Profispielerin Sandra Naujoks "Beim Pokern hilft kein tiefer Ausschnitt"

Pokerspielerin Sandra Naujoks über Männer, Millionengewinne - und wann es an der Zeit ist, auch mal drei Asse wegzuwerfen.

Von A. Hagelüken, J. Schmieder und H. Wilhelm

München, Maximilianstraße, teures Hotel, Raucherlounge. In einer Ecke sitzt Sandra Naujoks, 28, aus Berlin. Später wird sie eine teure Zigarre rauchen. Doch vorher erzählt sie zwei Stunden lang, wie sie Deutschlands erfolgreichste Pokerspielerin wurde - vor allen Kerlen. In einer Ecke unterhalten sich zwei Russen. Zwischen den fremdsprachigen Wortfetzen sind Zigarrenmarken herauszuhören, "Koiba" und ,"Chhhhulieta".

Pokerspielerin Sandra Naujoks entgeht kein Zucken ihres Gegenspielers.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Frau Naujoks, reden wir über Geld. 2009 räumten Sie bei einem Turnier 900.000 Euro ab. Was muss ein guter Poker-Spieler können?

Naujoks: Seine Gegner analysieren. Wie bewegt sich die Halsschlagader, zuckt da ein Muskel? Beugt sich ein Spieler nach vorne, braucht er Hilfe bei seinen Karten. Lehnt er sich relaxt nach hinten, hat er Gutes auf der Hand.

SZ: Üben Sie vor dem Spiegel, ein Pokerface zu zeigen?

Naujoks: Nein. Dafür braucht man Talent. Wenn Sie bei jeder kleinen Notlüge rote Ohren kriegen, können Sie es vergessen.

SZ: Mehr Tipps bitte, damit wir uns in der Kantine wichtig machen können.

Naujoks: Mancher verlässt sich auf Wahrscheinlichkeiten, mancher auf die Gesichter der Gegner. Außerdem geht es um Investitionen, Strategien, Risikomanagement. Ich will Gegner glauben lassen, dass ich stärker bin - ein Bluff. Genau wie ein Unternehmer, der teure Broschüren druckt und ins Empfangszimmer Designermöbel stellt statt Ikea.

SZ: Und Ihre besondere Stärke?

Naujoks: Man sagt, dass ich gut die Gänge wechsle. Ich kann vorsichtig spielen und im richtigen Moment aggressiv nach vorne. Diese Disziplin haben viele Männer nicht. Die geben entweder nur Vollgas. Oder sie spielen zu weich und gehen im richtigen Moment kein Risiko ein.

SZ: Fällt es einer Frau leichter, die Gänge zu wechseln?

Naujoks: Ich kann schon eher mal das Ego zurückstellen als ein Mann.

SZ: Deutschlands erfolgreichster Pokerspieler - eine Frau. Haben Männer ein Problem damit, gegen Sie zu verlieren?

Naujoks: Ja. Ab und an profitiere ich davon, wenn einer nur Vollgas gibt, um bloß nicht zu verlieren. Da stecke ich ein, bis ich die richtige Hand habe - und werfe ihn dann vom Tisch. Den Weltmeister etwa habe ich auf den Bahamas so rausgeworfen. Mann, war der sauer.

SZ: Ist es hart, erst mal einzustecken?

Naujoks: Ja. Das können viele Männer schlechter. Die reize ich zweimal und sie hören auf, ihre klare Linie zu spielen. Demut ist beim Poker sehr wichtig. Man gewinnt Spiele, indem man im richtigen Moment die Karten wegwirft. Wie beim Neuen Markt im Jahr 2000: Es haben die gewonnen, die im richtigen Moment aus den Aktien ausstiegen.

SZ: Wann tat es weh, auszusteigen?

Naujoks: Ich habe mal drei Asse weggeworfen.

SZ: Autsch. Das verstehen sogar wir.

Naujoks: Ich war mir einfach sicher, dass der andere noch stärkere Karten hat. Dann ist es nur konsequent, die Asse wegzuwerfen. Ich habe mehr als die Hälfte meiner Chips verloren.

SZ: Wie lange spielen Sie schon Poker?

Naujoks: Seit fünf Jahren. Und seit einem Jahr professionell, also mit Sponsorvertrag und so, dass ich die großen internationalen Turniere spiele.

SZ: Sie hatten vor nur fünf Jahren das erste Mal Karten in der Hand?

Naujoks: Naja, ich kannte das schon aus der Schulzeit, wenn ich mal ums Pausenbrot spielte.

SZ: Oh Gott, wir müssen mal sehen, was unsere Kinder so machen...

Naujoks: Genau! (lacht)

SZ: War es leicht, Ihren Eltern zu sagen, dass Sie professionelle Pokerspielerin sein wollen?

Naujoks: Es ist schwierig, als 27-jährige zu sagen: Ich spiel Poker, ich mache nichts anderes. Ich sagte meinem Vater: Gib mir ein halbes Jahr, wenn ich bis dahin kein Profi bin, gebe ich den Traum auf. Vier Monate später hielt ich einen Scheck hoch: So, Papi.

SZ: Wie hoch war der Scheck?

Naujoks: 175.000 Euro. Als ich den einlöste, guckte mich der Bankmitarbeiter groß an und sagte: Das ist eine Dimension, in der ich nicht mehr für Sie zuständig bin.

SZ: Was haben Sie sich davon gekauft?

