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Reden wir über Geld (2): Walter Riester:"Aufsteiger protzen gerne mit dicken Zigarren"

Riester: Da bin ich sicher: nein! Ich hätte die selben Entscheidungen durchgesetzt - dieses System war unnötig.

Geld kassieren für "seine" Riester-Rente, die er selbst politisch durchsetzte - kein Beigeschmack?

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Ihr früherer Boss Steinkühler mit seinen Aktiengeschäften, die Lustreisen der VW-Betriebsräte mit Klaus Volkert an der Spitze, früher die raffgierigen Bosse bei der Immobilienfirma Neue Heimat. Warum passiert es immer wieder, dass Arbeiterführer beim Geld maßlos werden?

Riester: (denkt lange nach) Darauf gibt es keine schnelle Antwort.

SZ: Ist die Verlockung des Geldes zu groß für Gewerkschafter, die aus einfachen Verhältnissen stammen?

Riester: Das ist zu einfach. Als Gewerkschafter wächst man im Unternehmen in ein System hinein, in dem sich alle bedienen. Dinge, die man kritisch sah, betrachtet man plötzlich als alltäglich. Der Klaus Volkert wollte auf Augenhöhe mit den Managern sein. Auch beim Geld.

SZ: Haben Arbeiterführer noch eine besondere moralische Verpflichtung gegenüber den Beschäftigten?

Riester: Als Gewerkschafter kann man denken: Bei Tarifverhandlungen hole ich Milliarden für die Arbeitnehmer heraus. Also habe ich das hohe Gehalt verdient. Manager sagen ja auch: Ich habe einen so großen Mehrwert der Firma bewirkt, dagegen ist mein Gehalt ein Nasenwasser.

SZ: Haben Sie Gewerkschafter erlebt, die wegen ihres Gehalts und Status abhoben?

Riester: Ja. Ein ehemaliger Kollege ließ sich von seinem Fahrer immer die Aktentasche nachtragen. Ich sagte zu meinem Fahrer: Sag' mir bitte sofort, wenn ich so anfange. Ich finde es grässlich, wenn einer so etwas tut. Vor allem Menschen aus ärmlichen Verhältnissen können oft mit der neuen Situation in einem Spitzenjob nicht umgehen. Diese Aufsteiger protzen gerne mit dicken Zigarren.

SZ: Wie Gerhard Schröder?

Riester: Eher andere. Ich kenne Ex-Minister, die nach ihrer aktiven Zeit um Personenschutz für sich kämpfen, obwohl ihnen keine Sau etwas tun will.

SZ: Wird man als Politiker dem Alltag normaler Menschen entwöhnt?

Riester: Absolut.

SZ: Haben Sie als Minister so wie Hans-Dietrich Genscher dem Referenten das Bezahlen überlassen, weil sie keine eigene Brieftasche hatten?

Riester: Ich habe immer auf meine eigenen Brieftasche bestanden...

SZ: ... die Sie aber schon mal vergessen hatten, wenn Sie mit einem Journalisten beim Frühstück saßen.

Riester: Das war wohl eine Ausnahme.

SZ: Sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Als Sie vier Jahre alt waren, trennte sich Ihre Mutter von Ihrem Vater, der untreu war. 1947, da litt Deutschland noch unter Kriegsfolgen.

Riester: Das Geld war sehr knapp. Meine Mutter und ich wohnten in einem Zimmer zur Untermiete. Sie verdiente in einer Stanzerei 90 Mark im Monat. Lange Zeit gab's bei uns nur Kartoffelpüree und Tomaten zum Abendessen. Immer Kartoffelpüree und Tomaten. Mein Eldorado war die Straße, da fühlte ich mich nicht arm, da boxte ich mich durch.

SZ: Wie ging es auf der Straße zu?

Riester: In meinem Zeugnis stand: "Seine Rauflust gibt zu Klagen Anlass."

SZ: Mit 13 Jahren machten Sie eine Lehre als Fliesenleger für 75 Mark im Monat. In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, Sie mussten Zementsäcke schleppen und wurden als Hilfsarbeiter ausgebeutet, statt ausgebildet zu werden.

Riester: Als ich so ausgebeutet wurde, protestierte meine Mutter beim Meister. Der hat die schweren Jobs einfach auf einen anderen übertragen. Daraus lernte ich: Es reicht nicht, alleine zu kämpfen. Arbeiter müssen zusammen kämpfen.

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