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Reden wir über Geld (2): Walter Riester:"Aufsteiger protzen gerne mit dicken Zigarren"

Der ehemalige Arbeitsminister Riester über ein Millionen-Jobangebot von VW, raffgierige Gewerkschafter und das Riester-Schwein.

Alexander Hagelüken, Alexander Mühlauer

Walter Riester wird am 27. September 1943 in Kaufbeuren im Allgäu geboren. Nach der Meisterprüfung als Fliesenleger besucht er die Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main. Bereits als 14-Jähriger tritt er in die Gewerkschaft ein. Neun Jahre später wird er SPD-Mitglied. Von 1976 bis 1998 sitzt Riester in Aufsichtsräten großer Unternehmen wie Daimler, Thyssen und Bosch. Fünf Jahre lang ist er Vize-Chef der IG Metall, von 1998 bis 2002 Bundesarbeitsminister. Sein größter politischer Erfolg ist die nach ihm benannte Riester-Rente, eine staatlich geförderte Zusatz-Vorsorge fürs Alter.

Water Riester vor einer Sitzung des Bundeskabinetts im August 2002. Heute spricht er über das Jobangebot seines Lebens.

(Foto: Archiv-Foto: dpa)

Sein Abgeordnetenzimmer im Bundestag ist höchstens ein Drittel so groß wie früher sein Ministerbüro. Also ziemlich klein. Platz haben: Schreibtisch, Stuhl, Regal, Fernseher und ein trotz Machtverlusts fröhlicher Politiker, der den verspäteten Erfolg der Riester-Rente genießt. An der Wand eine Luftaufnahme seines Ferienhauses in Kärnten. Die Fliesen hat er damals als Minister selbst verlegt, im Urlaub. Für den gelernten Fliesenleger Ehrensache.

SZ: Sie waren Minister und Vizechef der weltgrößten Industriegewerkschaft. Was war Ihr lukrativstes Jobangebot?

Walter Riester: Das beste Angebot kam aus Wolfsburg, 1993. Der damalige VW-Chef Ferdinand Piëch war in Spanien beim Autotesten, als er mich anrief und sagte: Ich möchte Sie haben! Als Personalvorstand.

SZ: Fühlten Sie sich geschmeichelt?

Riester: Das war mehr als schmeichelhaft. Piëch nannte VW den größten Sanierungsfall der Bundesrepublik. Rein rational müsse man die Wolfsburger Werke mit ihren 64.000 Beschäftigten schließen. Das wäre aber katastrophal für die Menschen, sagte er. Den Neuanfang wollte er mit José Ignacio Lopez schaffen. Und mit mir, damals Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg.

SZ: Wie hoch war der Posten dotiert?

Riester: Über Geld haben wir nicht gesprochen. Als Piëch mein Zögern bemerkte, schickte er mir einen Vertrag zu, von ihm unterzeichnet. Den habe ich heute noch zu Hause liegen. 1,5 Millionen Mark hätte ich im Jahr bekommen.

SZ: Viel Geld. Damals verdienten Manager in den Dax-Konzernen weit weniger als heute. Sie bekamen als IG-Metall-Vize gut 250.000 Euro, später als Minister sogar weniger. Warum haben Sie nicht unterschrieben?

Riester: Die Aufgabe hat mich gereizt, das Geld weniger. Ich sagte zu meiner Frau: Was wir brauchen, können wir uns auch ohne den VW-Job leisten. Wenn ich da anfange, vererben wir unserem Sohn mehrere Millionen. Wäre das gut für seinen Charakter? Hundertprozentig nicht.

SZ: Deshalb haben Sie abgesagt?

Riester: Nein. Während ich verhandelte, wurde bekannt, dass IG-Metall-Chef Franz Steinkühler als Daimler-Aufsichtsrat an Insidergeschäften mit Aktien verdiente. Als er zurücktrat, war für mich klar: Ich kann jetzt nicht auch noch von der IG Metall weggehen. Ich habe dann für VW Peter Hartz vorgeschlagen.

SZ: Seien Sie froh, dass Sie nicht VW-Personalchef wurden. Sonst hieße die Sozialhilfe statt Hartz IV heute Riester IV und die Schlagzeilen der Boulevardpresse: "Armutsfalle Riester IV".

Riester: Das hätte mir nicht gefallen.

SZ: Hätte es unter einem VW-Personalchef Walter Riester bezahlte Lustreisen von Betriebsräten mit Prostituiertenbesuchen auf Konzernkosten gegeben?

Riester: Ganz sicher nicht. Mit so etwas macht man sich total angreifbar.

SZ: Sie hätten ja nicht mitmachen, sondern nur für die anderen zahlen müssen.

Riester: Ich hätte nicht gesagt, dass könnt Ihr nicht machen, weil Ihr verheiratet seid. Das muss jeder selbst entscheiden. Aber ich hätte versucht aufzuzeigen, dass man sich in zu große Abhängigkeit vom Unternehmen begibt, wenn man sich das bezahlen lässt.

SZ: VW musste ja die Kosten senken. War dieses System der bezahlten Lustreisen notwendig, um den Betriebsräten unangenehme Entscheidungen abzuringen?

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