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Niedrige Baukosten in Deutschland:Wohnen muss teurer werden

Außen pfui - und innen häufig auch: In Deutschland wird zu billig gebaut, kritisiert Architektur-Professor Thomas Jocher.

Bäder ohne Fenster, Fahrstühle für Magersüchtige: Bauen ist in Deutschland relativ günstig, oft genug zu billig. Das hat fatale Auswirkungen auf die Qualität von Neubauten. Und damit auf unsere Lebensqualität, Gesundheit und Seelenlage.

Wohnen muss teurer werden? Das klingt nach einem Schlag ins Gesicht für alle, die gerade eine Wohnung suchen. Zurzeit gewinnt man Wahlkämpfe mit dem Slogan: Mehr bezahlbarer Wohnraum! Senkt nicht die Steuern, schafft günstige Wohnungen! Auf den ersten Blick scheinen die Voraussetzungen günstig. Die Bautätigkeit boomt, Baugeld ist billig. Wer könnte dem also ernsthaft widersprechen?

Bei näherem Hinsehen aber kann man sich schon Sorgen machen. Zwar meinen noch viele, keine Immobilien-Blase zu sehen. Doch steht bei abnehmender Bevölkerung zunehmend Wohnraum zur Verfügung. In der gesamten Nachkriegszeit stieg die Wohnfläche pro Person und Jahr einen halben Quadratmeter; auch jetzt nimmt sie noch jährlich ein Viertel Quadratmeter zu.

Statistisch gesehen wohnt nun jeder Deutsche auf 45 Quadratmetern Fläche - nicht, weil Vater, Mutter und zwei Kinder nun auf durchschnittlich 180 Quadratmetern wohnen, sondern weil die Zahl der Single-Haushalte stark gestiegen ist, in München zum Beispiel auf über 50 Prozent.

Wen versorgt also der gegenwärtige Bauboom? Und mit welcher Qualität?

Oft genug zu billig

Verglichen mit den allgemeinen Lebenshaltungskosten und auch den Löhnen und Gehältern in Deutschland sind die Bauwerkskosten in den vergangenen Jahrzehnten langsam gestiegen. Sie liegen trotz der hohen Energiestandards und Lärmschutzanforderungen auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Bauen ist in Deutschland also verglichen mit dem allgemeinen Lebensstandard relativ günstig. Und oft genug zu billig.

Denn der Kostendruck senkt zunehmend die Qualitätsstandards beim Bauen. "Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso gut töten wie mit einer Axt", schreibt der Maler und Grafiker Heinrich Zille am Beginn des 20. Jahrhunderts. Natürlich sind die Wohnungen heute nicht mehr mit den feuchten Löchern von damals zu vergleichen. Doch auch heute entscheidet, wie wir wohnen, über unsere Lebensqualität, Gesundheit und Seelenlage.

Und da spielt es schon eine Rolle, ob Bäder und Küchen ohne Fenster im Innern der Wohnungen liegen, ob Wohnungen nur für den Augenblick geplant sind oder auch fürs Älterwerden. Was ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind, was, wenn die enge steile Treppe zum unüberwindlichen Hindernis zwischen Wohn- und Schlafzimmer wird? Was, wenn Partnerschaften scheitern und neue Wohngemeinschaften entstehen, bei der möglicherweise jeder Bewohner einen eigenen Rückzugsraum wünscht - oder ein neuer Partner mit Kindern Platz braucht?

Die gegenwärtige Baukultur ist da weitgehend unflexibel. Der junge Start-up muss seinen Besuch am Küchentisch empfangen und hat keine Chance, vielleicht ein Zimmer von der Wohnung abzutrennen. Dem einen fehlt ein Musikzimmer, dem anderen ein Gemeinschaftsraum. Treppenräume entsprechen gerade noch so dem Sicherheitsstandard. Steil gehen die Stufen nach oben, unbequem zu begehen, ohne zweiten Handlauf, es kommt auf jeden Quadratmeter an. An den Fenstern wird gespart, die Verbindung zum Innenhof fällt weg, die Kinder müssen außen herum zum Sandkasten. Ein enger Hauseingang, kein Platz für ein Schwätzchen beim Briefkasten; wer den Briefkasten öffnet, muss den Bauch einziehen.

