Recycling Neues Leben für alte Bauteile

Bauteilbörsen retten gebrauchte Türen, Fenster und andere historische Gegenstände vor der Entsorgung und bieten sie Interessierten zum Kauf an. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel.

Von Joachim Göres

Ein großer Lagerraum, voll mit gebrauchten Baumaterialien: Glassteine, Waschbecken, Fenster und vor allem Türen. Immer dienstags können sich in der Bauteilbörse Hannover Interessierte auf die Suche nach passenden Teilen begeben, zum Beispiel für ihre Altbauwohnung. Ein Paar sucht eine schmale Holztür für sein Gartenhaus. "Die Graue mit dem Oberlicht gefällt mir gut", sagt die Frau. "Das Glas ist für mich nicht zwingend. In die graue Tür müssen wir zu viel Arbeit reinstecken. Nehmen wir lieber die hier", entgegnet ihr Mann und weist auf eine abgebeizte Holztür aus den 40er-Jahren. "Andy, so schlecht ist die graue doch gar nicht, außerdem ist der Briefschlitz richtig schön. Die passt genau zu unserem Gartenhaus", argumentiert die Frau - und ihr Mann gibt sich geschlagen, die graue Tür wird für 20 Euro gekauft. "Ich finde es gut, dass das Recycling hier gefördert wird. Im Handel würden wir so eine Tür nicht mehr bekommen, außerdem ist die Wiederverwertung im Sinne der Umwelt", sagt die Frau.

Alte Baustoffe sollen nicht auf der Deponie landen oder zu einem minderwertigen Recyclingprodukt geschreddert werden - das ist die Idee der Bauteilbörsen. Sie bauen die nach einer Sanierung oder einem Abriss nicht mehr benötigten Materialien aus und transportieren sie kostenlos ab, bereiten sie auf und verkaufen sie weiter. "Aus ökologischen Gründen melden sich aber die wenigsten bei uns. Viele suchen gezielt nach historischen Teilen aus der Zeit, als ihr Haus gebaut wurde. Und viele Anbieter finden es einfach schade, wenn nach einem Abbruch schöne alte Türen einfach auf dem Müll landen", sagt Katrin Fiedler, Mitarbeiterin der Bauteilbörse Bremen.

Großes Angebot: Das 300 Quadratmeter umfassende Lager der Bauteilbörse Hannover ist gut gefüllt.

(Foto: Gert Schmidt/Bauteilboerse Hannover)

Mehr als 900 Türen finden sich in der Bauteilbörse der Hansestadt, mehr als die Hälfte des Umsatzes wird damit gemacht. Auch Türbeschläge sind begehrt. Bei Fenstern hält sich das Interesse dagegen in Grenzen - einfachverglaste historische Fenster verwendet man wegen der Optik vielleicht im Schuppen, aber wegen der schlechten Energiewerte nicht in der Wohnung. "Ganz neu oder ganz alt ist gefragt. Teile aus den 60er- und 70er-Jahren wird man nur schwer wieder los", sagt Fiedler. Derzeit bekommt sie mehr Sachen angeboten, als nachgefragt werden: "Heute musste ich zweimal bei Waschbecken Nein sagen, weil wir davon derzeit genügend haben."

Insgesamt scheint die Hochzeit der Bauteilbörsen vorbei zu sein: In den vergangenen Jahren haben Anbieter in Oldenburg, Rheda-Wiedenbrück, Gießen, Köln, Augsburg, Saarbrücken, Weißenburg und Nordhausen aufgegeben. "In den Bauteilbörsen haben mal 1200 Menschen gearbeitet. Mit Zuschüssen der Agentur für Arbeit ist 200 Menschen der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt gelungen. 2012 wurden diese Gelder gestrichen, danach war in vielen Bauteilbörsen leider Schluss", sagt Ute Dechantsreiter. Die Architektin war 2001 in Bremen Mitgründerin der ersten Bauteilbörse und ist heute Geschäftsführerin des Bundesverbandes Bauteilnetz Deutschland, dem Bauteilbörsen in Bremen, Hannover, Luckenwalde, Herzogenrath und Gronau angehören. Sie bieten gebrauchte Materialien auch über die Homepage www.bauteilnetz.de an.

Gert Schmidt, Leiter der Bauteilbörse Hannover, sitzt auf alten Türen.

