft wird.

Fast zehn Jahre war Theo Waigel, 69, deutscher Finanzminister, so lange wie keiner vor ihm (und keiner nach ihm). Heute ist er Anwalt mit einem schönen Büro am Odeonsplatz über den Dächern Münchens. Dort umgeben ihn Erinnerungen an früher, und sofort beginnt er zu erzählen: Das Foto mit dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, das war direkt nach dem Putsch 1991. "Gorbatschow sah schlecht aus. Ich sagte ihm, das deutsche Volk habe für sein Wohlergehen gebetet. Da fing er an zu weinen."

SZ: Herr Waigel, reden wir über Geld. Genauer gesagt: über den Euro. Sie sind ja einer seiner Väter. Sind Sie für Ihre Vaterschaft mal beschimpft worden?

Theo Waigel: Jedes Mal wenn ich ein Interview zum Euro gebe, bekomme ich Briefe mit wüsten Beschimpfungen.

SZ: Heute noch?

Waigel: Sicher.

SZ: Was steht da drin?

Waigel: Sachen wie "Der liebe Gott wird Ihnen hoffentlich die gebührende Strafe geben." Oder: "Der Teufel soll dich holen." Oder: "Sie sind der Schlächter von Deutschland."

SZ: Hm.

Waigel: Bei Veranstaltungen sage ich: Zeigt mir alle Eure Einnahmen und Ausgaben, und nicht nur den Besuch beim Italiener um die Ecke. Dann werden wir sehen, dass die Statistik recht hat: Der Euro ist kein Teuro.

SZ: Und?

Waigel: Tja. Der Bankenverband hat vor ein paar Jahren ein Experiment gemacht. Den Leuten wurde im Restaurant eine Speisekarte gegeben, auf der die Preise dieselben waren wie vor der Euro-Einführung. Trotzdem haben 80 Prozent gesagt, die Preise seien höher. Wenn jemand eine Erwartung hat, will er darin nicht getäuscht werden. Das ist ein psychologisches Problem.

SZ: Hätten die Deutschen in einer Volksabstimmung für den Euro votiert?

Waigel: Nie. Wir hätten jede Abstimmung verloren.

SZ: Sie haben ja auch nicht abstimmen lassen. Sie finden also, Politiker sollten die Leute zu ihrem Glück zwingen.

Waigel: Nein. Aber wir haben alle großen Entscheidungen nach dem Krieg im Parlament getroffen: Grundgesetz, Nato-Beitritt, Nato-Doppelbeschluss, EU-Verträge. Alle diese großen umstrittenen Lebensentscheidungen. In der Weimarer Republik hatten wir Volksabstimmungen und keine guten Erfahrungen damit.

SZ: Fühlen Sie sich als Euro-Vater zu wenig anerkannt?

Waigel: Naja (Pause), also, nein. Ich bin keinem Mark-Anhänger böse. Die Mark war das erste nationale Symbol nach dem Krieg, vor der ersten Goldmedaille und dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft .

SZ: Damals in der Nachkriegszeit sind Sie in einem kleinen Dorf in Schwaben aufgewachsen. Wie oft konnten sich die Eltern neue Schuhe für Sie leisten?

Waigel: Fast nie. Und wenn, fragte man nicht, ob die neuen Schuhe passen. Zu meiner Kommunion bekam ich Schuhe, die passten nicht. Ich hatte Blasen an den Füßen. Die Eltern sagten: Das gibt sich.

SZ: Was war Ihr schönstes Geschenk?

Waigel: 1948, da war ich neun, lag ein Fußball unterm Weihnachtsbaum. Das war eine Sensation. Der erste richtige Fußball in unserem 500-Seelen-Ort! Am liebsten hätte ich noch in der Nacht die anderen Jungs zusammengetrommelt. Ein Fußball, und das von meinem Vater, der gegen Fußball war, weil es von der Arbeit auf dem Hof abhielt.

SZ: Mussten Sie viel mitarbeiten?

Waigel: Für uns Bauernbuben war das selbstverständlich: Nach der Schule so-fort aufs Feld, abends die Hausaufgaben. Nach kurzer Zeit hatten die Hände Schwielen, sodass es wenigstens keine Blasen gab. Neulich hat eine alte Nachbarin gesagt: "Weißt du, Theo, was Schönes hast du nicht gehabt in deiner Kindheit." Mei, das war halt die Zeit.