Kratzer-Garantie für Familien-Vans

Die Garagenplätze sind eng und für Einparkkünstler geschaffen - mit Kratzer-Garantie für Familien-Vans. Waschraum und Trockenraum fehlen im unbelüfteten Keller, ebenso Raum für Kinderwagen oder Rollatoren. Die Wohnungen müssen mit aufwendiger, schadensanfälliger Technik zur künstlichen Beatmung der innenliegenden dunklen Räume ausgestattet werden; die Verkäufer werben dann mit der zweiten Steckdose im Bad. Die Zimmerdecken bleiben möglichst dünn, die Räume bleiben niedrig. Hohe Decken und Fenster verbessern das Raumklima, aber wozu? Licht gibt es schließlich aus der Steckdose.

Auch Wohnungstüren und Fenster entsprechen oft nicht den Sicherheitsanforderungen. Statt des flexiblen Sonnenschutzes gibt es Fenster mit Wärmeschutzverglasung, die auch im Winter die Sonnenwärme aussperren. Ein besonders kurioses Detail des gegenwärtigen Bauens sind die Lifte: Er soll nicht fehlen, ist aber in Bau und Unterhalt relativ teuer, also wird gespart, wo es geht. Der Innenraum des Fahrstuhls ist optimal für Magersüchtige und ungeeignet für Umzüge; langsam und hässlich ist er sowieso, weder reicht er in den Keller noch bis ins Dachgeschoss.

Mit viel Glück gibt es einen Fahrradkeller, meist stehen die Räder jedoch vor dem Haus, mit der Plastiktüte über dem Sattel, neben den Müllcontainern. An die hat bei der Planung keiner gedacht hat, nun stehen sie zwischen Radständern und Kinderspielplatz. Der Hausmeister schiebt die Tonnen jede Woche auf die Straße in die Parklücke, wenn eine frei ist.

Vielleicht reicht das Geld noch für einen cappuccinofarbenen Anstrich

Und was sieht der Beobachter, der Stadtflaneur? Den geschönten Blick, den das Verkaufsprospekt bot, jedenfalls selten. Die Gestaltung des Hauses ist selten wirklich verkaufsentscheidend, sie wird nicht hoch gehandelt. Gekauft werden netto die Quadratmeter der eigenen Wohnung. Schon die Außenwand wird möglichst dünn, jeder Millimeter ist entscheidend. Vielleicht reicht das Geld noch für einen freundlichen cappuccinofarbenen Anstrich auf der preiswerten Kunststoffisolierung.

Das Fungizid, das außen dick aufgetragen wird, tropft ins Grundwasser. Die Kiesdecke auf dem Dach macht sich bemerkbar, wenn es stark regnet und das Wasser in die knapp dimensionierten Abwasserkanäle schießt, damit es wieder ein schönes Hochwasser gibt. Ein Grünpaket auf dem Dach könnte das mildern - das kostet aber ein paar Euro und ein paar Zentimeter Gebäudehöhe.

Die auf minimale Dimension getrimmten Hochleistungsbauteile landen bei Renovierung oder Abbruch auf der Sondermülldeponie, in zwanzig, dreißig Jahren. Was werden dann die Architekten und Bauplaner über ihre Vorfahren denken? Dass sie es nicht besser gewusst haben, nicht besser wissen wollten? Dass es halt ihr Ziel war, gerade noch die Norm einzuhalten?

Ja: Wohnen muss billiger werden in Deutschland - für alle, die wirklich an der unteren Grenze der Einkommensskala liegen. Es darf in den Großstädten und besonders in den Innenstadtgebieten nicht nur noch teure Operetten-Wohnungen im schicken Milieu geben. Es dürfen dort, wo die Grundstücke teuer sind, die Armen nicht an den Rand gedrängt werden, ohne ausreichende Infrastruktur zum Leben.

Aber für alle anderen gilt: Qualität vor Quantität. Wohnen muss teurer werden!

Der Architektur-Professor Thomas Jocher, 62, ist Direktor des Instituts "Wohnen und Entwerfen" der Fakultät Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart.

© SZ vom 16.08.2014/jobr
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