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Nach Rücktritt von Strauss-Kahn:Schwellenländer wollen IWF-Chefsessel besetzen

Nach dem Rücktritt von IWF-Chef Strauss-Kahn ist die Diskussion um seinen Nachfolger voll entbrannt. Schwellenländer wie Brasilien und China pochen seit Jahren auf einen Chefposten und wittern jetzt ihre Chance. Kanzlerin Merkel fordert eine schnelle Entscheidung - für einen Europäer.

Nach dem Rücktritt von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wegen des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung ist die Debatte um seine Nachfolge voll entbrannt. Traditionell wird der Chefposten beim Internationalen Währungsfonds von einem Europäer besetzt. Doch angesichts des wachsenden Gewichts aufstrebender Schwellenländer ist auch eine Reihe von nicht europäischen Kandidaten im Gespräch.

IMF CHIEF RESIGNS, DENIES SEX ASSAULT CHARGES

Mit "unendlicher Traurigkeit" gibt Dominique Strauss-Kahn seinen Rücktritt als IWF-Chef bekannt. Nun wird über seinen Nachfolger diskutiert.

(Foto: AFP)

Als Anwärter gelten unter anderem der Finanzminister von Singapur, Tharman Shanmugaratnam, der ehemalige indische Weltbank-Manager Montek Singh Ahluwalia und der mexikanische Zentralbankgouverneur Agustin Carstens. Auch der südafrikanische Finanzminister Trevor Manuel und der ehemalige türkische Wirtschaftsminister Kemal Dervis werden als Nachfolger gehandelt.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte jedoch am Donnerstag in Berlin, dass erneut ein Europäer den Vorsitz beim Internationalen Währungsfonds (IWF) übernehmen sollte. Sie pochte auf eine schnelle Entscheidung bei der Neubesetzung des IWF-Chefpostens. Den europäischen Anspruch begründete die Kanzlerin unter anderem mit den anhaltenden Problemen in der Eurozone.

Die Schwellenländer hätten "mittelfristig" Anspruch auf den Chef- Posten bei IWF oder Weltbank, sagte Merkel. "Wir müssen auch in Rechnung stellen, dass die Amtszeit von Strauss-Kahn noch nicht abgeschlossen ist." Das könne auch ein "Argument in Richtung der Schwellenländer sein, sich vielleicht einem solchen Gedanken zu öffnen". Zu möglichen Kandidaten äußerte sich Merkel nicht.

Der Finanzexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Frank Schäffler, schlug gegenüber Handelsblatt Online eine Kandidatur des ehemaligen Bundesbankchefs Axel Weber vor. Paris würde den Posten gerne wieder mit einem Franzosen besetzen und wirbt für Finanzministerin Christine Lagarde. Ihr droht allerdings in Frankreich ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs.

"Nicht für Europäer reserviert"

Lagarde hat sich dafür ausgesprochen, einen gemeinsamen europäischen Kandidaten für den IWF-Chefposten vorzuschlagen. Die Europäer sollten sich hinter einen Bewerber stellen, sagte Lagarde am Donnerstag.

Nach Meinung von Brasiliens Finanzminister Guido Mantega muss Strauss-Kahns Nachfolger nicht zwingend ein Europäer sein. Brasilien habe immer die Position vertreten, dass die Auswahl auf Können und nicht auf der Nationalität beruhe. "Die Zeit ist längst vorbei, in der es auch nur entfernt hätte angemessen sein können, diesen wichtigen Posten für einen Europäer zu reservieren", schrieb Mantega am Donnerstag in einem Brief an seine Amtskollegen der Gruppe der 20 wichtigsten Schwellen- und Industrieländer (G 20).

Auch China möchte an der IWF-Führung teilhaben. "Im Prinzip glauben wir, dass Schwellen- und Entwicklungsländer an der obersten Führung beteiligt sein sollten", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu, am Donnerstag. China sei stets der Meinung gewesen, dass der IWF Stellen nach den Prinzipien der Unparteilichkeit, der Transparenz und den Fähigkeiten der Kandidaten besetzen sollten, sagte die Sprecherin.

Der japanische Finanzminister Yoshihiko Noda betonte ebenfalls seine Erwartung, dass der Nachfolger von Strauss-Kahn in einem "offenen und transparenten Prozess entsprechend seiner Fähigkeiten" ausgewählt werde. Zur Frage, ob Japan, das der zweitgrößte Beitragszahler des IWF ist, einen Favoriten für den Direktorenposten habe, wollte sich Noda nicht äußern.

Gegen die "Erbhof-Politik" von USA und EU

Das Kapital des IWF stellen die 187 Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, um so größer ist sein Stimmrecht. So haben die USA einen Stimmanteil von 16,7 Prozent, Japan von 6,25 Prozent und Deutschland von 5,8 Prozent. Zentrale Beschlüsse im IWF müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden. Die USA verfügen somit de facto über eine Sperrminorität.

Bei der Wahl Strauss-Kahns hatten die Schwellenländer bereits die informelle Zusage erhalten, dass der nächste IWF-Chef nicht mehr nach der alten "Erbhof-Politik" bestimmt werden soll, nach der die USA traditionell den Direktor der Weltbank und ein EU-Mitgliedsland den Geschäftsführenden Direktor des IWF stellen. In den Statuten ist diese Änderung jedoch ebenso wenig verankert wie die alte Regelung.

Der bisherige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hatte am Donnerstagmorgen seinen Rücktritt erklärt. Er war am Samstag in New York festgenommen worden, weil er versucht haben soll, eine Hotelangestellte zu vergewaltigen. Die Entscheidung erfülle ihn mit "unendlicher Traurigkeit", doch wolle er nun mit aller Kraft daran gehen, seine Unschuld zu beweisen, erklärte der 62-jährige Franzose.

Seit Tagen hatte der Druck auf Strauss-Kahn stetig zugenommen, sein Amt als IWF-Chef niederzulegen. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers bleibt Strauss-Kahns bisheriger Stellvertreter John Lipsky geschäftsführender Leiter.