SZ: Ihr dreizehnjähriger Sohn hat viel mehr Spielzeug als Sie je hatten. Denken Sie manchmal: Mein Gott, ist der anspruchsvoll?

Waigel: Ich versuche schon, darüber zu reden, wie es früher war. Aber ich muss sehr vorsichtig sein, dass ich nicht belehrend klinge. Nach dem Motto: Du hast es gut, sag bitte jeden Morgen Dankeschön. Ich merke schon, dass bei ihm die Schotten ein bisschen runtergehen.

"Der Euro ist mein Schicksal"

SZ: Wie lange war bei Ihnen Geld knapp?

Waigel: Schon eine Weile. Als junger Mann konnte ich kaum mal mit einem Mädchen ausgehen. Mit 19 lud ich ein Mädchen ins Café ein und merkte: Hoppla, du hast ja nur 4,50 Mark. Wenn sie jetzt zwei Viertel Wein bestellt, kannst du nicht zahlen. Gott sei Dank war sie so anständig, nur ein Viertel zu bestellen. Später als Student bin ich stundenlang für Theaterkarten angestanden, die dann oft nicht mehr da waren.

SZ: Wollten Sie reich werden?

Waigel: Ich wollte nicht arm sein. Aber reich? Bei meiner Berufswahl habe ich mich nicht daran orientiert.

SZ: Was verdienten Sie als Finanzminister?

Waigel: Etwa 10.000 bis 12.000 Euro.

SZ: Ihr amerikanischer Ministerkollege Robert Rubin hat sich von der Citibank abwerben lassen.

Waigel: Ach, die Banker. Da waren schon einige dabei, die immer alles besser wussten, ob es um die deutsche Einheit ging oder den Euro. Das waren so Ex-Post-Klugscheißer, die haben auf uns Politiker heruntergeschaut. Aber wenn ich mir angucke, was die alles in den Sand setzen, nicht nur in der Finanzkrise, da habe ich keinen Minderwertigkeitskomplex.

SZ: Rubin hat Millionen verdient. Sind Sie neidisch?

Waigel: Ich hätte auch zu einer Bank gehen können, damals. Es gab ein Angebot. Wenn ich nicht bis zum letzten Moment für den Euro hätte kämpfen müssen, wäre ich 1997 aus der Politik ausgeschieden und Banker geworden.

SZ: Sie bekommen wegen der Währungsunion Drohbriefe, und jetzt wollen Sie wirklich sagen, Sie hätten sich den Euro auch noch Millionen kosten lassen?

Waigel: So genau will ich das gar nicht wissen. Ja, der Euro ist wohl mein Schicksal. Was soll's. Das war es wert, historisch gesehen. Ich persönlich bin sowieso mit dem zufrieden, was ich habe.

SZ: Sie darben ja nicht. Wie hoch ist Ihre Pension?

Waigel: Das sage ich Ihnen jetzt nicht. Ich bin kein Freund des gläsernen Politikers.

SZ: Sie arbeiten auch noch als Anwalt.

Waigel: Meist umsonst für gute Zwecke.

SZ: Sie halten auch viele Vorträge, genauso wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder. Tun Sie das wegen des Geldes oder eher aus Eitelkeit? Waigel: Eitelkeit? Sie sind hässliche Menschen. Ich mache meist nur Vorträge oder Debatten, die mich interessieren.

SZ: Welchen Luxus leisten Sie sich?

Waigel: Ich habe mein Elternhaus bewahrt und renoviere es. Ich wollte meine Heimat erhalten, für mich und meine Kinder. Das ist ein Luxus, den ich mir leiste. Und wenn ich meinen Kindern helfen kann, dann helfe ich. Da bin ich der Meinung: Es ist besser, wenn die warme Hand gibt als die kalte.

SZ: Was war Ihr bestes Geschäft als Finanzminister?

Waigel: Das war bei der Wiedervereinigung. In der DDR lebten 500.000 russische Soldaten und eine Million Angehörige, es standen etwa 30.000 Panzer dort, und es gab Tausende nuklearer Waffen. Für den friedlichen Abzug hat die Bundesrepublik damals nur 15 Milliarden Mark gezahlt, davon drei Milliarden nur als Kredite, die Russland komplett und sogar vorzeitig zurückbezahlt hat.