(Foto: Joachim Göres)

In Bremen hat die Bauteilbörse mittlerweile fünf Mitarbeiter, die Bremer Stadtreinigung trägt zur Finanzierung des Betriebes beiträgt. In Gronau an der niederländischen Grenze ist die städtische gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft "Chance" Träger der Bauteilbörse. In Kooperation mit Abrissunternehmen werden nicht mehr benötigte Bauteile von Mitarbeitern der Bauteilbörse aus Abbruchhäusern und Gebäudeumbauten ausgebaut - dies ist Teil der Qualifizierung zur "Fachkraft für die Bauteile-Wiederverwertung". Fachkenntnisse sind vor allem für den Ausbau wichtig, damit es dabei nicht zu Schäden kommt. Im vom Bauteilnetz herausgegebenen Handbuch "Bauteile wiederverwenden - Werte entdecken" bewerten Fachleute den Schwierigkeitsgrad. Danach gilt der Ausbau von Pflastersteinen und Zäunen als leicht, von Dachziegeln, Fenstern, Türen, Badewannen und Heizkörpern als mittel, von Parkett- und Dielenböden sowie Fensterbänken als hoch und von Metallkonstruktionen und Treppen als sehr hoch. Für alle Objekte werden gute beziehungsweise sehr gute Erlöse erwartet - die Schwierigkeit besteht häufig im Transport der schweren Teile und der sachgerechten Lagerung.

In Hannover sorgt ein ehrenamtlich tätiger Verein für den Betrieb der Bauteilbörse. "Wir nehmen derzeit keine alten Materialien an, denn unsere Fläche ist mit 300 Quadratmetern viel zu klein für weitere Teile", sagt Geschäftsführer Gert Schmidt. In seiner Kartei stehen 80 Interessenten, die regelmäßig darüber informiert werden, wo und wann bei Umbauten und Abbrüchen in Hannover und Umgebung zum Beispiel wiederverwendbare Steine und Dachziegel anfallen. Zum Konzept gehört auch, Besucher der Bauteilbörse zum Upcycling anzuregen - am Eingang steht eine Eckbank, gebaut aus zwei alten Türen. Schmidt will künftig stärker auf hochwertige gebrauchte Bauteile setzen. "Außerdem wollen wir bei uns ökologische Baustoffe zeigen und Interessenten beraten. Dafür hoffen wir auf eine Kooperation mit Herstellern. Letztlich brauchen wir ein sehr viel größeres Lager und feste Mitarbeiter für einen professionellen Betrieb", sagt Schmidt.

Abfall vermeiden

Das Bauwesen ist in Deutschland der größte Abfallproduzent. Mineralische Baustoffe stellen mit jährlich mehr als 200 Millionen Tonnen laut Bundesumweltamt die größte Abfallgruppe dar. Nach Berechnungen des Bauteilnetzes Deutschland können durch eine Bauteilbörse, die pro Jahr etwa 2500 gebrauchte Objekte verkauft, 140 Tonnen Bauabfälle vermieden werden. Bauteilbörsen konnten durch zwölf Rückbauprojekte, bei denen in den vergangenen Jahren intakte Baustoffe vor einem Abriss oder einer Sanierung ausgebaut und später wiederverwendet wurden, 144 000 Kilo Rohstoffe, 29 000 Kilo CO²-Emissionen und 151 000 Kilowattstunden Energie einsparen. In einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekt wurde an der TU München ein Gebäude-Stoffpass entwickelt. Er soll die bei Neubauten eingesetzten Baustoffe erfassen, um sie später bei einem Rückbau besser nutzen zu können. Joachim Göres

Außer den Bauteilbörsen gibt es etwa ein Dutzend gewerbliche Händler, die sich im Unternehmerverband Historische Baustoffe zusammengeschlossen haben (www.historische-baustoffe.de). "Die interessieren sich aber nur für Baustoffe bis 1940", sagt Architektin Dechantsreiter. Sie weiß, dass alte Bauteile nach einem Abriss oder einem Umbau nach Stoffen sortiert werden, um sie nach Möglichkeit zu recyceln. Dabei wird der größte Teil aber nur für minderwertige Produkte eingesetzt. "Wenn man alte Steine schreddert, um sie für den Straßenbau zu verwenden, dann ist das kein hochwertiges Recycling, denn es wird dafür viel Energie eingesetzt", sagt Dechantsreiter und fordert: "Viel besser ist die Sicherung und der Wiedereinsatz von gebrauchten Baumaterialien. Diese Aufgabe sollten die städtischen Bauhöfe übernehmen, um etwas für den Klimaschutz zu tun. Im Kreislaufwirtschaftsgesetz steht die Abfallvermeidung an erster Stelle, das müsste endlich ernst genommen werden."