Nachbarschaftsstreite:Mobbing unter Nachbarn, ein Volkssport

Das Potenzial zur Geldvernichtung ist groß, denn Mobbing unter Nachbarn scheint ein Volkssport zu sein. 39 Prozent der Bundesbürger hätten sich schon einmal von ihren Nachbarn schikaniert gefühlt, ergab eine Umfrage des Portals Immowelt im vergangenen Jahr. Mehr als die Hälfte der Schikanierten sagte, sie hätten die Anfeindungen des Nachbarn einfach ignoriert. Nach Köpnicks Erfahrung schafft aber genau das die perfekte Grundlage für einen Streit, aus dem man nicht mehr so schnell herauskommt. Wer ein Fehlverhalten des Nachbarn nicht gleich anspricht, sondern seinen Ärger wachsen lässt, der ist beim nächsten Zusammenstoß umso geladener - und schaltet dann vielleicht gleich einen Anwalt ein.

Warum entstehen unter Nachbarn so schnell Konflikte? Weil es um den ganz persönlichen Bereich geht. Das eigene Zuhause gehört zu den intimsten Dingen des Lebens. Hier würden Grenzverletzungen - räumliche wie symbolische - häufig als Angriff auf die eigene Person verstanden, schreibt der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma.

Das des einen Grundstücks ist der Anfang des anderen

Menschen hätten um sich herum Sicherheitszonen, auf deren Nichtverletztwerden sie großen Wert legten: Dazu gehörten die Körperoberfläche, die Kleidung, der Abstand zur anderen Person, die eigene Wohnung und auch das Grundstück. "Darum schlägt eine Grenzverletzung in diesem Bereich sofort durch, wird scheinbar irrational beantwortet", schreibt Reemtsma. Die Grenze ist schnell verletzt: Das Ende meines Grundstücks ist der Anfang des anderen.

Bis es zu einer irrationalen Antwort kommt, ist der Nachbar oft ein Freund, mitunter sogar mehr. So war es auch in einem Dorf in der Nähe von Büdingen. Dort lebten eine Frau und ein Mann allein in ihren Nachbarhäusern, sie kannten sich schon lange und hatten beide ihre Lebensgefährten verloren. Doch bevor sie zueinander finden konnten, wie es der Herr wünschte, zog bei der Frau ein neuer Partner ein. Mit der guten Nachbarschaft war es fortan vorbei. Als sie dann einen Balkon zur Seite des Nachbargrundstücks bauen wollte, brauchte sie seine Genehmigung - und bekam sie nicht. So nahm der Konflikt seinen Lauf, bis die Frau herausfand, dass die Mauer des Nachbarn an zwei Stellen um ein paar Zentimeter in ihr 2000 Quadratmeter großes Grundstück hineinreichte.

Vom Partner kann man sich trennen - den Nachbarn muss man dauerhaft ertragen

Juristisch war die Sache klar: Die Frau war im Recht, eine Verlegung der Mauer hätte bis zu 10 000 Euro gekostet. Ihren Balkon hätte sie aber auch dann nicht bekommen, und die Feindschaft mit dem Verschmähten von nebenan wäre zementiert gewesen. Bodo Winter fand einen Ausweg: Der Nachbar hat seine Mauer noch heute, zahlt der Nachbarin 100 Euro Ausgleich im Jahr und hat ihr den Balkon gestattet.

Nachbarschaftsverhältnisse sind unfreiwillige Beziehungen. Seinen Ehepartner sucht man sich aus, beim Eigentümer der Nachbarwohnung geht das in der Regel nicht. In einer Liebesbeziehung ist die Trennung vom Partner die letzte Lösung, doch das eigene Haus gibt niemand so schnell auf - und muss damit auch die Nähe zum ungeliebten Nachbarn in Kauf nehmen. Ist die Stimmung erst einmal vergiftet, bleibt sie es oft. "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", schrieb schon Friedrich Schiller in seinem "Wilhelm Tell". Gerichtsprozesse ändern daran nichts. Der Gang zum Anwalt verschärft die Sache eher noch.

Die goldene Regel könnte lauten: Wer das Gespräch sucht, gewinnt. Das muss man aber erst einmal können. "Wir müssen wieder mehr lernen zu streiten und dabei wertschätzend zu bleiben", sagt Rainer Köpnick. Selbst streiten, statt Anwälte streiten zu lassen.

Der Wohnungseigentümer, der nicht mehr baden durfte, kaufte einfach das Bad und ließ die Tür zur benachbarten Wohnung zumauern. Das hätte er auch früher haben können, ohne jahrelangen, nervenzehrenden Streit mit den Nachbarn.

© SZ vom 07.06.2014/ahem
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