"Der Euro ist mein Schicksal"

SZ: Viel Geld.

Waigel: Ach was. Der spätere russische Finanzminister Schochin sagte mir, sein Vorgänger, mit dem ich den Abzug verhandelt hatte, leide unter einem Waigel-Trauma. Weil er vergessen habe, bei seiner Forderung eine Null anzuhängen.

SZ: 150 Milliarden Mark? Das ist nicht Ihr Ernst.

Waigel: Naja, so viel hätten wir nicht gezahlt. Aber wenn die Russen für den Abzug 75 Milliarden gefordert hätten, hätten wir das vielleicht gezahlt. Zahlen müssen.

SZ: Als Finanzminister jonglierten Sie mit Summen, die für viele Menschen wenig fassbar sind. Millionen, Milliarden, wie haben Sie den Überblick behalten?

Waigel: Manchmal wurde mir schon schummrig. 1991, nach dem ersten Golfkrieg, nahm mich der US-Finanzminister Nick Brady zur Seite und sagte unvermittelt: Deutschland muss sich am Wiederaufbau des Irak beteiligen. So mit 15 bis 18 Milliarden Mark. Da hab' ich gezuckt.

SZ: Und was macht man in einer solchen Situation?

Waigel: Meine Ausrede war immer: Ich muss erst mal mit dem Kanzler reden. Das hat meistens gezogen.

SZ: Finanzminister, ist das nicht der allerletzte Ministerjob? Zu den anderen Politikern immer Nein sagen, Bürgern liebgewonnene Steuervorteile nehmen . . .

Waigel: ...ja, ja, und ganz schnell heißen Sie "Herr der Löcher". Aber andererseits: Sie haben ganz viel zu entscheiden. Wie heißt es: Nach der Pfeife des Ministers der Finanzen, da müssen sie alle tanzen. Das war Edmund Stoibers größter Fehler: Dass er die Chance vergeben hat, Finanzminister zu werden, weil ihm seine Büchsenspanner gesagt haben: Das ist zu unpopulär.

SZ: Warum war das ein Fehler?

Waigel: Er wäre heute mit einem fast ausgeglichenen Haushalt populär und hoch anerkannt.

SZ: Statt gewesener Ministerpräsident zu sein. Wie schlägt man eigentlich als Finanzminister den Kabinettskollegen Wünsche ab?

Waigel: Oh, schwierig. Man hat so seine Tricks. Lustig war es einmal mit dem Gerhard Stoltenberg, der war erst Finanz- und dann Verteidigungsminister. Als er mit einer Wunschliste kam, hab' ich ihm die Kürzungsvorschläge vorgelegt, die er selbst noch als Finanzminister für die Bundeswehr vorbereitet hatte. Da konnte er wenig dagegen sagen. Das war ein bisschen gemein.

SZ: Als gemein galten Sie eher selten. Anfang der neunziger Jahre wollten Sie bayerischer Ministerpräsident werden. Edmund Stoiber hat Sie ausgestochen, nicht immer fair. Trauern Sie dem Amt nach?

Waigel: Im Nachhinein sage ich: Nein.

SZ: Das müssen wir Ihnen jetzt glauben.

Waigel: Wenn ich nicht Finanzminister geblieben wäre und für den Euro gekämpft hätte, wäre er vielleicht gescheitert. Was es da für Widerstände gab! Eines Tages 1998 haben mich nachts zwei CSUler angerufen und gesagt, sie wollten mich nur in Kenntnis setzen: In der nächsten Sitzung beschließt das bayerische Kabinett, im Bundesrat gegen den Euro zu stimmen. Da habe ich Stoiber angerufen und gesagt: Ihr stimmt gegen den Euro? Wenn ihr das macht, trete ich in derselben Sekunde als Parteichef und Minister zurück. Und zwar nicht leise. Du stürzt die CSU in die größte Krise der vergangenen 30 Jahre.

SZ: Im Kampf für die Währungsunion blieben Sie Finanzminister und wurden weder Ministerpräsident noch Banker. Heute werden Sie vor allem nach dem Euro befragt. Schon wieder: Der Euro als Ihr Schicksal.

Waigel: So ist es wohl.

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SZ vom 20.06.2008/jkr
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