Naujoks: Gar nichts. Klingt unwahrscheinlich, ich weiß. Aber als Pokerspieler braucht man Geld, um es einzusetzen. Auch da ist Disziplin wichtig. Erst als ich 900.000 Euro gewann, gönnte ich uns etwas: Meinem Vater eine Harley Davidson, mir einen kleinen schwarzen Sportwagen.

SZ: Wie war es, so viel zu gewinnen?

Naujoks: Ich bin erst mal ausgestiegen. Ich war auf dem Weg zu meinen Eltern und merkte plötzlich, dass alles zu viel war. Ich bin bei der nächsten Ausfahrt raus, ins Wellnesshotel und habe stumpf drei Tage lang Fernsehen geguckt. Ich brauchte diese Ausfahrt, um mich darauf vorzubereiten, was alles kommen würde.

SZ: Was denn?

Naujoks: Aufmerksamkeit.

SZ: Hebt man da ab?

Naujoks: In dem Spiel verliert man so oft, da bleibt man automatisch auf dem Boden. Schon bei den kleinsten Turnieren spielen 300 Mann. Selbst da ist es schwierig, den Ersten zu machen. Und werde ich Zweite, bin ich enttäuscht.

SZ: Poker ist ein Männerspiel.

Naujoks: Ich bin Exotin. Manche Männer denken: Was will die hier, die soll sich an die Bar setzen, damit ich sie nachher abschleppen kann.

SZ: Hilft Ihr Aussehen beim Spiel?

Naujoks: Natürlich ist es gut, wenn man nicht aussieht wie ein Toaster. Aber wir spielen bei den Turnieren um viel Geld - da hilft kein tiefer Ausschnitt. Nicht mal bei den Fischen.

SZ: Wer sind denn Fische?

Naujoks: Beim Poker gibt es die Haie, die Profispieler, und die Fische, die Opfer. Zu den Fischen gehören die Anfänger und die, denen es eben egal ist, ob sie verlieren oder gewinnen. Die werden ausgesaugt, aufgefressen.

SZ: Und ein Profi sucht sich den Tisch, wo die meisten Fische sitzen?

Naujoks: Ein Tisch mit vielen Haien ist unlukrativ. Aber an Fischen mangelt es in der Regel nicht. Die vermehren sich schnell und das ist gut so. Insgesamt muss man aber sagen: Das Feld wird immer stärker. Es kommen viele junge Spieler aus dem Internet, und die spielen risikoreicher, schneller, spekulativer.

SZ: Die Preisgelder werden immer höher. Lockt das Menschen an, die denken, sie können großes Geld machen?

Naujoks: Ich verrate Ihnen jetzt mal was. Als Pokerspieler beschäftigt man sich ja mit Wahrscheinlichkeiten. Also: Bei einem Turnier gewinnen zehn Prozent etwas. Der Rest geht leer aus und bleibt auf Reisekosten und der Startprämie von ein paar tausend Dollar sitzen. Das muss sich jeder verdammt gut überlegen.

SZ: Wann setzen Sie sich zur Ruhe?

Naujoks: Viele Spieler verlieren nach einem großen Erfolg die Lust, nehmen das Geld und setzen sich ab. Ich habe das Ziel, im Spieler-Ranking ganz oben zu sein. Deshalb bleibe ich noch ein paar Jahre dabei und spiele die internationalen Turniere. Das ist das Leben eines Tennisprofis. Ich reise 300 Tage im Jahr. Zu Hause stehen drei Koffer: einer für Sommer, einer für mittlere Temperaturen, einer für den Winter. Ich komme an, nehme einen neuen Koffer, fahre wieder los.

SZ: Unterscheiden sich die Nationen? Spielen Amerikaner anders?

Naujoks: In Amerika spielt man weicher. In Europa aggressiver...

SZ: ... das ist ja überraschend.

Naujoks: Beim Poker funktionieren Ihre üblichen Schablonen nicht. Die Skandinavier spielen am aggressivsten...

SZ: Auch das noch! Gleich erzählen Sie uns, dass Albaner besonders weich spielen ... und Russen auch.

Naujoks: (lacht) Wenigstens in einem kann ich Sie beruhigen: Franzosen und Italiener sind wie im Liebesleben sehr temperamentvoll, werfen mit Chips wild um sich.

SZ: Wenigstens ein Klischee stimmt. Die Deutschen spielen .. . diszipliniert?

Naujoks: Ja, das kann man so stehen lassen. Wir sind eine starke Pokernation.

SZ: Pokerspielen ist bei uns nur halb legal.

Naujoks: Die Spielbanken haben das Monopol darauf und der Staat verdient daran. Deshalb ist alles außerhalb der Kasinos verboten. Pokern wird als Glückspiel eingestuft. Das ist es aber nicht.

SZ: Es gibt Leute, die verzocken damit Haus und Hof.

Naujoks: Ich habe einen Freund, der spielt seit 15 Jahren jede Woche Lotto. Rechnen Sie sich aus, wie viel Geld er so verloren hat.

SZ: Wenn Poker nicht als Glückspiel gelten würde, müssten Sie Ihre Gewinne versteuern.

Naujoks: Andere Länder haben das Modell der Quellensteuer das wäre eine faire Lösung.

SZ: Aber Sie würden, sagen wir, 45 Prozent an Steuern und Abgaben zahlen.

Naujoks: Da sind Sie im Rechnen schneller als ich. Vielleicht sollten Sie Pokerspieler werden? (lacht) Mehrere Kollegen von mir haben bereits laufende Verfahren. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

SZ: Nächstes Mal müssen wir Sie einladen, weil Sie dank Steuer pleite sind.

Naujoks: Absolut. Dann geht die Rechnung auf Sie.