Süddeutsche Zeitung

Ortsentwicklung:Sanieren statt bauen

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Die Gemeinde Hiddenhausen unterstützt junge Familien, die alte Häuser kaufen. Wie das Programm dabei hilft, die Zersiedelung des Ortes zu stoppen, erklärt der Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer.

Von Rainer Müller

Die Gemeinde Hiddenhausen in Ostwestfalen ist 1969 aus dem Zusammenschluss von sechs Dörfern hervorgegangen und hat knapp 20 000 Einwohner (Stand Ende 2015). Beim Thema Siedlungspolitik hat ein Umdenken stattgefunden - die Gemeinde weist keine Neubaugebiete mehr am Stadtrand aus, sondern fördert gezielt junge Familien, die nicht bauen, sondern alte Häuser im Ortszentrum erwerben. "Jung kauft Alt" heißt das Förderprogramm, das von der Bevölkerung angenommen wird und inzwischen Nachahmer gefunden hat. Ulrich Rolfsmeyer, seit 2004 Bürgermeister von Hiddenhausen und SPD-Mitglied, erklärt es.

SZ: Herr Rolfsmeyer, Hiddenhausen hat 2007 das Programm "Jung kauft Alt" gestartet. Warum?

Ulrich Rolfsmeyer: 2004 hatte der Regierungsbezirk Detmold eine Bevölkerungsprognose veröffentlicht. Darin hieß es, dass von 70 Gemeinden rund 50 wachsen werden und 20 schrumpfen. Wir gehörten in die zweite Gruppe. Uns wurde ein Bevölkerungsrückgang von 21 000 auf 18 500 Menschen bei fortgesetztem demografischem Wandel vorhergesagt. Daraufhin haben wir uns die Siedlungsentwicklung der vergangenen 50 Jahre angeschaut und gesehen, wie Hiddenhausen in die Fläche gegangen ist - vor allem durch den Bau von Einfamilienhäusern. Im nächsten Schritt haben wir untersucht, wie viele der Häuser heute von Menschen über 70 Jahre bewohnt werden und wo es dementsprechend in den nächsten Jahren zu Eigentumsübertragungen kommen könnte.

Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Vielen Wohngebieten droht deutliche Überalterung und schließlich auch wachsender Leerstand. Damit war auch klar, dass es immer teurer werden würde, die Infrastruktur aufrecht zu halten. Die Nahversorgung durch Einzelhandel würde sich nicht in jedem der sechs Ortsteile von Hiddenhausen halten können, Grundschulen müssten schließen, Abwassergebühren würden steigen. Wir mussten etwas tun und haben 2007 das Förderprogramm aufgelegt. Gleichzeitig haben wir die Außenentwicklung gestoppt und weisen am Ortsrand von Hiddenhausen keine Neubaugebiete mehr aus. Die kurzfristigen Gewinne durch den Verkauf von Bauland und durch Einkommenssteuer, Grundsteuer werden sonst nach 20 bis 30 Jahren durch die Kosten und Folgekosten der nötigen Infrastruktur vernichtet. Wir konzentrieren uns jetzt völlig auf die Innenentwicklung.

Wie funktioniert "Jung kauft Alt"?

Jeder, der ein Haus kaufen möchte, das mindestens 25 Jahre alt ist, kann die Förderung beantragen. Diese besteht aus zwei Bausteinen: Erstens unterstützen wir finanziell die Anfertigung eines Altbaugutachtens, damit die Kaufinteressenten böse Überraschungen vermeiden, die bei der Sanierung eines Altbaus auftreten können. Zweitens bezuschussen wir den eigentlichen Hauskauf mit bis zu 9000 Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren. Das ist nicht so viel, aber eine klassische Familie entlasten wir immerhin um 100 Euro pro Monat. Das Programm wird sehr gut angenommen. Beim Start im Jahr 2007 hatten wir als Gemeinde noch ein Budget von 20 000 Euro, heute sind es 270 000 Euro. Damit können wir jedes Jahr den Kauf von rund 40 Bestandsgebäuden unterstützen.

Und wie kommt das Programm an?

Wir haben jetzt schon den Erwerb von über 430 alten Häusern gefördert, halten den Leerstand bei rund zwei bis drei Prozent des Wohngebäudebestandes. Es ist uns außerdem gelungen, die Wanderungsbilanz zurückzudrehen und alle sechs Grundschulen zu erhalten. Dort wird sogar die Ganztagsbetreuung ausgebaut und es kamen zwei neue Kindergärten hinzu. Die soziale und technische Infrastruktur kann erhalten werden, Nachbarschaften und Immobilienpreise bleiben stabil, die weitere Zersiedelung wurde gestoppt. Wer lieber neu bauen möchte, kann das auch in Hiddenhausen tun: Hinterlandbebauung großer Grundstücke oder Schließung von Baulücken ist weiterhin ebenso möglich wie Abriss und Ersatzbebauung, die wir ebenfalls fördern. Mit "Jung kauft Alt" haben wir mittlerweile zahlreiche Nachahmer in ganz Deutschland gefunden.

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Quelle:
SZ vom 23.06.2017
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