Ökonom Bofinger Spekulanten aus der Flasche

sueddeutsche.de: Sie waren von Anfang an ein Euro-Befürworter. Kommen Sie mit Blick auf das wankende Griechenland jetzt ins Grübeln?

Bofinger: Der Ansatz muss doch sein, dass man anstelle eines monetären Nationalismus gemeinsam vorgeht und auf der europäischen Ebene in wichtigen Punkten die eigenen Interessen voranbringt. Die Währungsunion ist ein ganz wichtiges Instrument, um die Spekulationen auf dem Devisenmarkt auszuschalten. Alle schimpfen immer über die bösen Spekulanten und die bösen Banken. Mit der Währungsunion sind die gesamten Spekulationen zwischen europäischen Währungen über Nacht ausgeknipst worden. Das war ein genialer Schachzug! Mit der Wiedereinführung nationaler Währungen kämen diese gefährlichen Spekulanten wieder aus der Flasche.

sueddeutsche.de: Spekulanten waren auch im Fall Griechenland am Werk.

Bofinger: Aber ihre Möglichkeiten sind vergleichsweise begrenzt. Es geht immer um Wetten zwischen Spekulanten. Der eine wettet, dass Griechenland insolvent wird, der andere nimmt die Gegenposition ein. Bei nationalen Währungen ist das anders. Da kann ich mich in dem Land in dessen Währung verschulden, das Geld werfe ich auf den Devisenmarkt, damit mache ich die Währung schwach. Dann warte ich auf die Abwertung - und mache anschließend ein Schnäppchen. So machte es Georg Soros mit dem Pfund im Jahr 1992.

sueddeutsche.de: Sobald der Euro ein wenig zuckt, werden alle nervös. Wo müsste sich der Euro angesichts der innereuropäischen Entwicklungen und der weltwirtschaftlichen Gesamtlage einpendeln?

Bofinger: Die Devisenmärkte sind nun mal manisch depressiv. Wenn der Euro relativ schwach wird, ist das für uns in Europa kein Problem. Das wäre dann ein Problem der Amerikaner.

sueddeutsche.de: Ein schwächerer Euro würde dazu führen, dass die Exporte noch besser laufen.

Bofinger: Das wäre für Deutschland doch großartig, damit hätten wir doch gar kein Problem.

sueddeutsche.de: Aber sind die Exporte in Bezug auf die schwache Binnennachfrage nicht jetzt schon zu stark? Ist das nicht unser ureigenes Problem?

Bofinger: Aber per Saldo ist das immer ein positiver Effekt.

sueddeutsche.de: Der sogenannte faire Wert steht bei 1,20 Dollar für einen Euro. Damit könnten Sie auch leben?

Bofinger: Sicher, ich kann auch mit 80 Cent leben. Das haben wir 2001 gehabt, und das ging ja auch gut. Ganz ehrlich: Ich kann eher mit 80 Cent leben als mit zwei Dollar. Bei 80 Cent erleben wir einen enormen Exportboom, bei zwei Dollar kann unsere Industrie dichtmachen. Aber um nicht falsch verstanden zu werden, aus einer globalen Perspektive ist das eine so schlecht wie das andere.

sueddeutsche.de: Wann wird sich das angezählte Griechenland wieder einrocken? Wann wird sich die Lage wieder beruhigen?

Bofinger: Ein großes Problem ist, dass den europäischen Regierungen bisher der Mut fehlte, eine grundlegende Lösung zu finden. Wir vom Sachverständigenrat haben vorgeschlagen, dass alle Länder im Euroraum einen Konsolidierungspakt entwickeln sollten, in dem jedes Land überprüfbare Maßnahmen festlegt, mit dem es seinen Haushalt konsolidieren will. Solange sich ein Land an diesen Pakt hält, sollte es meines Erachtens Garantien von der Gemeinschaft bekommen, damit es sich vernünftig refinanzieren kann. Da hätten wir auch eine eindeutige Sanktion für Länder, die die Regeln des Pakts verletzen. Und natürlich müsste das, was die Länder gemeinsam machen, überprüft werden in Hinblick darauf, ob es für das Gesamtsystem verkraftbar ist. Das fehlt bisher völlig, mit der Gefahr, das man des Guten zu viel macht. Aber ein solches ganzheitliches Denken ist im Euroraum derzeit leider überhaupt nicht vorhanden.

sueddeutsche.de: Warum ist der Pakt so schwach?

Bofinger: Weil die nationalen Egoismen und die nationalen Populisten dominieren. Das ist ein Armutszeugnis. Überall wird von Globalisierung gesprochen, aber in Europa ist man in der Lage, Dinge gemeinsam anzugehen. Und solange die Regierungschefs diese Bereitschaft nicht erkennen lassen, ist das gesamte Projekt immer wieder anfällig für Spekulationsattacken. Was wir jetzt erlebt haben, wird uns künftig ständig begleiten.

sueddeutsche.de: Haben Sie als Mitglied im Sachverständigenrat der Kanzlerin Angela Merkel eingeflüstert, keine finanziellen Hilfen für Griechenland zur Verfügung zu stellen?

Bofinger: Nein, wir waren nicht involviert.

sueddeutsche.de: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat den Griechen am Sonntagabend im Fall einer Problemverschärfung die Unterstützung der Eurozone zugesagt. Muss am Ende auch der deutsche Steuerzahler für Athen bluten?

Bofinger: Die teuerste Lösung für den deutschen Steuerzahler wäre ein griechischer Staatsbankrott und ein Auseinanderbrechen der Währungsunion.